
Was war 2006 denn nun eigentlich für ein Jahr?! Ein seltsames. Einige Höhen, zu viele Tiefen. Menschen aus meinem Umfeld sind zu früh gestorben, dafür wurden andere neu in diese Welt geboren. Massig schlaflose Nächte mit bohrenden Gedanken. Die sprichwörtliche große Liebe gefunden und aus Sturheit fast wieder verloren. Selbsterkenntnisse positiver und negativer Art. Manche Ziele erreicht, andere als unmöglich abgehakt. Nun endgültig zum Kettenraucher geworden. Und natürlich jede Menge Filme. Darum folgt zum Ausklang jetzt ein völlig subjektiver, ungeordneter, unvollständiger Rückblick auf das Kinojahr 2006.
Wir wissen jetzt: Meryl Streep hat sich nur so lange durch den Hollywood-Dschungel gekämpft, weil sie ahnte, dass die Altersrolle in „Der Teufel trägt Prada“ die ihres Lebens sein würde. Dagegen hat Julianne Moore mit „Das Gesicht der Wahrheit“ richtig tief in die Schüssel gegriffen. Sony erkannte es, cancelte den deutschen Kinostart kurzfristig und verramscht das grausliche Machwerk nun direkt auf DVD. Der Tod Robert Altmans hat eine Lücke in die Filmwelt gerissen, welche sich niemals wieder schließen wird. Dafür meldete sich Stephen Frears zurück, musste aber einen herben Misserfolg („Lady Henderson präsentiert“) verkraften. Hoffen wir, dass „The Queen“ besser läuft.
Schwule Cowboys wurden mit „Brokeback Mountain“ auch jenseits des Pornofilms plötzlich salonfähig. Zum Oscar für den besten Film hat es dennoch nicht gereicht, denn der ging überraschend, aber vollkommen berechtigt an das brillante Episoden-Puzzle „L.A. Crash“. Was Universum zum Anlass nahm, neben der DVD-Erstauflage jetzt noch ein schniekes Steelbook mit dem Director’s Cut zu veröffentlichen. Überhaupt wird man das Gefühl nicht los, die Labels würden bloß noch Geld scheffeln wollen – nicht nur Fox oder Warner bringen Erfolgsfilme als x-te Pressung in hübschen Metal Cases heraus. Wer schon eine der ungefähr 15 vorherigen Versionen besitzt, ärgert sich entweder schwarz oder greift erneut tief in die Tasche.
Der deutsche Film glänzte, von wenigen Ausnahmen mal abgesehen, weder durch Erfolg noch Originalität, was logisch ist, wenn teutonische Regisseure allzu offensichtlich nach amerikanischen Vorbildern schielen („The House is Burning“, „Open Water 2“). Tom Tykwer hat mit „Das Parfum“ einen meiner Lieblingsromane cineastisch verhunzt. Dafür darf Alexandra Maria Lara immer noch auf der großen Leinwand ganz traurig gucken, was tierisch nervt. Neil Jordan enttäuschte dann doch mit dem für seine Verhältnisse irgendwie schwächelnden „Breakfast on Pluto“, Isabel Coixet lief nach ihrem Meisterwerk „Mein Leben ohne mich“ im direkten Vergleich mit „Das geheime Leben der Worte“ auch bloß zu verhaltener Form auf, und Sofia Coppola schrieb in „Marie Antoinette“ fragwürdigerweise mal eben die Geschichte neu.
Immerhin konnte man sich auf die großen Diven verlassen. Die zauberhafte Monica Bellucci fragte anrührend: „Wie sehr liebst du mich?“, während Isabelle Huppert im neuen Chabrol „Geheime Staatsaffären“ sowie als „Gabrielle“ zu begeistern wusste. Leider kam man aber am mimischen Niemandsland Nicolas Cage nicht vorbei; gleich vier Streifen waren zu ertragen („Weather Man“, „Lord of War“, „World Trade Center“, „Wicker Man“). Sharon Stone schaufelte sich mit „Basic Instinct 2“ endgültig selbst ein frühes Silikon-Grab, Adam Sandler versuchte es etwas ernsthafter („Klick“), Björk spielte die Hauptrolle im abgründigen Rätsel „Drawing Restraint 9“, und der vorerst letzte Bond… na ja.
Obwohl es auch ein Jahr der Remake-Schwemme war, gab es dennoch Neuerungen zu verzeichnen. Bollywood entfernte sich mit „Rang De Basanti“ vom Herzschmerz, grellen Farben, permanenten Gesängen und Tänzen, um politisch zu werden. Im Gegenzug verlor Japan temporär sein Händchen für die gelungene Umsetzung von Tabuthemen und verärgerte durch den nur pseudo-intelligenten Inzest-Albtraum „Strange Circus“. Mit dreijähriger Verspätung fand endlich „The Saddest Music of the World“ den Weg auf hiesige Leinwände. Woody Allen lieferte seine grundsolide Thriller-Comedy „Scoop“ ab und kitzelte darin enormes komisches Potenzial aus dem aktuell schönsten Nachwuchstalent (oder der talentiertesten Nachwuchsschönheit?) Scarlett Johansson. Pedro Almodóvar festigte seinen Ruf mit dem genial tragikomischen „Volver“, während „Die zweite Hälfte der Nacht“ als schönste Liebeserklärung an das Kino überhaupt gelten darf. Während Schundfilme wie „Hostel“ oder „The Hills have Eyes“ Gewalt zum Selbstzweck zeigten, bewies die ebenso blutrünstige wie schreikomische Horrorkomödie „Severance“, dass es anders geht. Schließlich löste sich Felicity Huffman mittels ihrer atemberaubenden „Transamerica“-Performance nicht nur vom schauspielerischen Korsett der verzweifelten Serien-Hausfrau, sondern etablierte zudem einen neuen Standard für Gefühlsausbrüche im Film. Weg von zwei rausgepressten Alibi-Tränchen, hin zum buchstäblichen Rotz-und-Wasser-Heulen. Den verdienten Oscar gab es dafür allerdings nicht, weil ihn Everybody’s Darling Reese Witherspoon bekam. Immerhin wurde Philip Seymour „Capote“ Hoffman geehrt.
So weit, so gut oder schlecht. Magie, Vielfalt, Emotionen, neue Wege, Aufregendes, Anrührendes, Deprimierendes, Ärgerliches, Mieses, Fieses, Chaotisches, Tragisches, Schönes, Lustiges, Abstoßendes. Eben das ganz normale Leben, bloß im Lichtspielhaus des Vertrauens komprimiert und dem Zuschauer übereignet. Da sage noch mal irgendwer, das Kino sei tot…
Einen guten Rutsch hinein in das hoffentlich ebenso vielfältige und polarisierende Kinojahr 2007 wünscht
Tino









