19th May 2012

Tino geht ins Kino: Von verknoteten Zungen und geistigen Höhenflügen

Posted by Tino Socaly on Mai-4-2006 2 Commented

Tino geht ins Kino
Am einfachsten erscheint wohl die Lösung, gar nichts zu verändern und damit dem im Englischen nicht so sattelfesten Teil des hiesigen Publikums böse Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Ich möchte nicht wissen, wieviele bedauernswerte Kinokassendamen sich literweise fremden Speichel vom Gesicht wischen mussten, weil am laufenden Meter Karten für „The Sixth Sense“ (sprecht das mal laut aus!) verlangt wurden… Möglichkeit Nummer 2 und ganz besonders clever: Man ersetzt das Original durch einen anderen englischen Titel. Ja, das ist originell, darauf muss man erst einmal kommen! Erinnert sich beispielsweise noch jemand an die fiese kleine Thriller-Komödie „Heathers“? Nein? Geht ja auch nicht, schließlich hieß sie hierzulande „Lethal Attraction“. Boah! Gratulation an das dafür zuständige Hirn.

Okay, in den weitaus meisten Fällen wird natürlich trotz allem ein deutscher Schriftzug auf dem Plakat prangen. Es bietet sich eine 1:1-Übersetzung an, weswegen zum Beispiel aus „Four Brothers“ eben „Vier Brüder“ werden. Manchmal gelingt das aber nicht, weil sich gewisse Wortspiele nun mal kaum übertragen lassen. Man denke an „What Lies Beneath“ beziehungsweise – noch doppeldeutiger – „Where the Truth Lies“. Folgerichtig heißen die betreffenden Werke dann mehr oder weniger adäquat „Schatten der Wahrheit“ und „Wahre Lügen“. Ebenso oft scheint es aber, als würden die Kreativen gerade ihren Ego-Trip hinter sich bringen wollen und deswegen Titel unters Volk werfen, wie es ihnen gerade passt. Da mutiert „Finding Neverland“ zu „Wenn Träume fliegen lernen“ und stellt sich damit selbst in die Rosamunde-Pilcher-Gedächtnis-Ecke. Auch „Imagine Me & You“ verliert in der deutschen Benennung „Eine Hochzeit zu dritt“ sämtlichen Charme. Allerdings kann man diese Praxis nicht bloß modernen Filmen zum Vorwurf machen. Unter anderem musste bereits 1965 „Die! Die! My Darling!“ Federn lassen. Gut, die direkte Übersetzung („Stirb! Stirb! Mein Liebling!“) hätte wohl eher umfassende Erheiterung als Gruselgefühle hervorgerufen. Aber führte das Juwel aus den Hammer Studios nicht noch einen Alternativtitel namens „Fanatic“ („Fanatisch“)?! Der deutsche Verleih verweigerte sich jedoch auch diesem und ersann einen ganz eigenen Knüller. Wie hieß (und heißt) ergo der Psychothriller um eine im wahrsten Wortsinn wahnsinnig religiöse alte Frau, welche die Verlobte ihres toten Sohnes gefangen hält, um erst deren Seele zu reinigen und dann für Wiedervereinigung mit dem verstorbenen Filius zu sorgen, in Deutschland? Richtig geraten: „Das düstere Haus“. Huuuhh… Sensible Gemüter kickt die pure Spannung beim Lesen sicher aus den Latschen.

Wie begegnet also der kluge Verleih dem Problem, potenzielle Sprachbarrieren zu überwinden, aber gleichzeitig den Originaltitel nicht völlig zu verfälschen? Korrekt: Er verpasst selbigem einen Zusatz. Da verwandelt sich die zumindest namentlich harmlose „Carrie“ marktschreierisch in „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, und man fragt sich, über wieviele Kinder Luzifer insgesamt eigentlich verfügt. Brandaktuell und ebenfalls sehr hübsch: „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“. Wer sich da nicht auf die Schenkel klopft… Nun muss man aber besonders bei direkten Übersetzungen aufpassen, weil sich mancher Misston einschleichen kann. Exemplarisch sei das Drama „Ein ungezähmtes Leben“ genannt, welches ursprünglich „An Unfinished Life“ benannt war. Bin ich der einzige Erbsenzähler, welcher da einen dezenten, nicht ganz unwichtigen Unterschied ausmacht, weil „ungezähmt“ und „unvollendet“ nun mal zwei Paar Stiefel sind? Folgerichtig greifen die Menschen hinter den deutschen Titeln so gern wie häufig auf einen simplen Trick zurück: Es werden zu Vergleichszwecken beide Sprachfassungen friedlich vereint. Man denke zum Beispiel an „The Village – Das Dorf“. Originalität vom Allerfeinsten! Gleiches gilt für „Unbreakable – Unzerbrechlich“, „Signs – Zeichen“ oder „Dark Water – Dunkle Wasser“. Bei „The Grudge – Der Fluch“ reichte die kreative Eigenleistung gar für einen neuen DVD-Titel, nämlich „Der Fluch – The Grudge“. Wow, wie geschickt! Man wundert sich angesichts dessen, warum wir von „Flightplan – Flugplan“ beziehungsweise „Underworld – Unterwelt“ verschont geblieben sind. Na ja, dafür dürfen wir uns schlimmstenfalls auf „Little Man – Kleiner Mann“ oder „Cars – Autos“ freuen. Mich sucht schon beim Gedanken daran eine Ganzkörper-Gänsehaut heim…

Schöne Kinoabende ohne Wortlabyrinthe wünscht

Tino

  • del.icio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • RSS
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • FriendFeed
  • LinkedIn
  • MySpace

Post a Comment

(required. But it will not be published)