19th May 2012

Tino geht ins Kino – und wandelt auf neuen Ebenen

Posted by Tino Socaly on Oktober-26-2006 Add Comments

Tino geht ins Kino: Tragödien
Neulich lief mir beim Studium einer großen Tageszeitung ein Zitat über den Weg. Dort hieß es sinngemäß, dass die Saurier mit ihren winzigen Hirnen Millionen von Jahren die Erde beherrschen konnten, der ach so intelligente Homo Sapiens dagegen kurz davor stünde, seine Welt komplett zu vernichten. Man mag darüber denken, was man möchte – Fakt ist, dass der Mensch den fatalen Willen besitzt, Andersdenkende zu bekämpfen.

In der Folge stehen – ziemlich grob formuliert – von humaner Seite initiierte Katastrophen aller Art, Massenvernichtungen, Tragödien. Und, nochmals stark vereinfacht, damit natürlich gute Kinostoffe, welche man wahlweise zu aufrüttelnden Meisterwerken, purer Unterhaltung oder im Zweifel auch gern zu Propagandamaterial verarbeiten kann. Beispiele schenke ich mir an dieser Stelle, sie sollten jedem Leser zur Genüge bekannt sein. Vielmehr soll der Fokus auf die konkrete Umsetzung gerichtet werden. Es liegt dabei nahe, ganz simpel eine 1:1-Adaption der Geschehnisse unter das Volk zu werfen, quasi eine Nacherzählung, den „Film zur Tragödie“. Dies geschah lange Zeit; wer als Regisseur andere Wege gehen wollte, musste mit kommerziellem Misserfolg rechnen. Exemplarisch sei Brian De Palmas „Die Verdammten des Krieges“ genannt: Das US-Einspiel belief sich trotz Starbesetzung gerade mal auf ¾ des sowieso schon vergleichsweise geringen Budgets. Logischerweise ließen viele Filmemacher die Finger von solchen Vorhaben und gingen auf Nummer sicher.

Doch scheinbar hat sich der diesbezügliche Wind zumindest momentan gedreht. Man denke an „Das geheime Leben der Worte“, Isabel Coixets Kommentar zum Balkankrieg. In keiner einzigen Sekunde fallen Schüsse, sterben Menschen oder werden verwundet. Es handelt sich um ein Kammerspiel, die Annäherung zweier versehrter Seelen, in dem laute Töne keinen Platz haben. Den politischen Hintergrund bringt Coixet erst ganz am Ende ins cineastische Spiel, nachdem sie sich fast zwei Stunden Zeit genommen hat, um ihre Protagonisten zu entwickeln. Ein meisterhafter Film, der unter die Haut geht, seine Aussage trotz aller Zurückhaltung nicht verfehlt und in einer dermaßen schönen Liebeserklärung mündet, dass es selbst einem Emotionskrüppel wie Eurem alten Tino ganz anders ums Herz wird. Was bleibt, ist die (wahre und ehrliche) Hoffnung.

Oder nehmen wir ganz aktuell Oliver Stones „World Trade Center“. Stone, normalerweise eben nicht für seine Zurückhaltung, dafür aber politisches Schaffen bekannt, widmet sich vollkommen den Opfern von 9/11, am Beispiel zweier Officers. Er zeigt nicht einmal die mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gelangten Bilder der Katastrophe, beschränkt sich vielmehr auf Details wie einen Damenschuh im Dreck der Straße. Einerseits kann man ihm all das zum Vorwurf machen, zumal er mit Szenen wie der Jesus-Erscheinung deutlich über das Ziel hinausschießt. Man mag auch konstatieren, dass Stone eigentlich IRGENDEINE Katastrophe in ihren Auswirkungen für die Betroffenen inklusive deren Familien verfilmt hat, weil im Grunde ein klarer Bezug zum 11. September 2001 fehlt. Abschließend könnte man verstört darüber sein, nirgends auch nur den Hauch eines Statements zu finden – der überflüssige Epilog zählt als solches nun mal nicht. Alle genannten Kritikpunkte wären vollkommen berechtigt, vergessen aber, dass Stones Leistung eben genau darin besteht, nicht den oben erwähnten „Film zur Tragödie“ gedreht zu haben.

Geben wir abschließend noch eine Zukunftsaussicht. Am 9. November startet in den deutschen Kinos „Stille Sehnsucht – Warchild“. Wir decken den Mantel des Schweigens über den blödsinnig-kitschigen Titelzusatz (vor einer spontanen Umbenennung seitens des Verleihs hieß das Drama wesentlich ansprechender schlicht „Warchild“). Auch hier steht die Geißel Krieg im Mittelpunkt des Geschehens. Alles dreht sich um die junge Senada, welche ihre Tochter vor zehn Jahren während des Bosnien-Krieges verlor. Doch sie glaubt fest daran, dass ihr Kind noch lebt, und begibt sich auf die Suche. Letztere hat tatsächlich Erfolg, das Mädchen wohnt nun in Deutschland, wurde adoptiert. Senada möchte ihr Fleisch und Blut zurück, doch das Jugendamt weiß sowohl um die Rechte der Adoptiveltern als auch die emotionale Verwirrung des Mädchens…

Ein brennender Bus zu Beginn ist die einzige „echte“ visuelle Abbildung der Kriegsschrecken, ansonsten spielt sich auch dieser Film auf ganz anderen Ebenen ab: Erinnerungen, Emotionen, Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit, Wünsche und Hoffnungen sind Grundpfeiler der Erzählung. Dass dieser per se wunderbare Ansatz der Zurückhaltung oftmals so stark durchgezogen wird, dass „Warchild“ insgesamt seltsam distanziert – weil letztlich zu still und reduziert – wirkt, ist zwar ein Problem. Dennoch muss man auch hier würdigen, auf welchen Wegen sich Filmemacher mittlerweile solchen diffizilen, wichtigen Themen annähern, sie unter anderem dem Vergessen entreißen wollen. Wer hat, um den Kreis zu schließen, beispielsweise je über den Balkankrieg oder seine Opfer gesprochen? Isabel Coixets Mut zum Film dürfte zumindest für etwas Aufrütteln gesorgt haben – ganz ohne Visualisierungen.

Weitere Vorstöße dieser Art wünscht sich

Tino

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