
Man sollte meinen, dass gerade im Filmbusiness nichts fataler ist als Stillstand und Ausruhen. Neue Ideen sind mehr denn je gefragt, moderne Konzepte, gewagte Interpretationen bekannter Stoffe, Risiken. Natürlich klingt das erst einmal extrem idealistisch, weil man andererseits genügend Gegenbeispiele bringen kann. Manche Regisseure drehen praktisch immer den gleichen Film beziehungsweise wiederholen stets die selben Fehler. Man denke an Joel Schumacher, dem zwar keinerlei halbwegs überzeugende Charakteretablierung gelingt, welcher diese aber trotzdem immer wieder versucht und scheitert. Auch ein Werk von Produzent Jerry Bruckheimer verrät sich meistens bereits in den allerersten Minuten selbst. Und dass Nicolas Cage oder Harrison Ford irgendwann mal über mehr als zwei Gesichtsausdrücke verfügen, ist ebenso unwahrscheinlich wie die Erfüllung der Hoffnung, Jennifer Aniston könnte doch noch zur Charakterdarstellerin reifen. Na ja.
Aber es gibt eben auch Kreative mit Einsicht statt Starrsinn, dem Willen zur Veränderung. Konkret sei hier ein Regisseur mit dem Allerweltsnamen Christopher Smith genannt. Kennt keiner? Vielleicht, aber sein Langfilmdebüt „Creep“ dürfte den meisten Lesern in – wahrscheinlich negativer – Erinnerung geblieben sein. Wem das Machwerk nix sagt, kurz zur Erläuterung: Franka Potente rast in einem hässlichen Kleid durch die Londoner U-Bahn-Schächte, spielt dabei lächerlich schlecht und muss sich ganz doll vor eben dem Creep, einer mutierten Kreatur, fürchten. Letzterer schlachtet nebenbei diverse Penner, aufdringliche Kollegen von Franka und ähnliches Nebendarsteller-Gesocks ab, bis ihm die Potente (fünf Euro in die Wortspielkasse) nach endlosen anderthalb Stunden endlich zeigt, wo der Hammer hängt. So. Das Ganze suhlt sich genussvoll im Blut, erzeugt Horror über die brüllende Tonspur, weist ansonsten aber null Atmosphäre, Spannung, Verstand oder echten Grusel auf. Eine stinklangweile Gurke, die an allen Ecken „Buh!“ schreit und verbissen brutale Morde zelebriert, nicht mehr. Und das Make-up des Creep… Schweigen wir lieber drüber.
Nun hätte Smith einfach einen ähnlichen Streifen nachschieben können, finanziell hat sich „Creep“ nämlich sicher gelohnt. Überraschend wäre ein solches Vorgehen kaum gewesen. Doch der Mann lernte aus seinen Fehlern und drehte „Severance“ – eine Horrorkomödie. Und er macht diesmal tatsächlich so ziemlich alles richtig! Okay, inhaltlich bewegt sich sein Zweitversuch auf ausgetretenen Pfaden: Eine Gruppe gelangweilter Bürohengste und –stuten soll zwecks Workshop zur Teamfähigkeit einige Tage mitten im Wald verbringen. Das gemietete Luxus-Loft entpuppt sich allerdings schnell als russische Ruine, außerdem lauert im Gehölz Tödliches. Die Schreibtischtäter mutieren ganz schnell zu Opfern und werden sukzessive dahingeschlachtet. So weit, so unoriginell. Aus diesem Plot kann man ganz einfach nichts Tolles machen, aber Smith variiert die bekannten Stereotypen immerhin so geschickt, dass etwas halbwegs Spannendes dabei herauskommt. Zudem wird hier zwar nicht eben zimperlich gestorben, allerdings ohne dabei in lächerliche Blutbäder auszuarten. Die Splattereffekte sind effektiv, nicht selbstzweckhaft.
Was Smith indes wirklich virtuos beherrscht, ist das Spielen auf der Klaviatur des Humors. Hier findet sich alles: grandiose Situationskomik, alberner Trash, gnadenlos überzogene Gags, trockener Wortwitz. Wir lernen beispielsweise während einer Zigarettenpause, dass Rauchen wirklich tödlich sein kann – auch für Unbeteiligte. Grandiose Dialoge kreuzen ebenfalls unseren Weg; unter anderem, als aus dem Dickicht ein furchteinflößendes Geräusch ertönt…
Optimist der Gruppe: „Probably just a bear.“
Einige Sekunden Schweigen.
Zickige Kollegin: „Just a bear?!“
Oneliner wie der obige werden, analog zu den Bluteinlagen, mit solchem Ernst eingestreut und vorgetragen, dass sie tatsächlich mitten ins Komikzentrum treffen. Smith begeht nämlich zum Glück eben nicht den Fehler, „Komödie“ mit „Witzigkeit um jeden Preis“ zu verwechseln. Er nimmt beide beteiligte Genres absolut ernst, zollt ihnen Tribut und verbindet sie auf fast organische Weise. Folge: Man brüllt vor Lachen und zuckt schon im nächsten Augenblick erschrocken zusammen.
Gegen Ende kennt der Mann schließlich keinerlei Grenzen mehr. Nicht die ausgelutschte Frage, wer sich aus welchem Grund durchs Gehölz metzelt, muss geklärt werden. Vielmehr fährt Smith nun eine wahre Tour de Force auf, reiht einen tiefschwarzen Gag an den nächsten, steigert sich stetig. Unter anderem spielen ein Raketenwerfer sowie ein Passagierflugzeug wichtige Rollen im grandios überdrehten Chaos. Auch eine nur leicht bekleidete, aber schwer bewaffnete Russin darf über den lokalen Waldweg heizen und… aber nein, das sollte man selbst gesehen haben. Nämlich ab 30. November im Kino des Vertrauens. Mister Smith, Sie sind hiermit rehabilitiert!
Seinen imaginären Hut zieht
Tino









