
Mag sein, dass man mich als Zyniker beschimpfen muss. Möglich auch, dass ich mir einen neuen Freundeskreis nebst Familie(n) suchen sollte. Denkbar zudem, dass meine liebsten Angehörigen aus dem All auf die Erde gebeamt wurden. Dennoch: Wenn ich daran denke oder so höre, wie das bevorstehende Weihnachtsfest in den meisten Familien abläuft, ereilt mich der große Grusel.
Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der Onkel Heinz, das auf Grund eines niemals näher spezifizierten Fehltrittes verhasste, ignorierte und verschwiegene sprichwörtliche schwarze Schaf, zum geselligen Weihnachtsessen eingeladen wird. Natürlich spricht niemand darüber, was Heinz’ Absturz in die Isolation verursacht hat, damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Stattdessen freuen sich alle ein Loch in den Bauch darüber, „wie gut du aussiehst, Heinz“ und bemerken optimistisch stimmende Dinge à la „du hast zugenommen, oder?“ Will Heinz seinen Fehltritt zur Sprache bringen, die Sache gar klären, wird ihm konsequent über den Mund gefahren, denn „das Essen ist fertig!“ Dem armen Mann steht ein weiteres einsames Jahr bevor.
Dampft dann die Gans auf dem Tisch und hat man die „Reichst du mir bitte mal die Klöße/den Rotkohl/die Gabel/was auch immer?!“-Orgie hinter sich, rührt Großtante Gudrun versonnen in ihrer Soße. Von der zitternden Gastgeberin darauf angesprochen, ob das Essen nicht schmecken würde, beruhigt Gudrun: „Nein, mein Kind. Es ist nur so… Die Farbe dieser Soße erinnert mich an den eitrigen Ausschlag, den ich jetzt seit drei Wochen im Lendenbereich habe.“ Das Stichwort für Cousine Gerda, welche die Chance nutzt, zwischen zwei Bissen von ihrem nässenden Ekzem zu berichten. Doch das kann die 18jährige Nichte locker toppen, denn nichts geht über einen Scheidenpilz.
Etwas später, den männlichen Anwesenden ist mittlerweile speiübel, wird der Berg Geschirr in die Küche geschleppt, wo der Herr des Hauses erst mal einen beherzten Anranzer kriegt. Die neue Spülmaschine bedeutet schließlich nicht, dass „du dich immer ums Abwaschen drücken kannst“, schon gar nicht bei diesen Mengen, und außerdem muss das gute Porzellan ja mit der Hand geputzt werden. Man(n) fühlt sich ungerecht behandelt und fragt sich darum laut, wieso eigentlich „deine Schwester, dieses Miststück, jedes Jahr eingeladen wird?!“ Die Hausherrin weiß darauf keine Antwort, aber Blut ist nun mal dicker als Abwaschwasser, ergo stellt frau sich mit aller Macht auf die schwesterliche Seite und straft Männe die ganzen Feiertage über mit Schweigen. Sex? Vergiss es, du „unsensibler Klotz“! Was bleibt dem Gestraften anderes übrig, als mit Schwager Helmut die Whisky-Buddel zu leeren, was die eh angespannte Situation total verhärtet.
Während sich die maskuline Fraktion dem Alkohol hingibt, finden sich im Eck die Weibchen zusammen. Nach einer kurzen Einführungsplauderei über „deine zauberhaften Deckchen“ und der interessierten Frage, ob „diese Gourmet-Kekse TATSÄCHLICH selbst gebacken sind“, spricht man vermehrt dem Sherry zu. Folge: Die Zungen lösen sich ebenso wie sich Hemmungen abbauen. Urplötzlich ist Schwiegermutter Helga der Meinung, sie wolle darüber reden, „was du und du und du damals zur Freundin meiner Großnichte gesagt habt. Ihr wisst schon, DAMALS!“ Das trübe Erinnerungsvermögen der Beschuldigten führt zu einer haarkleinen Wiederholung der fatalen Worte, natürlich aus Helgas Sicht und entsprechend subjektiv gefärbt. Das per se klärende Gespräch endet in zoologischen Betrachtungen („Blöde Kuh! – Alte Schnepfe! – Aufdringliche Gans!“) sowie Frontenbildung.
Mittlerweile haben sich also diverse Splittergruppen im Raum verteilt, die Stimmung ist ebenso verkrampft wie die Gesichtszüge. Aus alter Gewohnheit beziehungsweise Tradition macht man jedoch gute Miene zum bösen Spiel und beschert sich. Auch keine gute Idee, denn „vielleicht kannst du mir nächstes Jahr mal keine Topflappen häkeln“, und außerdem „habe ich dir doch extra gesagt, dass ich keine Socken mehr brauche!“ Auch die bislang schweigsam-geduldige bessere Hälfte rastet jetzt aus, weil sie diese Goldohrringe nun gar nicht toll findet. Schließlich ist sie gerade auf ihrem spirituellen Trip und wäre viel erfreuter über aztekische Ohrgehänge gewesen. Und hätte man „zugehört, nur dieses eine Mal“, dann hätte man das auch gewusst! Weil selbst Oma, die Seele von Mensch, nun verstohlen mordlüsterne Blicke auf die Geflügelschere wirft, beendet man den Abend schleunigst und versichert sich: „Im nächsten Jahr wird alles anders!“
Tut es aber nicht. Nie. Nimmer. Auf keinen Fall. Die Alternative besteht darin, sich allein vor den Fernseher zu setzen, wahlweise fröhliche Volksmusikexzesse, Klingel-Bingel-Bimm-Schnulzen-Sendungen oder (auf den Privaten) krachlederne Action-Movies zu schauen. Oder… Man geht ins Kino. Viele Lichtspielhäuser der großen Städte bieten Feiertagsvorstellungen an, darüber hinaus ziehen manche Verleiher ihre Donnerstags-Starttermine vor, aktuell auf den 27.12. diesen Jahres. Vielleicht ist das nicht ganz im Sinne des Weihnachtsfestes, aber zusammen mit anderen Geschädigten im Kinosaal sitzen, sich Illusionen hingeben, die Magie des Films erleben… Warum denn nicht?! Kino ist – wie so oft – die Rettung und Lösung für alles.
Besinnlich-erholsame Feiertage, welcher Art und wo auch immer, wünscht Euch
Tino









