8th February 2012

Tino geht ins Kino – vielleicht zum letzten Mal

Posted by Tino Socaly on Juli-27-2006 Add Comments

Tino geht ins Kino: Breakfast on Pluto
Einige Menschen behaupten, wir hätten anno 2006 einen Rekordjuli; zumindest, was die Temperaturen betrifft. Schlecht für Kinobetreiber und Publikum. Nur noch der ganz harte Kern sucht überhaupt die Lichtspielhäuser heim, an der Kasse zucken mehr oder weniger nette Kartenverkäuferinnen schockiert zusammen, wenn sich tatsächlich mal ein Kunde blicken lässt. Kein Grund für mich, auf Neil Jordans neues Werk “Breakfast on Pluto” zu verzichten.

Folgerichtig betrete ich bei circa 33 Grad Außentemperatur mein heimeliges, kleines Programmkino des Vertrauens – und werde von einem Schwall brühend heißer Luft begrüßt. Klimaanlagen können sich eben nur Multiplexe leisten. Ich komme mir vor wie ein Grillhähnchen, erwerbe aber trotzdem mit ausgetrocknetem Mund ein Ticket und gebe mich der misanthropischen Hoffnung hin, den Saal für mich allein zu haben. Was auch fast stimmt, denn außer drei anderen Gestalten sind die Reihen leer. Seufzend nehme ich irgendwo hinten Platz. Der unbequeme Sessel hat schon wesentlich bessere Zeiten gesehen, musste Brandflecken erleiden und schreit nach einer Ölung seiner Scharniere (der letzten?). Ich möchte auch gar nicht wissen, was das für Flecken am Rand sind. Mit leichter Übelkeit wähle ich das nächste, scheinbar etwas sauberere Exemplar.

Die wenigen Werbespots ziehen nahezu ereignislos vorüber, wenn man davon absieht, dass plötzlich ein junger Mann eintritt und offensichtlich auf der Suche nach etwas menschlicher Wärme ist. Zumindest würde dies erklären, warum er sich direkt neben mich setzt, obwohl doch – ungeachtet der beschränkten räumlichen Möglichkeiten – ausreichend Freiraum zur Verfügung steht. Die herrschende Dunkelheit verhüllt gnädig Einzelheiten, ihm bleiben die eingangs erwähnten Rückstände seiner Vorgänger zumindest visuell erspart. Aber vielleicht klebt er ja dran fest… Ich wünsche es ihm fast, denn der Typ hat tatsächlich eine Popcorntüte in der Hand. Ich erwarte das Schlimmste und liege damit richtig – eine einfache Nahrungsaufnahme reicht dem Zuckersüchtigen nicht aus. Vielmehr muss unter lautstarkem Geraschel jedes gepoppte Korn einzeln umgedreht, begutachtet und erst dann zum Mund geführt werden. Ein Gourmet, wie schön. Als ich gerade entnervt genug bin, ihn um schnellen Verzehr zu bitten, dreht sich eine junge Frau in der Reihe vor uns um und gibt ihrem Unwillen Ausdruck: “Pssscht!” Spontan wird ihr die Tüte hingehalten. Sie gehört nicht zu den moralisch standfestesten Personen, greift hinein und vergisst – nun ebenfalls lautstark kauend – sämtlichen Ärger. Ich gebe auf.

Aber die Unbill nimmt kein Ende. Ein weiterer Publikumszuwachs in Form eines älteren Mannes mit geschätzten 2,10 Meter entschließt sich, direkt vor meiner Nase Platz zu nehmen. Langsam glaube ich an eine Verschwörung, raffe meine letzten Kräfte zusammen und rutsche ein paar Sitze weiter. Worauf ich da wohl jetzt sitze? Die Dunkelheit lässt keine Antwort zu. Ich kann bloß hoffen und schicke ein stilles Stoßgebet zum cineastischen Himmel. Und endlich beginnt der Film!

Aber immer noch kann von Genuss keine Rede sein. Die nunmehr zwei Popcorn-Fans haben zwar ihre Aktivitäten eingestellt, wofür ich ihnen stumm danke. Aber dafür übernimmt ein auf den letzten Drücker eingetroffener Vertreter der nervigsten Personengruppe überhaupt das akustische Ruder: ein Huster. Allergie? Sommergrippe? Mir egal, man sollte sich der Existenz reizlindernder Medikamente durchaus bewusst sein! Aber nein, nicht er. Dieser Mensch bringt es fertig, in periodischen Abständen einen astreinen Hustenanfall hinzulegen, was sich bei einem Dialogfilm nun eben nicht gut macht. Nach dem Motto: “Mein Name ist (röchel). Zeit meines Lebens habe ich nach (keuch) gesucht. Doch das ist nun vorbei, denn (spotz-hust-hijäch-räusper-spuck). Ich weiß noch nicht, was jetzt geschieht, aber (aaaarrrgggghhh-gurgel).” Als ich gerade am Kochen bin (wie übrigens auch die Luft) und rudimentäre Mordpläne schmiede, verlässt der Störenfried eiligen Fußes den Saal. Er wird nie wieder gesehen. Schade ums Eintrittsgeld, aber gut für den Rest von uns.

Mich ergreift Frieden, welcher so tief ist, dass ich nur müde lächele, als der Projektor zwischendurch mal kurz den Geist aufgibt. Egal. Alles ist schön. Ich schmore im eigenen Saft, mich ficht nichts mehr an. Mit ersten Anzeichen eines Hitzschlages trete ich später hinaus in die angenehm warme Nacht, zerpflücke die Karte in 524 Teile und werfe sie auf den Asphalt. Kichernd. Wie lustig das aussieht! Am nächsten Tag entscheide ich, vorerst nur auf DVDs umzusteigen. Ach ja, was schlussendlich “Breakfast on Pluto” betrifft: Netter Film mit einem wie immer umwerfenden Cillian Murphy, auch der Soundtrack ist eine Klasse für sich. Aber Neil Jordan kann es definitiv besser.

Auf den Herbst freut sich

Tino

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