
Es gibt Ereignisse im Leben jedes Menschen, die entscheidend prägenden Charakter besitzen und meist in der Kindheit stattfinden. Beispielsweise könnte folgendes Szenario gewisse dunkle Flecke auf der Seele hinterlassen: Man schläft als grünes Gör den Schlaf der Gerechten und wird plötzlich von einem wüsten Schrei aus süßen Träumen gerissen. Ausgestattet mit dem Heldenmut eines Kindes geht man diesem nach und sieht plötzlich Mutti, Oma oder Tante mit Häschenpantoffeln beschuht auf dem Küchentisch stehen, fiese Gurkenmaske im Gesicht, das dünne Nachthemd bis zum Kinn gezogen, noch immer haltlos kreischend und unter Einsatz ihres Fußes zitternd auf eine winzige, kaum weniger verängstigt wirkende Spinne deutend. Da rückt der Berufswunsch „Kammerjäger“ unvermittelt in greifbare Nähe.
Bei Filmfans sieht die Sache etwas anders aus, da sich besagte prägende Geschehnisse im Normalfall eben auf Zelluloidbasis abspielen. Gern genannt wird da der erste erotische Traum nach Sichtung von wahlweise „Basic Instinct“ (Männer) oder „Dirty Dancing“ (Frauen). Ein weiterer Klassiker in meinem Freundeskreis: fundamentale, tief verwurzelte Angst vor kleinen, blonden Mädchen, hervorgerufen durch Mario Bavas Meisterstück „Die toten Augen des Dr. Dracula“ (übrigens auch mal wieder ein perfektes Beispiel für dämlichste deutsche Titelgebung, da dieser grenzgeniale Psychohorrorkracher mit Dracula oder sogar bloß Vampiren rein gar nichts zu tun hat). Ich für meinen Teil schaute im zarten Alter von zehn Jahren erstmals rein und stand Todesängste aus, hielt aber trotzdem tapfer durch, mit einem Kissen vor dem Gesicht. Aber wenig später sollte noch Schlimmeres nahen, nämlich „When a Stranger calls“, hierzulande als „Das Grauen kommt um 10“ leider nahezu unbekannt. Kurz zur Handlung (Vorsicht, Spoiler!): Die junge Jill Johnson verdient sich als Babysitterin einer reichen Familie ein paar Dollar dazu. Vorerst geht auch alles glatt, bis sie Anrufe erhält, in denen ein offensichtlich gestörter Mann keucht: „Haben Sie schon nach den Kindern gesehen?“ Als Jill dies tut, stellt sie fest, dass die Kleinen grausam ermordet wurden und sich der Killer noch im Haus befindet. Mit knapper Not kann sie ihm entkommen. Das Ganze dauert etwa 20 Minuten und ist Terror in Reinkultur, so spannend, dass man sich die Fingernägel komplett wegbeißen möchte. Danach schwenkt der Film um und gerät zum Psychodrama, welches die hässliche, abgefuckte Seite (nicht nur) Amerikas zeigt. Nachgegangen wird der Frage, wieso ein Mensch zum Monster mutieren kann, und auch hier muss man mit Gänsehaut pur rechnen, allerdings aus anderen Gründen. Am Ende schließt sich der Kreis, denn sieben Jahre später ist Jill selbst Mutter und auf die Dienste eines Babysitters angewiesen, um sich einen netten Abend zu machen. Doch plötzlich klingelt wieder das Telefon – eine unheimliche Stimme möchte erneut wissen: „Haben Sie nach den Kindern gesehen?“ Showdown inklusive düsterer Überraschung folgt…
Wie bereits erwähnt, war dem Schauerstück nicht der verdiente Erfolg gegönnt. Was lag also näher, als knapp 30 Jahre später eine Neuauflage zu produzieren? Da kann man als Fan des Originals gespaltene Erwartungen haben, zwischen Freude über die Würdigung und Furcht vor totaler Verwurstung schwanken. Folgerichtig hat sich Euer Tino wie immer selbst eine Meinung gebildet, um selbige nun knallhart und völlig ungefragt unter die Leserschaft zu bringen. Lasst die Spiele beginnen!
Was zunächst primär den männlichen Zuschauer freuen dürfte: Jill Johnson, im Original von Carol Kane verkörpert, wurde durch Camilla Belle ersetzt. Dies gibt insofern Anlass zur dezenten Euphorie, da Kane zwar eine tolle Schauspielerin, aber doch etwas graumäusig ist/war. Belle hingegen macht ihrem Namen alle Ehre – schnuckelig süß, nicht übertrieben hübsch, eben angenehm. Und natürlich hüllt sich die moderne Jill gern mal in etwas engere Klamotten! An periodische Hormonschübe wurde also gedacht; leider sind diese jedoch keine Zugabe, sondern dringendst notwendig, um das Publikum bei der Stange zu halten (ja, auch das ist Tino: nie um einen schauderhaft schlechten Gag verlegen). Grund: Ken Lemberger, ehemaliger Co-President von Sony Pictures Entertainment, und Clint Culpepper, President von Screen Gems, entschieden gemeinsam, sich in ihrer Neuauflage lediglich auf den vormals erwähnten ersten Teil des Originals zu stützen. Was im Klartext bedeutet, dass circa 20 Minuten auf anderthalb Stunden gedehnt werden mussten. Eine gute Idee? Nö, ganz und gar nicht.
Denn nun geht nicht nur sämtlicher (sozial-)kritischer Hintergrund verloren und mutiert „When a Stranger calls“ alias im Deutschen „Unbekannter Anrufer“ zum Standard-Thriller, nein. Das Ding langweilt auch wie Hölle. Schauen wir uns das, was in Ermangelung besserer Alternativen zukünftig als „Handlung“ bezeichnet werden soll, doch mal näher an (erneut dezente Spoilergefahr): Alles beginnt in der Tat höchst beklemmend, mit einer extrem finsteren Szenenfolge, die zwar überhaupt keine graphische Gewalt zeigt, aber genau durch ihre Andeutungen des Grauens richtig in den Magen schlägt und das Popcorn im Hals stecken bleiben lässt. Ein grandioser Beginn, welcher allerdings nur zu schnell Schema F weicht, denn jetzt lernen wir Jill kennen. Und zwar als Sportskanone (klar, das Mädel muss sich ja später einem Psychopathen erwehren können) mit zwischenmenschlichen Problemen (böser Freund, knutscht einfach eine andere) und Stinkwut im Bauch. Also beste Voraussetzungen, um dem nächstbesten Mörder voller Frust so richtig eins überzubraten. Jill kann leider nicht zur derzeit angesagtesten Party gehen, weil sie eben auf die Nachkommenschaft eines reichen Paares aufpassen muss. Ihr Daddy fährt sie zur Villa der gut Betuchten (natürlich steht der Prunkbau irgendwo am Arsch der Welt und gibt finsteren Gestalten somit allerlei Möglichkeiten, hektische Aktivität zu entfalten) und faselt gleich noch was davon, dass man Verantwortung übernehmen müsse, wenn es drauf ankäme. Jill nimmt diese Phrase ernst und sich ohne Umwege zu Herzen, was nachfolgend übrigens erklären mag, wieso sie nicht einfach vor dem Psycho flüchtet, sondern auch noch zur Rettung der ihr anvertrauten Gören schreitet. Es gibt schon listige Drehbuchautoren…
So weit, so doof. Jill schaut sich also in Anwesenheit der reichen Schnösel den protzigen Schuppen an und versichert auch mehrmals glaubhaft, wie „traumhaft schön“ das Anwesen sei. Damit hat sie allerdings tatsächlich Recht, denn der Schuppen ist der feuchte Traum jedes Architekten: voll verglast, reich dekoriert, ein Wohnparadies halt. Egal. Solcherlei Anerkennung schmeichelt jedenfalls der Hausherrin dermaßen, dass sie nicht bloß vertrauensselig die streng geheime Nummer zur Deaktivierung der Alarmanlage rausrückt, sondern auch ihren teuren Schmuck gut sichtbar rumliegen lässt. Elster Jill behängt sich erst einmal ausführlich mit den edlen Stücken, womit immerhin etwas Zeit vergeht. Ach ja, und natürlich tobt draußen stilecht ein Gewittersturm! Wer buchstäblich im Glashaus sitzt, hört eben den Regen besonders unheimlich auf die Scheiben prasseln…
Doch unsere einsame und darum kurz darauf schon dezent verängstigte Babysitterin hört noch so manches andere: Die Eiswürfelmaschine produziert lauthals Nachschub – und Jill entgeht bloß knapp einem Herzkasper. Spontan kreischt die Alarmanlage los, lässt die schlafenden Blagen aber völlig kalt – Jill dagegen springt erschrocken einige Zentimeter in die Luft. Das Hausmädchen (vermutlich ohne Aufenthaltsgenehmigung unterwegs, deswegen den Hausherren sklavisch dankbar beziehungsweise von selbigen leicht zu erpressen und deswegen noch am späten Abend tätig) poltert vor sich hin – und Jill trifft fast der Schlag. Den Zuschauer allerdings auch, denn was schon beim zweiten Mal nicht mehr spannend war, wird mit zunehmender Wiederholung eben weder origineller noch schockierender. Zwischendurch rufen diverse Menschen an, und man hofft jedes Mal aufs Neue, dass diesmal der wahnsinnige Mörder am anderen Ende der Leitung röchelt. Indes, man wünscht vergebens, denn die gar fiesen Telefonterroristen rekrutieren sich nur aus Hausherrin, Sicherheitsfirma, Freund, Kumpels und ähnlichen kaum bedrohlichen Gestalten. Zwei Drittel des Films vergehen also mit Schocks, die sich schnell als völlige Harmlosigkeiten herausstellen. Dafür kennt man irgendwann die Innenarchitektur des Hauses wie seine Westentasche, weil Jill ja ruhelos durchs Gemäuer latscht, um dem nächsten Gruselgeräusch auf dessen langweiligen Grund zu gehen. Auch der über weite Strecken elegisch-melancholische Score passt zwar häufig überhaupt nicht zum… hüstel… aufregenden Geschehen, ist für sich genommen aber echtes Ohrenbalsam. Kompliment an James Dooley, derart konsequent am Film vorbei zu komponieren und damit etwas ziemlich Großes erschaffen zu haben! Positiv anrechnen könnte man darüber hinaus Regisseur Simon West, dass er nicht dem aktuellen Trend erliegt, Sadismen um jeden Preis abbilden zu wollen, sondern sich auf die Wirkung des Angedeuteten besinnt. Allerdings geht West dabei wiederum zu weit: Wenn es in den letzten paar Minuten dann tatsächlich zum gar nicht mehr erwarteten Kampf zwischen Mädchen und Monster kommt, sind Kamera und Schnitt dermaßen peinlich darum bemüht, wirklich keinerlei Gewalt zu zeigen, dass es schlicht lächerlich wirkt.
Nach 87 Minuten inklusive Abspann hat man wieder mal ein fürchterliches Remake hinter sich gebracht und muss im ersten Schritt die eingeschlafenen Füße wecken, vielleicht auch seine/n sanft entschlummerte/n Begleiter/in. Die vom Verleih beantragte Altersfreigabe „ab 12 Jahren“ dürfte zwar illusorisch sein, da sich schon der Trailer nach kaum nachvollziehbarer Meinung der FSK erst für 16jährige aufwärts eignet, spricht jedoch Bände: Aus einem uneingeschränkten Meisterwerk des Terrorfilms wurde in der Neuauflage unterdurchschnittlicher, glatt polierter, gähnend öder Kinderhorror. Das einzig wirklich Erschreckende daran stellt das relativ hohe US-Einspiel dar, welches bereits jetzt einen zweiten Teil zur beschlossenen Sache machte. Wie soll dieser dann übrigens heißen? „When a Stranger calls again“? „When a Stranger calls back“? Oder „When another Stranger calls“? Eine Frage, ungleich spannender als anderthalb Stunden “Unbekannter Anrufer“…
Aufregendere Telefongespräche (aber bitte nicht im Kino!) wünscht deshalb
Tino









