
Die heutige Kolumne soll zunächst einmal dem Outing dienen: Euer wackerer Tino trägt schon lange schwer am Gedanken eines in Eigenregie verfassten Drehbuches. Nun soll sich der Schriebs aber natürlich auch verkaufen, bestenfalls bis nach Hollywood. Ergo gilt es, gewisse Standards einzuhalten und Regeln zu befolgen, denn Innovationen sind über den großen Teich ja nun mal nicht gern gesehen. Was liegt also näher, als sich etwas Zeit zu nehmen, um die beliebtesten Klischees zu eruieren, zu bündeln und daraus eine Geschichte zu machen, die mit Sicherheit reißenden Absatz findet?! Eben. Das Ergebnis sei Euch nicht vorenthalten, erhebt aber natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit der berücksichtigten Stereotypen. Im Gegenteil; da geht noch viel mehr. Quasi eine erste Rohfassung…
Alles beginnt in einem Penthouse von circa 150 Quadratmetern Größe. Wir schwenken in ein Schlafzimmer, an dessen Decke ein Ventilator träge die Luft bewegt. Auf dem Bett liegt unser Held (schwarze Haare, 3-Tage-Bart, muskulös, italienischer Typ, unheimlich attraktiv) und schläft. Am Fußende der Matratze befinden sich einige Flaschen Whiskey, leer. Auf dem Nachttisch steht das Foto einer lachenden jungen Frau (brünett, riesige blaue Augen, natürliches inneres Leuchten, unheimlich attraktiv), die ein zuckersüßes kleines Mädchen auf dem Arm trägt und von allerlei Grünzeug umgeben ist. Nun schwenkt die Kamera auf eine am Boden liegende Zeitung. Diese ist zerknüllt und etwas zerfetzt; allerdings nicht so sehr, dass man sie nicht mehr lesen könnte. Eine riesige Schlagzeile spricht vom schrecklichen Unfalltod einer Mutter und ihres Kindes, das darunter sichtbare Bild zeigt uns die Frau von eben. Urplötzlich ertönen herzzerreißend traurige Violinenklänge. Während jetzt weichherzige Zuschauerinnen in unergründlichen Handtaschen hektisch nach ihrem Spitzentaschentuch wühlen, erwacht der Held.
Er setzt sich auf, greift zuerst nach der Zeitung und seufzt voller Gram einen Namen, welcher im späteren Filmverlauf nie wieder eine Rolle spielen wird; beispielsweise: „Oh, Ingeborg!“ In einem Anfall von wütendem Leid wird die Zeitung in kleine Fetzen zerrissen, denn sie hat ja ihre Funktion erfüllt. Auf der Tonspur fiedeln die depressiven Streicher. Männe schleicht gedrückt in die Küche. Weil er das Kochen entweder früh ver- oder nie gelernt hat, wärmt er ein Fertiggericht in der Mikrowelle auf, wirft selbiges aber nach zwei Bissen in den Mülleimer. Da klingelt das Telefon! Müde tapst der Held ihm entgegen, hebt ab, hört drei Sekunden zu, sagt „Okay“ und legt auf. Dann ruft er seinen Partner an (denn Männe ist Cop, was sonst?!) und gibt ungefähr acht Minuten lang den Inhalt des soeben geführten Gespräches wieder. Wir erfahren, dass ein fieser Obermotz nichts anderes plant, als die Weltherrschaft an sich zu reißen (in diesem Augenblick setzt pompöse Spannungsmusik ein), was die beiden wackeren Gesetzeshüter verhindern müssen; natürlich im Alleingang, obwohl besagter Schurke über ganze Armeen verfügt. Man verabredet ein Treffen im Präsidium.
Jetzt schwenken wir über zum Domizil des schrecklichen Bösewichts. Es handelt sich um ein bis in den Himmel reichendes, düster dräuendes Palais, dessen Existenz aber bisher geheim bleiben konnte, da es irgendwo am Arsch der Welt steht. Gerade ist der Finsterling damit beschäftigt, einen Lakai wegen eines banalen Fehlers grausam zu töten, zur Abschreckung des restlichen Personals, welches angemessen beeindruckt in den Ecken des Raumes steht. Nachdem dies vollbracht wurde, gelüstet dem Weltenvernichter nach etwas Entspannung, weshalb wie aus dem Nichts einige orientalische Tänzerinnen aufpoppen und barbusig lustige Verrenkungen aufführen. Ein gewagter Kameraschwenk zeigt, dass derweil ein abtrünniger Gefolgsmann im Zimmer des Schurken herumschnüffelt, wo auf dem Tisch ein paar strengst geheime Dokumente liegen. Da selbige natürlich mit einem entsprechenden Schriftzug versehen sind, fallen sie ihm sofort ins triefende Auge, und er liest sie. Augenblicke später ruft er den Helden auf dessen Handy an, weil die Nummer scheinbar weltweit bekannt ist. Anstatt aber die eben eruierten Informationen sofort weiterzugeben, vereinbart man erneut ein Treffen: um Mitternacht am Kai. Damit hat der unloyale Bruder Leichtfuß sein Todesurteil unterzeichnet, denn wie uns die nächste Einstellung zeigt, steht der Finsterling in der Tür, fies grinsend und eine Waffe seiner Wahl wetzend oder polierend. Zwecks Spannungsaufbau verlagert sich die Szenerie nun aber zum Präsidium.
Dort sitzen die Cops bei Kaffee und Doughnuts. Ein paar völlig überschminkte, sofort als verhaftete Huren zu identifizierende Frauen keifen wahlweise obszön herum oder bieten reihum ihre Dienste an – natürlich erfolglos, da die rechtschaffenen Gesetzeshüter ihre Gattinnen nicht hintergehen, was für etwas begriffsstutzige Zuschauer per Dialog erläutert wird. Unser Held plus Partner läuft an ein paar Junkies vorbei, die zusammengesunken im Flur herumsitzen, ehe er vom Chef in dessen Büro über die Sachlage aufgeklärt wird. Selbige besagt, dass man sich der Dienste einer Professorin bedienen müsse, welche auf einem völlig obskuren Lehrgebiet forscht, von dem noch niemand je etwas gehört hat. Also machen sich die zwei tapferen Gesellen auf, der gelehrten Dame einen Besuch abzustatten. Obwohl gerade Rush Hour sein müsste, hat man nach wenigen Sekunden das Ziel erreicht und besetzt den allerletzten freien Parkplatz vor dem ansonsten gnadenlos zugestellten Gebäude. Frau Professorin entpuppt sich einige Augenblicke danach als dermaßen hässlich, dass es die Sau graust. Man wünscht sich, sie möge den restlichen Film mit einem Kartoffelsack über dem Kopf herumlaufen – aber dieses Ansinnen währt nicht lange, denn justament schlägt die Glocke Feierabend. Dies nutzt das abstoßende Wesen, um (in Zeitlupe und zu Strip-Musik) die Haarnadeln aus dem Dutt zu ziehen, ihre kiloschwere Hornbrille abzusetzen, den klobigen Kittel abzuwerfen, worunter ein Hauch von Nichts zum Vorschein kommt, und ihr wallend blondes Haar zu schütteln. Wie von Zauberhand trägt das Mädel nun auch dezentes Make-up und könnte unvermittelt das Cover jeder Männerzeitschrift zieren, weshalb unser Held seine tote Gattin auch sofort vergisst und ab sofort in Love mit Frau Professorin ist. Diese spielt aber bislang noch die Unberührbare und klärt darüber auf, dass der Bösling neue Apparaturen entwickelt habe, welchen mit der aktuell einsetzbaren Technik nicht begegnet werden könne. Deshalb müsse man sich in die Höhle des Löwen begeben und vor Ort eine geeignete Strategie entwickeln. Unser Held ist sofort Feuer und Flamme, nimmt aber statt seines Partners die Frau mit, welche sich vermutlich etwas Abwechslung vom öden Forschungsjob erhofft. Aber vorher steht ja noch das Treffen mit dem Zeugen an.
Man wartet also bis Mitternacht und nutzt die Zeit, einander von diversen Traumata (Held: Verlust von Frau und Kind; Neuheldin: vom Vater ungeliebt) zu erzählen, was die gegenseitige Anziehung gerade auf weiblicher Seite immens steigert, da sich psychisch geschädigte Menschen gern intern paaren. Aber ehe der erste Kuss erfolgen kann, findet man sich am Kai wieder. Aus der Dunkelheit kriecht der erwartete Zeuge – aus sämtlichen Körperöffnungen blutend, zerschunden, gefoltert, dem Tode nahe und durch den weiten Weg vom Domizil des Bösen zum Hafen weiter geschwächt. Es gelingt ihm gerade noch, „Nehmen Sie sich unbedingt in Acht vor…“ zu röcheln, ehe er verstirbt. Ein Augenblick der Trauer hält unser Heldenduo umfangen, ehe sie die Leiche in die Brühe schmeißen, weil das unangenehme Fragen der Vorgesetzten verhindert. Plötzlich taucht aus dem wabernden Nebel eine schwarze Limousine auf und hält genau auf die wackeren Kämpfer für das Gute zu. Vermutlich aus Ablenkungsgründen flüchtet die Frau gut sichtbar mitten auf der Straße. Darauf fällt der Fahrer auch prompt rein und folgt ihr. Obwohl er ungefähr 200 Sachen drauf hat, gelingt es dem Wagen nicht, die rennende Madam einzuholen. Der Held zieht derweil in aller Seelenruhe seine Dienstwaffe, legt an und gibt einen Schuss ab. Daraufhin explodiert die Limousine in einem gigantischen Feuerball. Da sie noch nicht sonderlich weit gekommen ist, kann die süße Professorin problemlos die wenigen Schritte zurück gehen und beginnt damit, ihren (wir ahnen es) zukünftigen Gatten wüst zu beschimpfen, weil er sie in solche Gefahr gebracht hat. Anstatt ihr ebenfalls die Meinung zu geigen, reißt Männe die Holde an sich und küsst sie, was jedoch nicht etwa in einer entrüsteten Ohrfeige resultiert, sondern sofortiger Erschlaffung des weiblichen Körpers nebst totaler ekstatischer Hingabe. Minuten später verlässt man breit grinsend und mit ineinander verschlungenen Händen das Bild, auf dem Weg zum obigen Penthouse.
Am nächsten Morgen erwacht man gemeinsam, wobei der Held oben ohne herumliegt, das Mädel aber von Kopf bis Fuß in ein Laken gewickelt ist. Romantische Klaviermusik ertönt. Nach der obligatorischen Dusche erwacht die Erinnerung an den ausstehenden Plan, also schwingen sich die zwei Turteltäubchen ins Auto und fahren der aufgehenden Sonne entgegen. Obwohl die Straße schnurgerade verläuft, kurbelt der Held mit dem Lenkrad herum, als würde eine Kurve die nächste jagen. Momente später wird die Idylle erneut jäh gestört, denn wieder taucht ein Auto plus Chauffeur mit bösen Absichten auf und setzt zur Verfolgung an. Anstatt jedoch in menschenleeres Gebiet auszuweichen, sucht unser Gesetzeshüter den direkten Weg in die Stadt, wo gerade Markttage stattfinden. Man prescht also hintereinander her, Reifen quietschen, Motoren röhren, Frauen kreischen schrill am Wegesrand. Einer ungefähr 97jährigen Oma mit Krückstock gelingt es angesichts der heranrasenden Autos, galant und adrenalinsteigernd zur Seite zu springen. Ein Kinderwagen rollt auf die Straße, das Publikum hält den Atem an. Der Held umkurvt das Hindernis, sein Verfolger überfährt es jedoch eiskalt. Stofffetzen segeln durch die Luft, die Zuschauer sind erschüttert – und atmen dann erleichtert auf, denn dieser Kinderwagen beherbergte aus mysteriösen Gründen nur eine Puppe, Einkäufe oder gar nichts. Nachdem circa 14 Marktstände der wüsten Jagd zum Opfer gefallen sind, taucht unvermittelt eine Rampe auf, welcher der fiese Verfolger nicht ausweichen kann. Sein Fahrzeug brettert 100 Meter durch die Luft (Zeitlupe!) und landet schließlich in einem Misthaufen, Gebäude beziehungsweise Fluss.
Man setzt die Fahrt nun ganz entspannt fort, bemerkt jedoch wenige Kilometer vor Erreichen des Zieles, dass die Schurken nicht untätig waren und die Bremsleitungen gekappt haben. Obwohl die Straße leicht ansteigt, wird der Wagen immer schneller. Voller Todesmut stößt der Held die Frau aus dem Auto – sie kugelt etwas herum und bleibt schließlich still liegen. Er selbst wagt danach einen Hechtsprung aus dem tödlichen Blechhaufen, nur Sekunden vor dem Aufprall auf eine massive Felsmauer, welche erneut zur gigantischen Explosion führt. Frau Professorin sieht nach dem Aufrappeln immer noch aus wie frisch geduscht und soeben frisiert. Darüber hinaus ist sie voller Freude über die Fortsetzung ihres Lebens, was sich in einem akuten Kuschelanfall äußert (kitschige Musik). Leider gilt es nun, den Weg per pedes fortzusetzen, und zwar durch einen Dschungel. Obwohl dort allerlei Getier lauert, kann der Held aufrechten Hauptes durch die Lianen stapfen, da sich besagtes Viehzeug ausschließlich auf die Frau stürzt, um Blut zu saugen, zu beißen oder noch Schlimmeres zu tun. Ein zwischendurch auftauchender Hubschrauber wird durch einen (in Zahlen: 1) gezielten Schuss aus der treuen Dienstwaffe unschädlich gemacht, dreht sich dramatisch in der Luft, stürzt aus dem Bild und explodiert mit riesiger Stichflamme. Schließlich erreicht das furchtlose Duo die finstere Festung; da sie ihr Insektenspray zur Hand hatte, stellt die Professorin nach wie vor jedes Model in den visuellen Schatten.
Scheinbar ist der Obermotz so extrem von sich überzeugt, dass nirgends Wachen postiert wurden. Man spaziert also gemütlich in den Prunkbau hinein und findet ebenfalls die eingangs bereits erwähnten Geheimdokumente. Bevor diese jedoch zur Entwicklung eines Planes dienen können, steht erneut der Feind in der Tür und fuchtelt mit seinen Waffen herum. Eine Flucht scheitert leider, weil die Frau dabei stolpert, sich den Knöchel verstaucht und dem Schurken in die Hände fällt. Da er in reiner Liebe entflammte und sich um das Wohl seiner potenziellen Gattin sorgt, wirft Hero-Männe auf entsprechenden Befehl seine unschlagbare Pistole in den Burggraben. Nun völlig machtlos, muss er sich die Lebensgeschichte des Böslings anhören. Anstatt beide endlich umzubringen, breitet dieser im Anschluss auch die Gründe für seinen Wahnsinn wortreich aus. Und da er offensichtlich ein schweres Kommunikationsdefizit verspürt, erzählt der Weltbedrohende danach gleich noch, wie man seine fiesen Pläne am besten durchkreuzen könnte. Nach diesen ausufernden Erläuterungen werden Held und Heldin aber nicht einfach umgebracht, sondern in eine komplizierte Mordmaschinerie eingeschlossen, welche zudem über einen Zeitschalter verfügt, der seitens des Finsterlings auf circa fünf Minuten eingestellt wird, ehe er den Raum verlässt. Die zwei Liebenden gestehen sich unter vier Augen zunächst heftige Zuneigung über den Tod hinaus. Anschließend fummelt der wackere Gesetzeshüter mit seinen Füßen, einer Büroklammer, einem Knopf von der Professorinnenbluse oder etwas ähnlichem so lange am Mechanismus herum, bis dieser sich ausschaltet – bevorzugt bei „0:00:01“.
Jetzt folgt der Endkampf; vorher muss der Held aber nun doch ungefähr 734 Wachen ausschalten. Da diese stets sehr gesittet einzeln angreifen und sein Magazin unergründlich zu sein scheint, gelingt ihm dies ohne jede Schwierigkeit. Zum guten Schluss prügeln sich Guter und Böser einige Minuten herum, zerschlagen Stühle und Flaschen aufeinander, rollen sich über den Boden und ächzen dabei wie in einem Pornofilm. Während der ganzen Zeit steht Frau Professorin mit weit aufgerissenen Augen wimmernd daneben. Als sie doch einmal gelinde Aktivität entfaltet und mit einem schweren Gegenstand nach den Kampfhähnen schlägt, trifft sie den Helden, was die Spannungskurve ansteigen lässt. Schließlich gelingt es unserem Good Guy trotzdem, den Bad Guy ins Nirwana zu schicken. Leider sieht es bloß so aus, denn dieser ist mitnichten tot und springt plötzlich mit einem brachialen Urschrei auf das Pärchen zu! Diese letzte Attacke wird jedoch durch einen gezielten Schuss zwischen die Augen abrupt beendet, denn der bislang nicht weiter aufgefallene Partner unseres Helden bekommt jetzt die ultimative Gelegenheit, sich ebenfalls als solcher zu profilieren. Man fällt sich gerührt in die Arme, das Orchester setzt zum Endspurt an, die Sonne sinkt, und die Welt ist wieder einmal gerettet. Abspann.
Alles Gute für die Zukunft wünscht,
Tino









