19th May 2012

Tino geht ins Kino – Und trifft dort Hollywoods liebste Rabenmutter

Posted by Tino Socaly on Juni-22-2006 Add Comments

Tino geht ins Kino: Julianne Moore
Neulich sitze ich im Programmkino meines Vertrauens, um im Rahmen eines Virginia Woolf-Themenabends „The Hours“ anzuschauen. Ihr wisst schon, dieses epische Werk, in dem Nicole Kidman zur zornig gefalteten Stirn eine übergroße Nase im Gesicht trägt, mit toten Vögeln kuschelt und dafür diverse Preise nachgeworfen bekommen hat. Der wunderbare Score aus Philip Glass’ Feder entführt mich gerade in magisch-ferne Sphären, da sorgt ihr Auftauchen plötzlich für ernüchternde Bodenhaftung: Julianne Moore. Diesmal als ziemlich verpeilte Vorstadtfee Laura besetzt, deren Sanftheit schon an Phlegma grenzt und die erst nach einem lesbischen Kuss sowie Lektüre des Woolf-Bestsellers „Mrs. Dalloway“ genug Kraft aufbringt, ihren gähnend langweiligen Mann zu verlassen.

Eine stattliche Leistung, welche wieder einmal beweist, dass keine bislang bekannte Darstellerin für solche Rollen besser geeignet wäre! Selbst Co-Star Meryl Streep müsste im direkten Vergleich scheitern, denn mysteriöserweise umweht unsere Julianne praktisch naturgegeben immer dezenter Hausfrauenduft, ein gewisser Hauch von Spülmittel und rustikaler Authentizität. Man sollte fast glauben, sie hätte die bei Filmpremieren zur Schau gestellten Kleider in ihrer Freizeit selbst genäht und würde zwecks Schaffung positiver Atmosphäre am Set für alle Kuchen backen. Mit liebevoll aufgeklebter Marzipanrose, damit er noch hübscher aussieht.

An Moores unbestritten beeindruckendem schauspielerischen Talent ändert das natürlich nichts, prädestiniert die Frau allerdings für den Part der gütigen Mutter. Nun könnte sie dagegen bewusst ankämpfen, geht aber bislang einen völlig anderen, perfideren Weg, um sich dem Klischee zu widersetzen. Wenn man dieser Lichtgestalt ein Kind anvertraut, geschieht dem unschuldigen kleinen Menschen nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Schreckliches, wobei sogar eine gewisse Steigerung auffällt. Gönnen wir uns eine kurze Chronologie der Tränen. In „Boogie Nights“ wird ihr der Nachwuchs „bloß“ entzogen – man hofft für das arme Würmchen auf eine herzliche Pflegefamilie. Einige nachwuchslose Auftritte später folgt dann „Dem Himmel So Fern“. Moore mimt eine glückliche, gesellschaftlich schwer terminierte Industriellengattin, deren rosarotes Idyll unverhofft zusammenbricht, da sich der Ehemann anderen Kerlen zuwendet und sie selbst ihre Zuneigung zum Gärtner entdeckt. Was per se nun alles vielleicht nicht weiter wild sein könnte, würde es sich bei besagtem Heckenschneider nicht um einen Farbigen handeln, worauf die bigotte Gemeinschaft im Amerika der 50er nicht eben euphorisch reagiert. Und da gibt es dann diese Szene, in der Moores Filmtochter – ein dürres, bezopftes Mädchen, welches sich nicht unbedingt ohne triftigen Grund danach sehnt, irgendwann einmal „so hübsch wie meine Mama“ zu sein – von ihren Ballettfreundinnen auf Antrieb der erbosten Mütter böse brüskiert wird. So was prägt eine fragile junge Seele entscheidend! Noch schlimmer erwischt es allerdings Moores „The Hours“-Sohn. Der Knirps kommt nie wirklich darüber hinweg, im zarten Alter von seiner Mommy verlassen worden zu sein. Nach langen Jahren (und als fast ebenso ausufernd empfundener Leinwandzeit) verübt er in Gestalt Ed Harris’ Suizid, ohne ihr Gelegenheit zur Reue zu geben.

Nachfolgend gehen der schusseligen Schauspielerin weitere Früchte ihrer cineastischen Lenden verloren. So trifft es Sam, Moores Sprössling in „Die Vergessenen“, besonders hart: einmal nicht aufgepasst, sofort zu Versuchszwecken von Außerirdischen entführt. Und anno 2006 entsteht schließlich „Freedomland“. Dem deutschen Verleih gefällt es zwar zunächst, diesem wüsten Thriller-Drama-Action-Psycho-Konglomerat einen vermeintlich zugkräftigen, mysteriös wabernden Titel zu verpassen („Das Gesicht der Wahrheit“, uiuiuiuiui!). Vermutlich nach Erstsichtung der auf Zelluloid gebannten Katastrophe entscheidet man jedoch, die hiesigen Lichtspielhäuser mit deren öffentlicher Aufführung zu verschonen, was tatsächlich eine ausnehmend gute Idee ist. Aber auf DVD wird uns das Werk wohl doch ereilen, und so darf dann im gemütlichen Wohnzimmer der geneigte Zuschauer Zeuge werden, wie Moore des nächtens mit blutverschmierten Händen verstört in ein Krankenhaus stolpert, um erneut den Verlust ihres Sohnes kundzutun. Natürlich, was denn sonst. Diesmal hat ein fieser Autodieb sie überfallen und nicht bloß das Fahrzeug geraubt, sondern auch den im Fond schlafenden Knaben mitgenommen. So viel sei verraten: Das Ganze endet unerwartet freudlos.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Aber mich wird zukünftig das nackte Ganzkörpergrauen packen, wenn Julianne Moore auf der Leinwand erscheint und ein Kind in ihrer unmittelbaren Nähe auftaucht. Armes, einem schrecklichen Schicksal geweihtes Wesen, schreie um Hilfe, laufe, so schnell dich deine kurzen Beine tragen, kehre nicht um und schaue bloß niemals zurück! Was auch geschehen mag und welche Drehbücher sich auf ihrem Nachttisch stapeln – unserer bislang noch sehr verehrten Misses M. sei nachdrücklich geraten, sich nicht weiterhin in ein derart blödsinniges Besetzungs-Korsett quetschen zu lassen. Zumal dieses mittlerweile sogar ganz offensichtlich negative Eigendynamik entwickelt: Moores Rollenwahl gerät nämlich langsam zur unfreiwillig komischen Farce. So mancher hat es nie mehr geschafft, sich aus ähnlichen Schubladen zu befreien, was zwar nicht in jedem Fall als Verschwendung bezeichnet werden muss. Dann lässt Angelina Jolie eben immer und überall ihre „Bambi mit Bazooka“-Aura raushängen oder holzt sich Harrison Ford selbst als 63jähriger noch durch „Entfessele den Helden in dir!“-Reißbrett-Vehikel à la „Firewall“. Man tut, was man (am besten) kann. Doch ohne eine starke, facettenreiche und verblüffend andere Julianne Moore wäre Hollywood definitiv um einiges ärmer.

Möglichst verlustfreie Abende im Kino wünscht

Tino

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