
Es heißt, der Mensch definiere sich über seine Taten, nicht Worte. Hat man es mit einem Regisseur zu tun, bedeutet dies grundsätzlich Betrachtung seiner Filme, denn die wenigsten Zuschauer dürften das Vergnügen haben, beispielsweise Steven Spielberg persönlich zu kennen. Eigentlich müsste sich darum in der heutigen Kolumne alles um Werke wie “M*A*S*H”, “Short Cuts”, “Gosford Park” oder “The Player” drehen. Doch sie sprechen für sich, jedes einzelne von ihnen ein Meisterwerk, unvergessen und unnachahmlich. Es lohnt kaum, noch überflüssige Worte zu verlieren, um ihren Schöpfer Robert Altman zu porträtieren. Deshalb nähert sich Euer trauriger Tino tatsächlich über den verbalen Weg, um die Person Altmans wenigstens ein Stück weit zu erkennen.
Schnöde Biographien gibt es wie Sand am Meer, bei Interesse sei folgerichtig eine kurze Internet-Recherche empfohlen. Wer aber war nun der Mann, dem Schauspielerin Helen Mirren eine “sehr idiosynkratische Art, Regie zu führen” bescheinigte? Offensichtlich ein jenseits allen Star-Gehabes arbeitender, bescheidener Filmemacher, welcher sein Verhältnis zu Hollywood kurz mit ” We’re not against each other. They sell shoes and I make gloves” beschrieb und die Frage nach seinem vorgeblichen Kultstatus ironisch abbügelte: “What is a cult? It just means not enough people to make a minority.”
Egal, ob Kriegssatire, Kriminalstück im Stile Agatha Christies oder einfach nur Zustandsbeschreibung des Lebens einiger Großstädter: Altmans Filme sind einerseits extrem verschieden, andererseits aber stets beißend sarkastische Spiegelbilder gesellschaftlicher Miss- und Umstände. Sie weisen meist Überlänge auf und vereinen ein ausuferndes Ensemble. Schließlich gäbe es auch nach dem Abspann noch so vieles zu erzählen, wie Altman fast bedauernd beschrieb: “Mr. and Mrs. Smith get married, they have problems, they get back together and they live happily ever after. End of the movie. Two weeks later, he kills her, grinds her body up, feeds it to his girlfriend who dies of ptomaine poisoning, and her husband is prosecuted and sent to the electric chair for it – but here’s our own little story with the happy ending. What is an ending? There’s no such thing. Death is the only ending.” Die unendliche Geschichte des menschlichen Lebens mit allen Höhen und Tiefen, Fehlern und Entscheidungen war Altmans Thema, welches sich lediglich in immer neue Gewänder kleidete. Denn “what I’m looking for is occurrence, truthful human behavior. We’ve got a kind of road map, and we’re making it up as we travel along.”
Vielleicht war es dieser ganz besondere Blick auf die Dinge, der Stars und Sternchen um eine Minirolle in seinen Filmen praktisch Schlange stehen ließ. Möglicherweise wollten sie aber auch die besondere Zusammenarbeit und Atmosphäre am Set genießen. Es ist kein Geheimnis, dass Altman seine Darsteller verehrte und – im Gegensatz zu anderen Regisseuren – entsprechend gut behandelte, “weil ich Schauspieler wirklich liebe und für das Herzstück eines jeden Films halte. Ohne sie gibt es keinen Film. Und jedes noch so gute Drehbuch ist immer zunächst zweidimensional – erst durch die Schauspieler bekommt es die entscheidende dritte Dimension. Ich versuche mich sehr in Schauspieler einzufühlen und ihnen jede Art von Unsicherheit oder Misstrauen zu nehmen. Nur so ist doch entspanntes und kreatives Arbeiten überhaupt erst möglich.” Sie dankten es ihm mit hervorragenden Leistungen, mutigen Szenen, eingegangenen Risiken. Man denke beispielsweise an Julianne Moores einzige Nacktszene – zu sehen in “Short Cuts”. Exemplarisch zudem, wie sehr Altman sich in Interviews hinter beziehungsweise bescheiden sogar unter seine Mimen stellte: “Es macht einfach keinen Spaß mehr mit dieser Meryl (Streep – d.V.). Die braucht mich überhaupt nicht. Ist ihr völlig egal, ob ich im Raum bin oder nicht. Sie macht, was ihr gerade einfällt. Bin völlig überflüssig. Wenn sie wenigstens arrogant wäre, unausstehlich jammern würde… Stattdessen ist sie furchtbar nett! Meryl gehört einfach zum Besten, was wir in Amerika haben. Eine unserer größten Schauspielerinnen.”
Spricht so ein Regisseur, der Frauen hasste, wie viele Kritiker immer glaubten, der Welt mitteilen zu müssen? Und war solch ein Mann nicht nur fast ein halbes Jahrhundert mit seiner dritten Gattin Kathryn verheiratet, sondern zollte ihr auch bei jeder nur möglichen Gelegenheit Tribut: “Sie hätte den Oscar eher verdient als ich. Mit ihr verbringe ich die meiste Zeit. Wir sind seit… warten Sie mal, seit… 45 Jahren verheiratet! Ich komme ohne sie nicht aus. Brauche ihre Unterstützung, die sie mir nie versagt hat. Nein, sie verzweifelt, sie ist genauso am Boden zerstört wie ich, wenn wir die ersten Kritiken lesen und man uns gerade verrissen hat. Dann steht sie auf, macht mir Frühstück”? Ein Mann, der wusste: “Wisdom and love have nothing to do with one another. Wisdom is staying alive, survival. You’re wise if you don’t stick your finger in the light plug. Love – you’ll stick your finger in anything”? Der geneigte Leser bilde sich eine eigene Meinung.
Schließlich war sich Altman aber auch genau des Business’ bewusst, in welchem er arbeitete, und kannte dessen Veränderungen: “Everything can also be shown so quickly in the home – which means that the people who go to movie theaters are teenagers who just want to get away from home. The audience has changed and the content has changed to suit that audience. But, even if I’ll be an outdated item very shortly, I intend to carry on as long as I can.” Gemäß der Devise: “Filmmaking is a chance to live many lifetimes.” Aber leider war Altman eben auch bloß ein Mensch und als solcher an sein einziges irdisches Leben gebunden. Man mag es als Zufall ansehen, dass in seinem letzten Film “A Prairie Companion” am Ende der leibhaftige Tod auftaucht. Eventuell war es jedoch auch eine Vorahnung Altmans, der sein Leben der Arbeit und somit der hohen Filmkunst gewidmet hatte – “Retirement? You’re talking about death, right?” –, dabei aber stets sämtliche Lorbeeren von sich wies: ” Everything I’ve learned has come from watching other directors: Bergman, Fellini, Kurosawa, Huston and Renoir.”
Am 20. November 2006 verstarb Altman in Los Angeles. Und mit ihm neben dem cineastischen Genie ein faszinierender Charakter, welcher in den obigen Zeilen nicht einmal ansatzweise gewürdigt werden konnte. Es trauert
Tino









