
Eben war es noch viel zu heiß, jetzt nahen sie wieder mit riesigen Schritten: die verregneten Herbstabende. Und man wird kaum 3x hintereinander „Spätvorstellung“ sagen können, dann stehen die langen, kalten, extrem finsteren Winternächte auf dem Programm. Da mutiert sogar ein emotional abgestumpfter Knochen wie ich zur nähebedürftigen Frostbeule mit ausgeprägtem Kuschelbedürfnis. Doch was tun, wenn die bessere Hälfte gerade nicht greifbar ist? Richtig – man wirft eine DVD ein, um die Nacht totzuschlagen.
Vielleicht entscheidet man sich dabei ganz spontan für eine Literaturverfilmung, um dem Hirn mehr oder weniger intellektuelle Stimulanz zu gönnen. Ist ja gerade für Männer wunderbar einfach: visuelle Aufnahme statt quälenden Ackerns durch einen fürchterlich dicken Roman. Und schon oute ich mich als dem Genre in tiefster Hassliebe verbunden. Nichts kann so komplett in die cineastische Hose gehen wie die Adaption einer Buchvorlage. Vor allem unmöglich 1:1 verfilmbare Vorlagen laufen Gefahr, völlig verhunzt zu werden. Drehbuch und Regie müssen hinzufügen, weglassen, austauschen, verändern, praktisch also das Sujet völlig neu erfinden – und trotzdem im Geiste des Geschriebenen handeln.
Wie man dabei grundlegend scheitern kann, zeigen zu viele Literaturverfilmungen. Zum Beispiel musste Milan Kunderas unglaublich komplexes und verschachteltes Meisterwerk „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ dermaßen Federn lassen, dass vom ursprünglichen Buch bloß noch der nackte Rumpf übrig blieb. Da helfen selbst gestandene Mimen wie Juliette Binoche oder Daniel Day-Lewis nix, weil der Film es schlicht nicht schafft, Kunderas Gedankenwelt auch bloß halbwegs zu transportieren. Ein Desaster! Aber Madame Binoche versuchte es später nochmals und ließ sich für „Der englische Patient“ (nach Michael Ondaatje) verpflichten; ebenfalls ein klarer „Das klappt auf der Leinwand nie“-Kandidat. Doch welches Wunder geschah! Man schaffte es tatsächlich, den Kern der Vorlage zu treffen, obwohl natürlich einiges eliminiert werden musste. Das gibt dann doch Hoffnung.
Oder nehmen wir mal Haruki Murakamis „Tony Takitani“. Wie bitte soll man einen Roman angemessen adaptieren, welcher zahllose lyrische Beschreibungen wie „Ihr Tod war ein sehr stiller, unauffälliger Tod. Widerstandslos und ohne großes Leiden war sie verschwunden, als wäre sie einfach erloschen oder als wäre jemand hinter die Bühne getreten und hätte ganz sacht einen Schalter umgelegt“ enthält? Natürlich nicht nach der direkten Methode. Vielmehr zeigt man eine junge, fröhliche Frau, die einen Hain entlangläuft und sich vor der strahlenden Sonne mit einem Schirm schützt. Plötzlich zittert das Bild, wird unscharf, eine Einblendung des Himmels, der gleißenden Sonne folgt – und dann ist der Hain leer. Ganz anders, aber im Sinne der einst geschriebenen Worte…
Aber an dieser Stelle soll auch Schluss sein mit Aufzählungen diverser Pro- und Contra-Beispiele. Für diese Kolumne gibt es nämlich einen konkreten Grund: Am 14. September startet „Das Parfum“. Millionen Fans haben die Umsetzung des Weltbestsellers ersehnt, darunter eben auch Euer Tino. Nun könnte man misstrauisch sein – Autor Patrick Süskind hat sich viele Jahre strikt geweigert, die Rechte an seinem Buch zu verkaufen. Mit Recht, denn es lässt sich aus objektiver Sicht einfach nicht verfilmen. Schließlich wedelte Bernd Eichinger (ausgerechnet er!) mit zehn Millionen Euro, wie man gerüchteweise hört. Süskind knickte ein. Die Regie übernahm Tom Tykwer, dem „Lola rennt“ selbst internationale Türen geöffnet hatte. Und was kam nun am Ende dabei heraus?
Um es kurz zu machen: nicht mehr als ein dünnes Duftwässerchen. Prunkvolle Kostüme, Ausstattung bis ins letzte Detail, Zeitlupe hier, fesche Zwischenschnitte dort, extreme Close-ups,… Wer all das „großes Kino“ nennt, wird seine wahre Freude haben. In meinen Augen jedoch kommt es über einen kalten, völlig sterilen Gemischtwarenladen nicht hinaus, wenn jeder Dreckfleck in den versyphten Straßen (Frankreich, 18. Jahrhundert, wir erinnern uns) sorgfältig platziert wirkt, Regen dekorativ tröpfelt und selbst Mädchenleichen so ästhetisch arrangiert werden, dass man sie locker in jeden Kunstkatalog aufnehmen könnte. Aber gut, etwas derartiges war zu erwarten. Dass allerdings Süskinds messerscharfer Wortwitz, die intelligenten inneren Monologe einem didaktischen Off-Sprecher weichen mussten, geht zu weit. Von Tiefe keine Spur. Am schlimmsten allerdings, wie sehr der Grundton sich wandelte. Süskinds Ausflüge in ätzenden Zynismus spürt man nirgends. Erinnert sich der geneigte Leser beispielsweise an den unglaublich fiesen Tod Madame Gaillards, bei dem gar noch die Revolution ins Spiel kam und welcher wie das Buch selbst eine entlarvende, sehr verdichtete Kritik der Doppelmoral darstellt? Schön. Im Film wird man davon leider kein Stück mehr sehen.
Dafür aber Jean-Baptiste Grenouilles Mutation vom hässlichen, vernarbten Roman-Zwerg zum verdammt attraktiven Jüngling. Darüber freut sich das – vornehmlich weibliche – Auge, klar, doch was soll das?! Dessen nicht genug, darf Grenouille sich vom Verächter aller Humanität, vom Menschenhasser und Misanthropen (Süskind) zum weichen, bemitleidenswerten Quasi-Opfer seiner Gene sowie Umwelt (Tykwer/Eichinger) wandeln, dem alte Damen wahrscheinlich am liebsten in die Wange kneifen würden. Kitschige Szene am Ende inklusive; auch das bei Süskind früh verstorbene und danach erwartungsgemäß nie wieder auftauchende Mirabellenmädchen muss mittels emotional verbrämter Rückblenden zur Illustration der armen, einsamen Kreatur Grenouille herhalten. GEHT ES NOCH?!
Verströmte der Roman metaphorisch gesprochen einen fauligen, teils abstoßenden, aber unglaublich originellen und faszinierenden Gestank, kleidet sich der Film in ein süßes, schmeichelndes, blütenschweres und letztlich fades Bouquet. Natürlich ist er dennoch (oder vielleicht gerade darum) eine sichere Bank, werden Millionen Zuschauer eine Kinokarte lösen. In Tinos persönliche Annalen geht er allerdings als komplette Demontage eines meisterhaften Romans ein. Selbiger liegt seitdem übrigens mal wieder neben meinem Bett, denn die nächste einsame Nacht kommt ganz bestimmt.
Von Literaturverfilmungen vorerst Abstand nimmt
Tino









