
Liebes Tagebuch,
ich hatte dir ja neulich schon von meinem katastrophalen „Breakfast on Pluto“-Kinobesuch erzählt. Danach wollte ich niemals wieder mit ganz normalen Menschen in einem Lichtspieltheater sitzen und schwor der großen Leinwand ab. Nun, mein liebes Tagebuch, wie du weißt, bin ich ein schwacher, inkonsequenter Charakter. Deswegen habe ich mich heute Abend doch entschieden, mir „Volver“ anzuschauen, den neuen Film von Pedro Almodóvar. Ohne das Publikum wäre es auch tatsächlich ein echtes Highlight gewesen.
Ich hatte Sperrsitz gewählt, weit hinten. In den vorderen Reihen kann man ja ohne sofortige Genickstarre nichts sehen, liebes Tagebuch. 7,50 Euro! Na ja, man gönnt sich sonst nix, dachte ich. Und mein Geld reichte sogar noch für ein Mineralwasser – ein kleines. Voller Vorfreude nahm ich auf dem mir zugedachten Sitz Platz und harrte der kommenden Dinge. Und tatsächlich kam nur zu bald etwas, nämlich zunächst eine Busladung lärmender Jugendlicher mit Popcorn-Eimern und Bierflaschen. Mich packte das nackte Grauen. Direkt danach erwachte dezente Intoleranz: Hatte sich das Jungvolk im Saal geirrt? Was wollten die alkoholisierten Zehntklässler im neuen Almodóvar? Penélope Cruz auf die Oberweite starren und dabei schmutzige Kommentare grölen?! Zum Glück besetzten die anatomisch Interessierten ausschließlich den vorderen Teil des Saales, direkt an der Leinwand. Die billigen Plätze – ich war vorerst beruhigt und sicher.
Im nächsten Augenblick trafen allerdings drei dauerkichernde Mädchen ein und okkupierten die Sessel direkt vor mir. Ein ununterbrochenes Gejuchze, Geplauder und Gackern hob an. Ich erfuhr spannende Details zu Girlie-Fragen, welche mich noch nie tangiert hatten. Schnatter, laber, erzähl. Liebes Tagebuch, ich war der Verzweiflung nahe. Schließlich gesellte sich noch ein altes Ehepaar hinzu und wollte neben den überkommunikativen Mädels Platz nehmen. Der Mann warf bei diesem Versuch eine Flasche um. Obwohl die Besitzerin ihren Redeschwall für einen Moment unterbrach und ihm versicherte, es sei alles in Ordnung, bestand er – ganz Kavalier der uralten Schule – auf Besorgung von Ersatz. Folge: Erneutes Drängeln, Opa schob sich durch die Reihe zurück, um eine neue Cola zu ordern. Kurze Zeit später kam er zurück, überreichte der entzückten Geschädigten das Ersatzgetränk und nahm seufzend neben seiner Gattin Platz. Doch da fiel ihm etwas ein! Mit der Frage „Inge-Schatz, willst du auch noch was?“ erhob sich der aufmerksame Ehemann, bereit zur neuerlichen Einkaufstour. Zu meiner Erleichterung beteuerte Inge-Schatz ihr wunschloses Glück und verhinderte so eine erneute Völkerwanderung. Ich spielte mit dem Gedanken, dankbar ihre Schulter zu tätscheln.
Aber, liebes Tagebuch, damit war das Martyrium noch nicht vorbei. Der Film begann, die Mädels verstummten überraschenderweise mit Einsetzen des Vorspanns, und auch Inge-Schatz’ Angetrauter verließ seinen Sitz nicht noch einmal. Friede überall. Wäre da nicht die überspannte Gruppe hinter mir gewesen, bestehend aus zwei Männern und einer Frau. Über die partnerschaftliche Konstellation dieses Gespanns möchte ich gar nicht nachdenken; Fakt ist, dass sich hier ein paar verwandte Seelen gefunden hatten. Die Frau fand alles todkomisch und brach selbst bei traurigen Szenen in brüllendes Gelächter aus. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Mann 1 war dagegen sehr filmerfahren und brachte dies zum Ausdruck, indem er ständig den weiteren Handlungsverlauf vorhersagte. Laut. Nun ist das bei einem Almodóvar ziemlich schwierig, weil man ständig in die Irre geführt wird. Was den Hellseher jedoch keinesfalls in seiner Euphorie störte oder gar zum Verzicht auf die Orakelei führte. Auch eine dezente Bitte meinerseits wurde kühl ignoriert. Was soll man da tun?
Für besonders großen Spaß sorgte allerdings Kerl Nummer 2. Ebenfalls mit fatalen Anlagen zum Selbstdarsteller versehen, erklärte er seiner Umwelt immer mal wieder den Sinn einzelner Sequenzen. Als er bei Penélope Cruz’ Gesangseinlage, in welcher das Wort „Volver“ auftaucht, schließlich begeistert in die Hände klatschte und rief: „Das ist der Filmtitel! Habt ihr es gemerkt? Der TITEL!“, war ich den Tränen nah. Aus Frust, Verzweiflung, unfreiwilliger Komik? Keine Ahnung. Plötzlich spielte ich mit dem Gedanken, entweder mich selbst oder das Trio hinter mir zu entleiben.
Nun ja, mein geliebtes Tagebuch, irgendwann war der Film dann aus. Trotz aller Umstände blieb mir nicht verborgen, dass Almodóvar hier mal wieder ein Meisterwerk abgeliefert hatte. Andere Zuschauer waren wohl gegensätzlicher Meinung: Kaum begann der Nachspann, sprangen viele von ihnen auf und eilten so geschwind zum Ausgang, dass man an eine Feuersbrunst glauben konnte. Eine Oma, neben mir in der Reihe sitzend, bewies dabei wenig Sehkraft und stieß meine immer noch halb gefüllte Wasserflasche um. Das kühle Rinnsal landete direkt in meinem rechten Schuh. Du glaubst, liebes Tagebuch, sie hätte ein Wort der Entschuldigung gefunden oder gar die Flasche aufgehoben? Ja, wovon träumst du denn nachts?! Nichts dergleichen geschah. Mit quatschendem Schuh und durchnässten Strümpfen strebte ich dem Ausgang zu, nachdem der Abspann komplett zu Ende, die wunderbare Musik von Alberto Iglesias verklungen war. Der Saal hatte sich mittlerweile völlig geleert. Nur die Jugendlichen in den ersten Reihen waren noch da und schauten träumerisch auf die Leinwand, bis zum allerletzten Bild. Ihren leeren Müll haben sie auch mit nach draußen getragen und dort ordentlich entsorgt.
Liebes Tagebuch, vielleicht sollte ich meine Vorurteile und zu schnellen Schlüsse mal überdenken. Aber ins Kino kriegt mich so bald wirklich keiner mehr. Nehme ich mir zumindest mal vor…
Dein Freund Tino









