19th May 2012

Filmreview: Deutschland – Ein Sommermärchen

Posted by Reviewnator on Oktober-17-2006 Add Comments

Deutschland-Ein Sommermärchen

“Jungs, da brennt der Baum”. Das sind die Worte eines Trainers, der aus einer lustlosen, von den Medien niedergeschriebenen Mannschaft den WM-Dritten gemacht hat. Das sind die Worte eines Mannes, der aus 11 Fussballern und 80 Millionen Deutschen ein Team gemacht hat. Deutschland. Ein Sommermärchen.

Ob man nun Jürgen Klinsmann oder den Regisseur Sönke Wortmann als größeres Genie bezeichnen will, sei dahin gestellt. Fest steht aber, dass beide auf ihre ganz eigene Weise etwas wunderbares vollbracht haben. Klinsi wurde in zwei Monaten vom Buhmann zum Nationalheld. Sönke Wortmann dokumentierte zwei Monate lang die Abenteuergeschichte Fussball Weltmeisterschaft 2006 aus der Sicht der deutschen Nationalmannschaft – unverblümt und ohne Special Effects. Und dennoch, oder gerade deswegen steckt in jeder Szene Emotion in Reinform. Ob es die misslungene Urinprobe von Oliver Neuville, die bedauerliche Verletzung Michael Ballacks oder die Freundschaft zwischen Schweini und Poldi ist, als Zuschauer fühlt man stets mit und was noch viel wichtiger ist: Man fühlt sich wohl. Denn das gab es schon seit mindestens 10 Jahren im deutschen Fussball nicht mehr, dass man es einer Mannschaft so sehr angesehen hat, mit welchem Spaß und mit welcher Motivation sie sich von Spiel zu Spiel steigert. Zusammen mit Kameramann Frank Griebe (”Das Parfum”) bringt Wortmann genau dieses Gefühl für fast zwei Stunden auf die Leinwand.

An dieser Stelle kommt normalerweise die inhaltliche Zusammenfassung des jeweiligen Films. Da jeder, der diese Filmkritik liest allerdings ein Stück Drehbuch mitgeschrieben hat, dürfte der Inhalt dieser Dokumentation hinlänglich bekannt sein. Zeitlich ist “Deutschland. Ein Sommermärchen” in einen zweimonatigen Rahmen gefasst. Alles beginnt mit dem Trainingslager auf Sardinien und endet mit der Überreichung der Bronze-Medallie an die drittbeste Fussball Mannschaft der Welt. Der einzige dramturigische Kniff des Regisseurs ist der Anfang des Films. Da sieht man 11 Spieler in einer Kabine sitzen. Torsten Frings laufen die Tränen über die Augen. Deutschland ist raus, Italien im Finale. Ansonsten werden die Ereignisse chronologisch erzählt.

Deutschland-Ein Sommermaerchen

Unvergessliche Momente gibt es dagegen immer wieder. Zum Beispiel als Jürgen Klinsmann die letzten Jahre der deutschen Fussball Nationalmannschaft nicht treffender beschreiben könnte: “Wir Deutschen wollen am liebsten das Erreichte festhalten und uns für neue Erfolge nicht so anstrengen wie früher.” Sehr richtig Herr Klinsmann. Auch bezogen auf das deutsche Volk, die Politik, die Bildung und viele andere Bereiche. Klinsmann steht dabei gelassen am Fenster seines Hauses in Californien. Im Hintergrund ist zu sehen, wie sich die Wellen des Ozeans langsam gen Küste bewegen. Klinsmann ist in jeder Hinsicht ein Vorbild. Er hat alles erreicht, was er erreichen wollte, hat jeden motiviert, den er motivieren wollte und hat uns Deutschen gezeigt, wer wir sind. Zumindest 2 Monate lang. Im Grunde ist Sönke Wortmanns Film die Blaupause dessen.

“Deutschland. Ein Sommermärchen” gehört genauso zur WM-Geschichte, wie Lehmann ins Tor. Drei Monate nach dem größten Ereignis seit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 89 bringt Sönke Wortmann die Euphorie und Emotion der WM 2006 in einen greifbaren Rahmen, der aus dokumentarischem Holz geformt ist und sich trotzdem wie ein Thriller anfühlt. Selbst der härteste Fussball-Hater sollte sich ernsthaft überlegen, diesem Streifen eine Chance zu geben. Alleine schon aus dem Grund, mitreden zu können, wenn die eigenen Kinder in 15-20 Jahren mal fragen: “Du Papa, wie war das denn damals mit Klinsi, Schweini und Poldi? Dann kommt der Zeitpunkt an dem man sich im Ledersessel zurücklehnen, noch einen Whiskey einschütten und über die Ränder der Lesebrille hinweg blicken und sagen kann: “Damals wurde wahrlich Geschichte geschrieben!”.

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