Wie der geneigte Leser bislang noch nicht wusste, stand die Geburt des hiesigen Kolumnisten unter dem Sternzeichen „Stier“. Woraus nun der interessierte Hobby-Astrologe so einiges schlussfolgern kann, beispielsweise eine gewisse Sturheit. Folgerichtig gibt Euer Good ol’ Tino auch bloß höchst selten auf und bringt gerade Diskussionen nur auf zwei mögliche Arten zum Ende: Entweder liegt der Gesprächspartner in Grund und Boden geredet auf selbigem; der anfänglichen Gegenwehr mittlerweile unfähig, da mundtot. Oder aber es wurden wirklich alle Aspekte des Diskussionsgegenstandes beleuchtet, was gern Stunden in Anspruch nimmt und normale Menschen an den Rand der geistigen Siedegrenze bringt. Deshalb verwundert es auch wenig, dass nun der zweite Teil eines vormals schon näher betrachteten Themas folgt, nämlich „Filmtitel“. Über deren Sinn oder Unsinn möge bei Interesse die entsprechende Kolumne nachgelesen werden. Denn heute geht es um die spannende Frage: Wie bringt man einen Film möglichst geschickt und allein über seine Benennung unters ahnungslose Volk?
Ganz einfach: Man schürt Erwartungen. Das klassischste aller diesbezüglichen Beispiele heißt „Das Mädchen vom Hof“ und stammt aus dem schönen Jahr 1978 (oder drumrum, man verzeihe dieses Unwissen). Wer damals am Kino noch wenig interessiert beziehungsweise vielleicht erst ein begehrliches Funkeln im Auge seines Vaters war, ergo besagtes Machwerk nicht kennt, sei über dessen Inhalt informiert.
Alles beginnt mit einer Zigeunertruppe, die – ihren Genen folgend – durch die Lande zieht. Scheinbar handelt es sich um ein recht armes Grüppchen, denn man muss sich genau ein Zelt und eine Geige teilen. Auch ein einziger Kochtopf dient zur Zubereitung von Speisen, was in vielerlei Hinsicht Hunger impliziert. Na ja, das Budget eben… Nichtsdestotrotz erinnern sich die guten Menschen an alle Klischees, welche über sie im Umlauf sind, entzünden flugs ein Lagerfeuer und klampfen auf erwähnter Geige. Derweil auf einem Bauernhof in direkter Nähe: Anne, eben „Das Mädchen vom Hof“, macht sich für den Tag zurecht. Nebenbei streitet der Familienrest über dieses und jenes, zum Beispiel den geistig behinderten Franz. Selbiger soll auf Wunsch des Dorfes doch besser in eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden, was aber der Vater verhindert, weil er dies seiner Gattin kurz vor ihrem Tod versprach.
So nimmt denn das landwirtschaftliche Leben seinen geruhsamen Lauf. Aber plötzlich wird Anne vom Geigenspiel des jungen Zigeuners Joschi betört und ist ab sofort schwer in Love mit dem glutäugigen Gesellen. Das birgt Konflikte, denn die braven Bauern finden das weniger anheimelnd. Man empfiehlt, den ganzen Clan einfach auszurotten (raue Sitten damals). Erste Schritte in diese Richtung geschehen rein zufällig, als Franz völlig unbeabsichtigt eine alte Zigeunerin tötet. Der Hof fürchtet grausame Blutrache oder den bösen Blick, weswegen Daddy nun tatsächlich die Anweisung zum Mord am armen Auslandsvolk erteilt. Gesagt, getan. Irgendwie bringt dann jeder jedem um, am Ende bleiben nur Anne und Joschi übrig. Dem Film zum Opfer fällt allerdings auch das Hirn des halbwegs intelligenten Zuschauers, welches permanent beleidigt, oft sogar frontal angegriffen wird. Ein Machwerk unter aller Sau.
Entsprechend hatte es bei seinem Kinoeinsatz tatsächlich keinen Erfolg. Null. Nada. Nothing. Ein Total-Flop. Ein Desaster. Was tut man als Produzent in diesem Fall? Richtig – man benennt das Ding um und bringt es einfach noch mal in die Lichtspielhäuser, diesmal als „Die Totenschmecker“, was doch gleich viel spannender, mithin anziehender klingt. Aber eben auch so schräg, dass sich keiner was drunter vorstellen kann. Folge: Kapital-Flop, die Zweite. Danach staubte das grässliche Filmchen vor sich hin. Im Gegensatz zu seinen gemeuchelten Figuren war ihm allerdings leider nicht der ewige Schlaf bestimmt, sondern eine weitere Reinkarnation im Zuge der Untoten-Welle. So hieß das ländliche Drama nunmehr „Der Irre vom Zombiehof“. Abgesehen vom höchst bedenklichen Terminus „Irrer“ sollte dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein, dass ungeachtet der Verleihwerbung („der neueste Zombie-Thriller!“) im ganzen Film kein Zombie auftaucht. Nicht mal einer, ganz am Rande. Und auch das „ein neuer gewaltiger Nervenzerrer“ kreischende Plakat fällt unter böswillige Lüge. Immerhin war dem Zelluloidmüll selbst im dritten Anlauf nur Schande und Spott besimmt – zu Recht.
Dieses Vorgehen stellt mitnichten einen Einzelfall dar. Wer zum Beispiel gierig geifernd „Die Foltermühle der gefangenen Frauen“ einwirft und sich schon diebisch auf misshandelte Mädels freut, wird gnadenlos enttäuscht. Der spätere Titel „Pestizide – Grapes of Death“ trifft es nämlich weitaus besser: Verseuchte Trauben beziehungsweise der daraus fabrizierte Wein lassen die Bewohner eines Provinznestes zu mental derangierten, mörderischen Psychopathen mutieren. Schlechte Karten für eine junge Frau, die eigentlich nur ihren Freund besuchen möchte. Übrigens kann man sich diesen Film durchaus ohne Bauchschmerzen anschauen – einer der besseren kreativen Ergüsse von Jean Rollin mit einem bemerkenswerten Ende.
Ähnliche Enttäuschung sucht den unvorbereiteten Zuschauer beim Genuss des skandinavischen Meisterwerkes „Schöne tote Mädchen“ heim. Entleibte, aber immer noch sehr attraktive Frauenleichen darf man nicht erwarten (in diesem Fall empfiehlt sich sowieso eher der Besuch eines guten Psychiaters). Dafür jedoch eine bitter-zynische Farce, bei der das Lachen auf halbem Wege im Hals stecken bleibt. Grandios! Und dass in „The House that dripped Blood“ (deutsch: „Totentanz der Vampire“) praktisch kein einziger Tropfen Blut fließt und Vampire ebenfalls nur eine Nebenrolle spielen, mindert gleichsam nicht den Spaß an diesem kleinen, aber feinen Gothic-Grusler der 70er.
Offensichtlich fallen nicht unbedingt bloß schlechte Vertreter der cineastischen Kunst dem Spiel mit Erwartungen und Titeln zum Opfer. Vorsichtig sollte man jedoch sein, wenn sich Filme an nominelle Vorgänger anhängen, ohne mit diesen überhaupt etwas zu tun zu haben. Als positives Beispiel sei zunächst „The Legend of Gingko“ genannt – dass der vorgebliche Teil 2 eigentlich „The Gingko Bed“ heißt, vom theoretischen Original unabhängig ist und auch noch Jahre vorher (!) entstand, interessierte bei der DVD-Erstauswertung niemanden. Mittlerweile hat e-m-s aber ein Double Feature auf den Markt gebracht, welches nicht bloß technisch okay geht, in einem schönen Digipak steckt und sehr preiswert erworben werden kann, sondern auch den ehemaligen Fehler korrigiert. Großes Lob!
Weit weniger Gutes lässt sich dagegen über „Adrift“ sagen. Zumindest hieß der Rohrkrepierer lange Zeit so – bis kurz vor dem deutschen Kinostart (10.08.2006) eine radikale Umbenennung erfolgte. Nun läuft das nasse Möchtegern-Thriller-Drama-Konglomerat unter dem Titel „Open Water 2“. Da staunt der Kenner des Originals, denn selbiges gab – vorsichtig formuliert – nun eigentlich so gar keinen Ansatzpunkt für eine Fortsetzung. Und richtig! „Open Water 2“ aka „Adrift“ hat mit dem fischigen Überraschungserfolg „Open Water“ absolut nichts zu tun, die Location mal ausgenommen. Was zwar unangenehm nach PR-Strategie stinkt, aber nicht weiter schlimm wäre, würde das Ding etwas taugen. Aber: keine Spur! Einen schlechteren Film gab es anno 2006 bislang noch nicht zu sehen. Ach ja, zur Handlung sollten vielleicht ein paar Worte verloren werden. Also… Eine Gruppe von sechs jungen Leuten, darunter „die Mutter mit Wasser-Phobie“, „die blöde Blondine“ und „der Macho mit dem weichen Kern“ schippert per Luxusyacht auf die hohe See hinaus. Warum Mutti, die beim puren Anblick von größeren Wassermengen in kalten Schweiß ausbricht, da mitzieht und auch noch ihr Baby einpackt? Keine Ahnung. Nachdem die potentiellen Identifikationsfiguren eine höchst öde halbe Stunde lang alles getan haben, um sich als möglichst hohl im Kopf darzustellen, packt sie Schwimmverlangen. Mama will an Bord bleiben, aber „der dauergeile Superhengst“ springt einfach mit ihr in die Brühe (Rückblende! Zeitlupe! Dramatik! Melancholische Musik!). Lustig, was?! Nun schippern alle im Meer, die Phobie-Geplagte erliegt einem Anfall, man verspricht ihre Rückkehr an Deck. Dumm bloß, dass keiner die Leiter ausgeklappt hat. No Way back. Sechs Menschen allein im Meer. Wut, Angst. Und Dialoge am Rande der Erträglichkeit. Es ist dem Zuschauer tragischerweise nicht bloß völlig egal, was den Unsympathen passiert – man freut sich quasi über jeden Abgesoffenen, weil man dessen Gelaber nicht mehr ertragen muss, endlich von diesem Gesicht aus dem Versandhauskatalog verschont bleibt. Über das Finale deckt man besser gleich den Mantel des ewigen Schweigens, zumal bislang noch keine Worte erfunden wurden, es treffend zu beschreiben. Dieser Film ist schlicht dämlich, unter aller Würde, ein Ozean verschenkter Möglichkeiten, woran selbst die Hochglanzfotografie nichts ändert, welche dem Überlebenskampf der Sechs einen Rahmen aus Urlaubsromantik und Postkartenflair verleiht. Auch schön. Und passend zum Drehbuch, welches anscheinend nach Zahlen geschrieben wurde.
Unvergessliches Zitat unter viiiieeeelen – „Wo bleiben die Scheiß Delfine?!“
Unvergessliche Szene unter viiiiieeelen – Mit dem dringenden Wunsch, „Hilfe zu holen“, schwimmt eine Frau davon. Hinaus aufs offene Meer. Und tschüss!
Unvergessliche Aktion unter (man ahnt es) viiiieeeelen – Wir schmeißen in einem Wutanfall das Handy (= die einzige Rettung) verärgert von uns, hinein in die Weite des Ozeans, weil es auf Grund einiger Wasserspritzer schlechten Empfang hat.
Und und und… Wer zu viel Geld hat, möge sich den Kinobesuch gönnen, denn „Open Water 2“ ist dermaßen übel, dass man es tatsächlich sehen muss, um es überhaupt glauben zu können. Für alle anderen gilt: Lauft weg und schreit um Hilfe. Zu hoffen bleibt, dass nicht zu viele Zuschauer auf den dreisten Titelklau hereinfallen. Pfui!
Ein Fan der Wahrheit ist und bleibt
Tino










