8th September 2010

Tino geht ins Kino – und steckt in der Endlosschleife fest

Posted by Tino Socaly on März-8-2006 Add Comments

Tino geht ins Kino: Remakes
Aufmerksame Leser werden merken, dass ich das heutige Kolumnenthema bereits an anderer Stelle verbraten habe. Aber Euer alter Tino ist nun mal leider jemand, der immer bis zuletzt diskutiert, analysiert und interpretiert. Darum: Vorhang auf für Runde 2!

Wieder mal geht es um den Remake-Wahn Hollywoods. Es ist kein Geheimnis, dass der Traumfabrik schon seit Ewigkeiten die Ideen ausgegangen sind, weshalb grundsätzlich so ungefähr 13 Filme in unterschiedlichen Varianten immer neu gedreht werden. Aber da es ja auch noch ein paar wirklich kreative Filmländer gibt – Südkorea in erster Linie, dahinter mit einigem Abstand Frankreich, Japan teilweise auch -, bei denen man sich… nun ja… Inspiration holen kann, schweift der amerikanische Produzentenblick immer öfter über den großen Teich. Was dabei herauskommt, ist aber leider meistens indiskutabler Schrott.

Da werden Klassiker der eigenen Filmindustrie verhunzt (”Botschafter der Angst” -> “Der Manchurian Kandidat”), gnadenlos gruselige Schocker zu billigen Ausstattungs- und CGI-Orgien reduziert (”The Grudge”), oder echtes Terrorkino ersteht als gähnend langweiliges, aber schön ekelhaftes Blutbad wieder auf (”Texas Chainsaw Massacre”). Vielschichtig verschachtelte Meisterwerke, im Original elegant, herzzerreißend, zynisch, ehrlich oder alles auf einmal, mutieren zu glatten, weichgespülten, substanzlosen Nullnummern (”L’Appartement” -> “Sehnsüchtig”). Im allerschlimmsten Fall bekommt das Remake gar den ureigenen amerikanischen Stempel aufgedrückt, beispielsweise ein neues Ende. Denn nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS, geht über ein Happy End, selbst wenn das Original ein solches konsequent umschiffte (”The Vanishing” -> “Spurlos”). Sorry, aber da kriege ich den großen Brechreiz.

In diesem Jahr wurde nun sogar ein Remake in den wichtigsten Oscar-Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Skript geehrt, ungeachtet seiner Schwächen. Klar, die Gründe liegen auf der Hand, Scorsese war eben einfach dran. Aber dennoch: Remakes sind endgültig salonfähig geworden. Dagegen kann man etwas haben oder auch nicht. Auf jeden Fall sollte Hollywood aber die Finger von Themen lassen, die es einfach nicht versteht. Und so finde zumindest ich es absolut erschreckend, dass jetzt allen Ernstes eine Neuauflage von “Das Leben der Anderen” annonciert wurde. Wir rekapitulieren mal kurz: Es handelt sich um ein Kammerspiel ohne jede Action. Es agieren echte Menschen, keine schablonenhaften Abziehbilder aus der Figuren-Stanz-Presse. Grundsätzlich haben wir es handlungstechnisch mit der jüngeren deutschen Vergangenheit zu tun, also etwas, worüber man im fernen Amerika vielleicht in Geschichtsbüchern liest oder großen, staunenden Auges per Fernsehen unterrichtet wird. Und schließlich handelt es sich um ein politisches Lehrstück jenseits aller Pathos-, Schmonzetten- oder ganz simpel Brachial-Dialog-Zeilen. Insgesamt also einen Film, den Hollywood nur völlig gegen die Wand fahren kann.

Da mag sich “Das Leben der Anderen”-Macher Florian Henckel von Donnersmarck (cooler Name, BTW) noch so sehr Sidney Pollack als Regisseur wünschen und naiv träumen, “beratend tätig zu sein”. Das Ding geht in die Hose, falls es denn wirklich entsteht, was ich per Nachtgebet schon seit Tagen zu verhindern suche. Und mal davon weg, um endlich zum Punkt zu kommen: Wie anmaßend muss man als US-Produzent eigentlich sein? Einen Film über etwas zu drehen, von dem man nun weiß Gott keine Ahnung hat?! Sollte das vielleicht der neueste Schrei werden, die individuelle Sicht, das persönliche “Lieschen Müller stellt sich mal was vor und beglückt die Welt mit ihrem geistigen Erguss”-Syndrom? Da hätte ich doch gleich mal ein paar andere Vorschläge, um die lahmende deutsche Filmindustrie ein wenig anzukurbeln! Wie wäre es damit: Doris Dörrie dreht demnächst ihre ganz eigene Version von “Platoon”. Volker Schlöndorff erfindet “Pretty Woman” neu, natürlich als dreistündiges Dokumentar-Drama. Sönke Wortmann arbeitet “Endstation Sehnsucht” zur spritzigen Komödie um. Wim Wenders nimmt sich “Natural Born Killers” zur Brust. Und Roland Emmerich lässt es bei seiner ureigenen “Manche mögen’s heiß”-Version so richtig krachen – steckt ja schließlich auch ein Mafia-Thriller drin.

Mir fällt dazu bloß ein Titel ein: “…denn sie wissen nicht, was sie tun”.

Tino

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