8th February 2012

Tino geht ins Kino – und beobachtet die Opferung der Filmkunst

Posted by Tino Socaly on August-10-2006 Add Comments

Tino geht ins Kino
Die Zeit für Kinobetreiber ist bekanntlich momentan eine der härtesten überhaupt. Hitze, Fußball-WM, gähnende Leere im Geldbeutel der Besucher, Raubkopien per Internet,… Das Publikum bleibt fern. Selbst Multiplexe spüren einen empfindlichen Rückgang, da mittlerweile sogar per se sichere Blockbuster teilweise untergehen. Mein örtlicher Cinestar hatte zuletzt während der WM volle Säle – mit Übertragungen der Spiele. Noch härter trifft es die Programmkinos. Es scheint, als wäre die Klientel müde geworden; hochkarätige Filme wie „Lady Henderson präsentiert“ oder „Hard Candy“ fliegen nach kurzer Zeit vom Spielplan. Wer aktuell das Glück hat, Almodóvars neues Meisterwerk „Volver“ zeigen zu können, freut sich über temporäre Massenanstürme, alle anderen bleiben jedoch außen vor.

Die Chefs reagieren mit Verzweiflungstaten. Ein architektonisch sehr hübsches Lichtspieltheater, welches allerdings ungünstig weit vom Schuss lag, verfiel auf den Gedanken, Kino zum Ramschpreis anzubieten. Heißt: Man konnte dort Zweitauswertungen von Filmen sehen, wenn diese gerade auf DVD erschienen – für nur 50 Cents. Das ging einige Monate recht gut, bis der Preis auf ein von vielen Zuschauern als wucherhaft empfundenes Niveau (1 Euro!) angehoben wurde. Ein Aufschrei ging durch die Schnäppchengucker! 100 Prozent Teuerungsrate! Was bildete sich die Bude überhaupt ein?! Das Ende vom Lied: Dieses wirklich wunderschöne Haus schloss nur zu bald, denn wer sich Unterhaltung für einen Euro gibt und dabei noch über den Preis barmt, kauft eben keine Cola, kein Popcorn, keine Nachos. Ergo: keine der wirklich gewinnbringenden und zum Überleben notwendigen Dinge. Bankrott.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, mehr oder minder als solche zu bezeichnende und vermutlich preiswert zu habende Klassiker immer wieder ins Programm zu hieven. Okay, nichts dagegen, manchmal möchte man ja tatsächlich seinen Liebling auf der zumindest mittelgroßen Leinwand sehen. Aber mal ehrlich: Schaut sich wirklich noch jemand „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ an, wenn das Teil in der 284. Auswertung läuft? Und ob es lohnt, „Das geheime Leben der Worte“ (übrigens ein wunderbarer Film) über Monate hinweg durch gleich drei Programmkinos tingeln zu lassen, sei ebenfalls bezweifelt. So etwas macht letztlich bloß Sinn im Rahmen von Reihen oder Retrospektiven; bei einzeln verwerteten Werken stellt sich wohl kaum der erwünschte Erfolg ein.

Ganz bitter wird es schließlich, wenn das Programmkino an sich seine Bestimmung vernachlässigt. Man sollte beispielsweise annehmen, dass sein cineastischer Auftrag unter anderem darin besteht, Originalfassungen anzubieten. Schließlich muss man nur zu oft über deutsche Synchronisationen den schaudernden Mantel des Schweigens decken; zumal kleine Verleiher häufig nicht die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen können, um wirklich professionelle Sprecher zu engagieren. Generelle Einbußen in der Atmosphäre betrachten wir dabei schon gar nicht. Und was sah ich neulich beim Studieren des Aushangs am Programmkino um die Ecke? Ein Plakat von „Wu Ji – Die Reiter der Winde“. Dass bei einem asiatischen Epos der reine Originalton nicht sonderlich viele Besucher lockt, leuchtet selbst mir ein. Aber der auf besagtem Poster klebende Zettel rief dann doch heftiges Unverständnis hervor: Dort wurde sich dafür entschuldigt (!!!), dass auf Grund eines Fehlers des Verleihs dieser Film bloß mit – zugegebenermaßen englischen – Untertiteln gezeigt werden könne. Bitte?!

Ansonsten bleiben nicht viele Alternativen, um die finanziellen Engpässe einigermaßen abzufedern. Mein favorisiertes Haus hat gerade seine Eintrittspreise erhöht – was logisch erscheint, aber die Frage aufwirft, ob sich dadurch die Spirale aus fern bleibendem Publikum und weniger Einnahmen nicht bloß noch schneller ihrem Finalpunkt nähert. Andere Betreiber springen auf den nominell sicheren Horrorzug auf, in der Hoffnung, dass Sex und Gewalt sich immer gut verkaufen. So läuft denn plötzlich in einem Kino, welches sonst hochgeistige Kunstwerke aus aller Welt zeigt, „Wolf Creek“. Kann man gerade noch verstehen, da sich besagter Australien-Thriller in seiner Ungewöhnlichkeit weit vom gängigen Abschlacht-Fetz-Röchel-Muster entfernt. Aber wieso plötzlich elender US-Schund à la „Hostel“ über die Programmkino-Leinwand flimmert, soll mir mal wer erklären. Nicht nur, dass solcher Kram mit dem erhofften Anspruch ungefähr so viel zu tun hat wie Bush mit kompetenter Politik. Viel wichtiger: Wen will man damit eigentlich locken? Der Mainstream-Fan verirrt sich bestimmt nicht auf die Rasiermessersitze der Mini-Lichtspieltheater, zumal er „Hostel“ hundertprozentig schon lange kennt. Und das typische Programmkino-Klientel macht mit hoher Sicherheit einen riesigen Bogen um Filme, die im Flyer neben gehobener französischer/indischer/japanischer/südkoreanischer Kost sinngemäß als „einer der brutalsten, blutrünstigsten Horrorstreifen 2006“ angepriesen werden. Ein Schuss ins Knie, befürchte ich mal spontan…

Ja, die Zeiten sind verdammt hart. Und noch mal ja: Ich habe mein BWL-Studium abgebrochen, also keine wirtschaftliche Patentlösung zu bieten. Dennoch liegt es auf der Hand, dass die oben aufgeführten Vorgehensweisen wahrscheinlich keine oder nur eine temporäre Verbesserung erzielen. (Programm-)Kino muss nicht als Massenware oder Ramsch, sondern Kunst begriffen, entsprechend behandelt und dem Zuschauer präsentiert werden. Metaphorisch gesprochen, sind nicht bloß Innovationen nötig, auch Hege und Pflege gehören dazu. Wenn aus allen Ecken der schnöde beziehungsweise gar verzweifelt angestrebte Mammon duftet, vertreibt dieser üble Gestank auch noch den letzten Besucher. Selbst oder vielmehr gerade in Zeiten des Zwiebelportemonnaies (für Uneingeweihte: man weint beim Reinsehen) muss Filmkunst etwas kosten, dafür aber eben auch den entsprechenden Gegenwert in Form eines rundum gelungenen Wohlfühl-Abends bieten, welcher die Investition rechtfertigt und das Publikum wiederkommen lässt. Auch wenn es mehr als kapitalistisch ausbeutende 100 Cents dafür löhnt.

Tino (leert schon mal den Sparstrumpf)

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