8th February 2012

Tino geht ins Kino – und sperrt die Ohren auf

Posted by Tino Socaly on März-15-2007 Add Comments

Tino geht ins Kino: Robert Altmans Last Radio Show
Denn heute geht es um „Robert Altman’s Last Radio Show“, den letzten Film des genialen, leider am 20.11.2006 verstorbenen Regisseurs. Sein Vermächtnis quasi. Er dürfte es geahnt haben; schließlich war Altman schwer krank, sein Tod leider keine Überraschung. Was bleibt also?

Auf jeden Fall sein zwiespältigstes, ungewöhnlichstes, am schwersten einzuordnendes Werk. Dies ist grundsätzlich nicht schlecht, doch selbst bei objektiver Betrachtung stechen einige Dornen ins Zuschauerauge. Starten wir demnach, bei aller Verehrung für den Meister und immer noch währender Trauer ob seines Ablebens, mit den Schwächen von „A Prairie Home Companion“, wie der weitaus treffendere, unaufdringlichere Originaltitel lautet.

Da wären zunächst einmal zwei fürchterliche Besetzungsfehler. Altman, der sonst immer extrem großen Wert auf hohe Schauspielkunst legte und sie aus seinen Darstellern auch herauskitzelte, lässt sich dazu herab, Lindsay Lohan eine Rolle zu geben! Und noch schlimmer: nicht als vielleicht passendes Blondchen oder naiven Teenie, nein. Er setzt Lohan einfach eine Hornbrille auf, und dann gibt sie das intellektuelle, vom Weltschmerz verzehrte, dem Suizid zugeneigte Mädchen. Sorry, aber wer schluckt denn das?! Zweitens wäre Kevin Kline negativ zu nennen, da seine veräußerlichte, selbstgefällige Komik nun gar nicht zu Altmans stillem Humor passen will. Alle anderen Akteure (unter anderem Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Tommy Lee Jones, Virginia Madsen sowie John C. Reilly) schlüpfen allerdings perfekt in ihre jeweiligen Charaktere.

Leider kann die Einfühlung in verschiedene Figuren aber nur recht begrenzt stattfinden, weil die Handlung es nicht hergibt. Grundsätzlich geht es eben „bloß“ darum, hinter die Kulissen der allerletzten Sendung einer Radio Show zu schauen, welche abgesetzt werden soll. Heißt: Man erinnert sich an gute oder schlechte alte Zeiten, reißt ein paar Witze, ist traurig – und singt viel, ungefähr die Hälfte der gesamten Laufzeit. Meryl Streep überrascht dabei durch Stimmgewalt, Lindsay Lohan verdient ja sowieso ihre Brötchen damit, und das Duo Harrelson/Reilly könnte demnächst in Country machen. Wer also gern Lieder über Jesus, schmutzige Jokes, Beziehungen oder auch Werbesongs hören mag, liegt hier genau richtig. Musikhasser sollten den Kinosaal dagegen weiträumig umrunden. Altmans beißender Zynismus, sein entlarvender Witz zeigt sich nirgends; höchstens im von Tommy Lee Jones gewohnt grimmig gegebenen „Axeman“. Doch das ist ein bisschen wenig.

Weitere Fragen bleiben offen: Wieso hat es Altman plötzlich nötig, mit Furz-Gags zu arbeiten? Warum vertraut er angesichts der deutlich melancholischen Atmosphäre nicht auf die Kraft des anfangs ertönenden, herzzerreißenden 30er-Jahre-Scores? Weshalb muss die geheimnisvolle Femme fatale in Weiß (Virginia Madsen stiehlt allen anderen glatt die Show) bei ihrem schwebenden Gang durch die Kulissen immer wieder völlig unnötige Dinge tun oder sagen – man denke an den öden Pinguin-Gag oder ihr verzweifeltes Suchen nach dem Wort „Mayonnaise“ als Bestandteil eines dargebotenen Eiersalates? War es wirklich nötig, alle Beteiligten permanent durcheinander reden zu lassen, wenn sie gar nicht viel zu sagen haben (was im Original das Verständnis zudem deutlich erschwert)? Manchmal drängt sich der Gedanke auf, Altman habe seine Akteure ganz einfach improvisieren lassen und am Ende ganz einfach das Brauchbare extrahiert, um über seinen nicht gerade packenden Mittelteil zu kommen.

Doch genug der Kritik; denn letzten Endes verströmt „A Prairie Home Companion“ einen ganz eigenen Zauber, dem man sich nur schwer, eigentlich gar nicht, entziehen kann. Wie bereits angemerkt, beherrscht zwar deutliche Melancholie die Szenerie, liegt über allem der schwere Abschied von einer Show, welche für alle Beteiligten mehr war als ein Mittel zum Geld verdienen. Sehr viel mehr. Dennoch ist dieser Film auch eine Ode an das Leben, an das Weitermachen. Die Show muss nicht nur irgendwie weitergehen, sie soll es auch – egal, wie. Altman gelingt diesbezüglich eine perfekte Balance zwischen Tragik und Komik, er gleitet weder in Larmoyanz noch billige Durchhalte-Parolen ab. Besonders die beiden Johnson-Schwestern, vielleicht ein wenig desillusioniert, eventuell etwas zu lebenserfahren, aber Stehaufmännchen vor dem Herrn, wachsen schon ans Herz. Anrührend ebenfalls ein verliebtes Paar im späten Herbst seines Lebens – Liebe findet eben immer ihren Weg.

Darüber hinaus verwischen nicht nur am Ende die Grenzen zwischen Schein und Sein. Schon lange vorher hat ein Todesengel die Szenerie betreten, eine traurige Lichtgestalt, welche Seelen zur letzten Ruhe führt, gleichzeitig aber auch Leben nimmt und für alle Beteiligten zum potenziellen Erfüller ihres Herzenswunsches werden könnte. Mit dieser Figur hat Altman ein wahres Meisterstück erschaffen – er feiert die Dualität von Leben und Tod, Hoffnung und Verlust, Neubeginn und Abschied. Vielleicht ist das Auftauchen besagten Todesengels ein Zufall, nichts als ein brillanter dramaturgischer Kniff, aber es scheint, als habe der schon lange erkrankte Altman auch seinen eigenen Frieden gemacht und dies zum Ausdruck gebracht.

Bliebe schlussendlich zu sagen, dass der größte Erzähler des amerikanischen Kinos hier eindeutig von seinen gewohnten, schwindelerregend hohen Standards abweicht, woran man sich erst einmal gewöhnen muss. Und sicherlich ist „A Prairie Home Companion“ auch kaum sein bestes Werk geworden. Dafür aber, wie der Verleih treffend bemerkt, sein zärtlichster Film. Und als solcher tatsächlich ein Vermächtnis.

Tino

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