Autismus ist eine Persönlichkeitsstörung, bei der sich der Betroffene von der Umwelt abkapselt und sich in die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt versenkt. So zumindest lautet im Großen und Ganzen die Definition, wenn man sich im Internet über die ‚Krankheit’ Autismus schlau machen möchte. Eine körperliche Verfassung, die 2-4 von 10 000 Kinder betrifft. Und vor allem auch eine ‚Krankheit’, die heutzutage zwischen dem prominenteren Aids, Alzheimer und Krebs meist in Vergessenheit gerät. Vielleicht dachten sich das auch Angela Pell und Mark Evans. Die nämlich haben zusammen einen wunderschönen und herzzerreißenden Film namens „Snow Cake“ kreiert, der sich mit diesem Thema befasst.
In dem Film geht es um die Beziehung und das Verständnis zwischen dem reservierten und stillen Alex Hughes (Alan Rickman) und der frei von Hemmungen lebenden Linda Freeman (Sigourney Weaver). Alex, ein frisch entlassener Häftling auf dem Weg nach Winnipeg, sitzt in sich gekehrt in einem Truckstop, als er von der 19-jährigen Tramperin und Frohnatur Vivienne (Emily Hampshire) angesprochen wird. Sie braucht eine Mitfahrgelegenheit, er hat ein Auto, und er ist – wie sie meint – die sauberste Version im ganzen Laden. Zurückhaltend und nicht besonders gesprächig willigt er ein und verspricht, sie mitzunehmen. Doch die Fahrt, die für beide wie eine harmlose Bekanntschaft anfing, endet kurze Zeit später im Horror. Auf einem Zwischenstop an einer Tankstelle, an der Vivienne noch kurz Geschenke für ihre Mutter einkauft, rast ein Lkw in Alex’ Auto. Vivienne ist sofort tot. Schockiert und mit Schuldgefühlen geplagt, macht sich der unversehrte Alex nun auf dem Weg nach Wawa. Er möchte sich bei Viviennes Mutter entschuldigen und ihr wenigstens noch die zuletzt gekauften Mitbringsel zukommen lassen. Doch das erste Zusammentreffen an der Haustür Linda Freemans läuft für Alex anders als erwartet. Statt einer zutiefst trauernden Mutter steht er einer Frau gegenüber, die sowohl sprachlich ziemlich direkt als auch überpingelig zu sein scheint. Jeder Schuh hat seinen exakten Platz, jede Matte die perfekte Stelle und wehe er begebe sich in ihre Küche. Alex wird bei all ihren Handlungen klar – Linda ist autistisch. Um ihr Wohlergehen besorgt, nimmt Alex somit Lindas Einladung an, ein paar Tage bei ihr zu verbringen. Denn jetzt, da Vivienne ja tot ist, braucht sie jemanden der den Hund füttert und den Müll rausbringt. Zumindest bis zur Beerdigung. Eine Zeit, die – ganz zum Leidwesen des ortsansässigen Polizisten Clyde – ihm allerdings auch von Lindas Nachbarin Maggie (Carrie-Anne Moss) versüßt wird. Doch bei all dem menschlichen Drama in und um Wawa ist Alex froh Lindas Bekanntschaft gemacht zu haben. Denn bei seinem Aufenthalt erfährt er Lindas einzigartige Welt zwischen kristallklaren Schneeflocken, buntem Farbspiel und fantastischer Vorstellungskraft.

Der Film, der vom Thema her an Dustin Hoffmans Rolle in Rainman erinnert, spiegelt auf authentische Art und Weise das Leben einer Autistin wieder. Ganz ehrlich gesagt könnte man sogar annehmen, statt einem künstlichen Film zuzusehen, eher leiser Beobachter mehrerer verzwickter Lebensgeschichten zu sein. „Snow Cake“ wirkt mit all seinen Darstellern und zwischenmenschlichen Beziehungen real. Ohne Hollywood Effekte, ohne pompöse Häuser, ohne glamouröse Garderobe. Denn hauptsächlich geht es einzig und allein um das Leben der Linda Freeman. Und die wird von Sigourney Weaver oscarwürdig dargestellt – unabhängig und lebhaft. Sie hat keine besonderen Talente, sie braucht auch keine medizinische Versorgung. Sie hat nur ein paar interessante Macken, die ihrer Umwelt viel zu oft unverständlich und peinlich sind. Ihr Gegenpol Alex allerdings, der von Alan Rickman glaubwürdig ins Leben gerufen wird, findet sie dafür um so erfrischender. Sie ist in gewissem Sinne ihm sogar ähnlich. Beide wollen in Ruhe gelassen werden, beide haben Probleme im sozialen Umfeld und beide haben trotzdem mehr oder weniger ein interessantes Leben. Nur hat Alex im Gegensatz zu Linda nicht den Mut, anderen gegenüber so frei zu sprechen. Auch wenn sie sich nicht kennen, sie kommen miteinander aus. Und das ist in Lindas und Alexs Fall ziemlich selten.
Der Film befasst sich aber auch – abgesehen von vielen Nebengeschichten und Hintergrundinformationen zu den einzelnen Charakteren auf die ich mal nicht weiter eingehe – mit der Wirkung einer Autistin auf ihre Umwelt. So sieht man immer wieder Nachbarn des kleinen Ortes, wie sie auf kindliche Weise mit ihr umgehen, wie man sie unterdrücken möchte und wie man sie belächelt. Manche sind geradezu aufdringlich. Und auch wenn ihre Umwelt sie hauptsächlich bemitleidet, Mühe sie zu verstehen gibt sich keiner wirklich. Um ihre Welt zu verstehen, muss man sie erleben. Und das versucht der Regisseur auf bildliche Weise dem Zuschauer mit verstärktem Sinn für Geräusche und Farben beizubringen. Ein gelungener Effekt der einem klar verständlich ist.
Die Geschichte bietet aber auch – selbst wenn sie sich frustrierend und emotional beladen anhört – genügend Platz für Humor. Wenn man ihn denn hat und versteht, natürlich. Denn eines sollte man wissen, Autisten haben auf ihre Art und Weise Spaß. Denn nur sie, wie es scheint, können sich in jedem Alter von der Wirklichkeit loslösen. Platz für Normalität haben sie nicht. Warum auch. In Lindas Worten: „Das wäre ja langweilig“.
Alles in allem sollte man sich „Snow Cake“ auf jeden Fall ansehen. Er hat so viele tief greifende Facetten des täglichen Lebens mit unterschiedlichen Charakteren, das diese Review nicht ausreichen würde, alle unterzubringen. Er ist interessant, verzwickt, lustig, deprimierend, emotional und moralisch aufreibend. Er gibt Einblicke in eine Welt, die uns für immer verborgen bleiben wird. Und er sollte dazu animieren, alles was anders ist nicht zu verurteilen.










