
Ja, auch Euer Tino erliegt beim morgendlichen Blick in den Spiegel des Öfteren einem Schock. Augenringe, sich ungehemmt vermehrende Stirnfalten, ausufernde Geheimratsecken,… Das Leben kann so grausam sein und hinterlässt seine Spuren. Jeden Tag. Was nun nicht weiter wild ist, weil ich ja nicht im Licht der Öffentlichkeit stehe. Und wie außerdem Georgette Dee einst so treffend sprach: „Wer schön sein will, muss leiden, so heißt das, aber ich leide auch hässlich. Ich geb’ kein Geld dafür aus, ich lasse es einfach, wie es ist. Sollen die anderen doch mitleiden, wenn sie da hingucken.“
In Hollywood fehlt es allerdings an solcher Lässigkeit. Der Schönheitswahn grassiert, wer älter wird, sieht sich fast automatisch aus dem Geschäft gedrängt. Entsprechend treibt der Hang zur künstlichen Verjüngung seltsame Blüten. Man betrachte beispielsweise Melanie Griffiths aufgespritzte Lippen: zwei unförmige Ballons, so prall, dass die Antonio Banderas-Gattin vermutlich bloß noch pürierte Speisen zu sich nimmt. Gabeln bedeuten Platzgefahr für die aufgepumpten Gesichtsschläuche. Mister Banderas, macht es eigentlich noch Spaß, diese Dinger zu küssen? Und: Hat es der Griffith karrieremäßig etwas gebracht? Bekanntlich ist sie trotz allem ein unterbeschäftigtes Kassengift – wie unter anderem auch die Ganzkörper-Überholung Demi Moore.
Andererseits mag man den Damen aus ihren traurigen Bemühungen nicht mal einen Vorwurf machen, da obiger Hübschzwang (fast) ausschließlich den weiblichen Teil des Filmgeschäftes trifft. Sean Connery kriegt eine Glatze? Wie sexy! Jack Nicholson trägt brunnentiefe Tränensäcke spazieren, leidet unter lichtem Haar und ähnelt faltentechnisch einem Mops? Die Zuschauerinnen schmelzen dahin. Harrison Ford? Der feuchte Traum jeder Hausfrau. Jedoch: Scarlett Johansson hat in zwanzig Jahren winzige Krähenfüße am Auge? IGITT! Weg mit der Alten! Da verwundert es kaum, dass manche Showbiz-Lady extreme Vorkehrungen trifft, die sie bisweilen zur Parodie ihrer selbst mutieren lassen. Erinnert sich noch jemand an Liz Taylors Auftritte als aufgeschwemmte Schnapsdrossel, aber im hautengen Glitzerkleid, wild-jugendlichem Haarschopf und sorgfältig nachbehandelter Babyhaut (na ja, oder zumindest etwas in dieser Art)? Es tat schon weh, da hinzuschauen – der Abstieg einer Ikone. Shirley MacLaine zählt ebenfalls zur Kategorie der extrem Verbissenen: Wer zum Beispiel „Verliebt in eine Hexe“ schaut, wird sich nicht nur an ihr gnadenloses Overacting erinnern, sondern eben auch an Tonnen von Make-up, scheinbar mit dem Spachtel vierlagig in die Haut eingearbeitet. Jedes Lächeln könnte die Maske zusammenbrechen lassen. Dazu noch in Schockfarben getönte Haare, fertig ist eine alte Frau, welche verzweifelt auf jung macht und damit die einst glamouröse Schauspielerin in sich verrät. Ein generelles, nicht auf Hollywood beschränktes Problem, wie es scheint. Oder warum behauptet Sophia Loren tatsächlich und ohne jede Ironie, sie verdanke ihr immer noch jugendliches Äußeres dem Umstand, dass sie täglich Mineralwasser trinke? Sweet Sophia, wir sind ja nun nicht mit dem Klammerbeutel gepudert, gell!
Dass es auch anders geht, zeigte Jessica Tandy, durch die Titelrolle in „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ auf ewig in die cineastischen Annalen eingegangen. Tandy stand zu jeder Falte, jedem Altersfleck, ohne sich deswegen in Sack und Asche hüllen zu müssen. Eine elegante, wunderschöne alte Frau, aus deren Gesicht neben Lebenserfahrung sowie Güte vor allem etwas sprach, das den ganzen Plastikpüppchen und eben auch mit dem Holzhammer auf jung machenden Taylor/MacLaine-Karikaturen völlig fehlt: Würde. Ein weiteres Beispiel wäre die Bogart-Witwe Lauren Bacall. Nur noch selten auf der großen Leinwand zu sehen, beherrscht sie selbst mit Nebenrollen in „Birth“ oder „Dogville“ den ganzen Saal. Auf Grund der fast radioaktiven Ausstrahlung einer – erneut – in Würde gealterten Grande Dame, deren auf einem natürlichen inneren Leuchten fußende Schönheit durch alle Falten nur verstärkt wird. Exemplarisch nennen könnte man weiterhin Judi Dench, wobei sich in ihrem Fall unabhängig von den eben getätigten Aussagen noch Mut zur Hässlichkeit (Stichwort „Chocolat“) hinzugesellt.
Uninteressante Hochglanzgesichter kommen und gehen, bleiben austauschbar, sind keiner Erinnerung wert. Darum hinterlassen auch zukünftig nur Aktricen Spuren, die sich ihrer Wirkung bewusst sind, welche im Alter nicht zur Selbstverleugnung neigen, die eben wirklich Würde zeigen, selbst wenn dieser Begriff meinerseits mittlerweile etwas arg strapaziert wurde, sorry. Darstellerinnen wie Isabelle Huppert beispielsweise, oder inländisch Hannelore Elsner, Corinna Harfouch. Auch Cate Blanchett oder Monica Bellucci könnten sich diesbezüglich vielleicht in die richtige Richtung entwickeln – mehr passende Rollen natürlich vorausgesetzt, was generell ein Umdenken innerhalb der Industrie erfordert. Das soll gar nicht geleugnet werden. An spiegelglatten Larven frisch aus dem Versandhauskatalog prallt der Zuschauer auf jeden Fall langfristig ab. Und das ist gut so.
Weniger tiefe Griffe in den Schminktopf wünscht sich deshalb
Tino









