Eigentlich erwartet man doch von einem Hollywood Star, dass er von einem Blockbuster zum nächsten springt, dabei Millionenbudgets zur Verfügung stehen und die Gagen sich deren annähern. Glücklicherweise täuscht man sich gelegentlich. Denn wer dachte denn im Traum daran, einen Brad Pitt in einer Art Nebenrolle mit insgesamt maximal 20 Minuten Screentime zu erleben? Oder eine Cate Blanchett, die annähernd 2 ½ Stunden nichts anderes macht, als auf dem Boden einer Steinhütte zu verbluten? „Geht nicht, gibt’s nicht“, stellte ein bekannter Baumarkt schon vor geraumer Zeit fest. „Babel“ unterstreicht diese These bis ins letzte Detail.
Was für ein atemberaubender Film dieses neue Meisterwerk von Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu doch ist. Im Grunde ein Zeichen an die moderne Welt, endlich mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren um im gleichen Atemzug festzustellen, dass es eigentlich gar keinen Grund gibt, auf selbigem Fuß zu fassen. Eine Symbiose aus schrillem Alltagsleben und unendlicher Stille, resultierend aus völliger Verständnislosigkeit. Bahnhof? Kein Wort verstanden? Genau das ist der Inhalt.
Auf drei Ebenen spielt sich dieses Ensemble-Drama ab. Drei Kontinente dienen hierzu als Standorte. In der marokkanischen Wüste spielen zwei Jungs mit einem vom Vater mitgebrachten Gewehr. Mit der Waffe in der Hand versuchen die beiden Heranwachsenden tierische Gefahren von der geldbringenden Schafsherde fern zu halten. Doch schnell artet die Aktion in ein Unglück aus indem einer der Jungs die amerikanische Urlaubstouristin Susan (Cate Blanchett) trifft und diese droht zu verbluten. Händeringend versucht ihr Ehemann Richard (Brad Pitt) seine Gattin am Leben zu halten und schnellstmöglich Hilfe zu holen.
Zur gleichen Zeit befindet sich die Japanerin Chieko (Rinko Kikuchi) in einem der unzähligen Nachtclubs Tokios. Äußerlich unversehrt muss der Zuschauer bald feststellen, dass das Mädchen taub ist und deshalb seit Jahren vergeblich nach Anerkennung und Glück strebt. Hinzu kommt das tragische Schicksal ihrer suizidären Mutter. Ob Drogenrausch oder Eigenprostitution – das Mädchen versucht krampfhaft in der schnelllebigen, äußerlich makellosen japanischen Gesellschaft halt zu finden – vergeblich.
Szenenwechsel. Die Nanny zweier amerikanischer Kinder Amelia (Adriana Barraza) fährt zusammen mit den beiden Sprösslingen zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko – ohne elterliche Erlaubnis und ohne schriftliche Einverständniserklärung. Es kommt, wie es kommen muss. Als Amelias Neffe Santiago von der Grenzpolizei inspiziert wird und darauf hin die Nerven verliert, flüchtet er samt Nanny und Kindern in die Steppe Texas’. Vollkommen orientierungs- und hilflos taumeln die der brütenden Sonne Ausgesetzten über staubtrockenes Gelände, bis Amelia die Geschwister alleine lässt um schneller zum nächsten Highway zu kommen. Doch dort angekommen, gehen die Missverständnisse erst so richtig los…
Was man bei diesem Durcheinander auf den ersten Blick nicht erahnt: Alle drei Handlungen sind mit einander verbunden, obwohl die Protagonisten selbst keinen blassen Schimmer von den desaströsen Ereignissen der anderen haben. Gekonnt verflechtet das Filmteam rund um Regisseur Inarritu die drei Handlungen und schafft dabei wahnwitzige Übergänge und plötzliche Szenenabrisse, die den Zuschauer gerade zu nach Fortsetzung lechzen lassen. Wer allerdings allzu schnell schwach wird, wenn z.B. eine Wunde von einem marokkanischen Tierarzt geflickt wird, sollte sich lieber die Flossen vor die Augen halten – oder „Babel“ komplett meiden.
Auch für einen gemütlichen Samstag Abend ist dieser Streifen nicht geeignet. Die Floskel „schwere Kost“ kann hier ausnahmsweise einmal wörtlich genommen werden. Actionverwöhnte James Bond Anhänger werden ebenso wenig auf ihre Kosten kommen, wie verkitschte Rosamunde Pilcher Fanatiker. Einen vergleichbaren Streifen, den ich bereits gesehen habe, gibt es leider nicht. Eines steht allerdings fest, auch wenn der nachfolgende Vergleich etwas hinkt: Wer sich z.B. beim erst kürzlich verfilmten „Miami Vice“ gelangweilt im Kinositz verschanzt hat, wird „Babel“ definitiv hassen. Denn offensichtlich passiert bei beiden Filmen so gut wie nichts, zwischen den Szenen spielt sich allerdings eine ganze Menge ab.
Bei „Babel“ ist der Name Programm. Bereits in der Bibel symbolisierte der Turmbau zu Babel die Allegorie für das menschliche Trauma, mit einem anderen Menschen nicht reden zu können, weil er eine andere Sprache spricht. Der Film zeugt davon, wie Sprache und Zeichen missgedeutet werden und welche folgenschweren Ergebnisse diese Verständigungsriten haben können. Immer noch Bahnhof? Wieder nichts verstanden? „Babel“ lässt sich nur durch sehen verstehen.

Eigentlich erwartet man doch von einem Hollywood Star, dass er von einem Blockbuster zum nächsten springt, dabei Millionenbudgets zur Verfügung stehen und die Gagen sich deren annähern. Glücklicherweise täuscht man sich gelegentlich. Denn wer dachte denn im Traum daran, einen Brad Pitt in einer Art Nebenrolle mit insgesamt maximal 20 Minuten Screentime zu erleben? Oder eine Cate Blanchett, die annähernd 2 ½ Stunden nichts anderes macht, als auf dem Boden einer Steinhütte zu verbluten? „Geht nicht, gibt’s nicht“, stellte ein bekannter Baumarkt schon vor geraumer Zeit fest. „Babel“ unterstreicht diese These bis ins letzte Detail. [Weiterlesen] (1353 words, 12 images)