
Das neue Jahr, in welches Ihr hoffentlich alle gut und ohne Blessuren hineingerutscht seid, hat nun auch schon seine ersten Tage auf dem Buckel. Die guten Vorsätze sind vergessen, man hat zum Beispiel längst wieder Zigaretten gekauft und wird allerorts mit spöttischen Blicken sowie hilfreichen Erinnerungen à la „Aber wolltest du diesmal nicht WIRKLICH aufhören?!“ bedacht. Der Alltag geht seinen gewohnten Gang, Chefs drängeln, Kinder quengeln. Also alles wie gewohnt.
Dennoch steht das Kino – zum Glück – auch 2007 nicht still. Zwar könnte man dies manchmal meinen, da sich einiges wohl nie ändern wird, speziell aus deutscher Sicht. Unter anderem erwartet uns mit „Das wahre Leben“ mal wieder ein typisch teutonisches Leinwandgebräu. Will heißen: Wir nehmen ein Problem, beispielsweise Arbeitslosigkeit. Weil selbiges für sich allein noch nicht funktioniert, blasen wir es bis ins Unendliche auf und fügen ein paar weitere Schwierigkeiten, Traumata et cetera hinzu. Damit das Ganze schön aussagekräftig wird, dehnen wir es auf rund zwei Stunden aus und lassen Katja Riemann die Hauptrolle spielen. Am Ende wissen alle Zuschauer, wie grausam schlecht das Leben, die Liebe, die Familie, eben die Welt ganz allgemein sind, schleichen deprimiert aus dem Kinosaal und dürfen sich so richtig im Selbstmitleid suhlen. Die Deutschen: ein Jammervolk? Gemessen an dem, was unsere Filmindustrie momentan großteils so fabriziert, liegt diese Vermutung leider nahe. Doch gute Nachricht! Es geht auch anders! Innovationen! Tolle Ideen! Abgebaute Schranken! Ich höre ein leise gerauntes „Häh?“ und erkläre.
Es war einmal der schreikomische Animationsfilm „Die Rotkäppchen-Verschwörung“. Es war darüber hinaus einmal der deutsche Verleih Kinowelt, welcher das gute Stück in die hiesigen Lichtspielhäuser brachte. Und zwar nicht einfach so, sondern unter dem geheimnisvollen Motto „Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen“. Verwirrung pur? Keine Angst, dahinter steckt nix Mystisches. Namentlich eine wirklich super Idee – zwecks Abbau von Schranken zeigen ausgewählte Kinos „Die Rotkäppchen-Verschwörung“ sowohl für Blinde als auch Hörgeschädigte. Das Projekt nennt sich „Barrierefreies Kino“ und stellt eine Zusammenarbeit von Kinowelt, Titelbild, DTS Digital Entertainment, dem Bayerischen Rundfunk sowie Hörfilm e.V. dar. Praktisch läuft die Vorführung unter Einsatz des Systems „DTS Access“, was bedeutet, dass Untertitel auf die Leinwand projiziert werden. Darüber hinaus können an der Kasse Kopfhörer ausgeliehen werden, mittels derer man parallel zum Filmton eine Audiodeskription für Blinde hört (dafür zeichnet der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund verantwortlich).
Ausgewählte Lichtspieltheater in Leipzig, Augsburg, Karlsruhe, Aalen und Marburg bieten in allen Vorstellungen die optionale Hörfilmfassung an. Zusätzlich gibt es spezielle Termine, bei denen die Version mit Untertiteln zum Einsatz kommt. Natürlich könnte man als zynischer Mensch jetzt primär auf wirtschaftliche Aspekte verweisen. Aber ich finde, das neue Kinojahr hätte nicht besser starten können als mit dem obigen Projekt. Schranken abbauen, Barrieren niederreißen, neue Horizonte eröffnen… Bleibt zu hoffen, dass sich in näherer Zukunft noch mehr als die bislang 17 bundesweiten Kinos dazu entschließen, Teil dieser guten Idee zu werden.
In diesem Sinne verbleibt mit optimistischem Zukunftsblick
Tino









