5th February 2012

Tino geht ins Kino – und nimmt Abschied von (s)einem Jugendidol

Posted by Tino Socaly on April-5-2007 Add Comments

Tino geht ins Kino: Michelle Pfeiffer
Zugegeben: Ich war nie der Typ Mensch, der sich sämtliche Wände mit Postern seines Lieblingsstars tapeziert, jeden Schritt der verehrten Person verfolgt und selbst den kleinsten Nachrichtenfetzen in ein Poesiealbum klebt. Dennoch gab es in meiner Jugend einen Star, den ich vergötterte, dem ich jeden miesen Film verzieh und in dessen Leben ich mich träumte.

Ältere Leser werden sich noch an sie erinnern – Michelle Pfeiffer. Dem jüngeren Publikum wohl eher unbekannt, war Frau Pfeiffer einer der ganz großen Stars im Hollywood der 1990er. War. Denn es gilt, sich von ihr zu verabschieden, von der Frau, über die Modepapst Blackwell einst sagte: „Sie ist die Garbo der Neunziger Jahre.“ Mit schwerem Herzen möchte ich dies nun tun; wer mag, begleite mich auf meinem harten Weg. Halten wir deshalb zunächst die äußerlichen Fakten fest: Belle Michelle sah verdammt gut aus, eine echte Schönheit, liebreizend, blond, zerbrechlich. Und trotzdem geheimnisvoll, mysteriös, mit einigen Karten in der Hinterhand. Eben eine echte Diva, aber – laut Aussagen von Kollegen und Journalisten – auch der netteste Mensch auf dieser Welt.

Dabei sieht es anfangs gar nicht danach aus, schließlich schafft sie ihren großen Durchbruch als eiskalte, dauerkoksende Schlampe in „Scarface“. Eine Rolle, welche ihr bösen Ärger mit dem Herrn Papa einbringt, der empfiehlt, sie möge sich doch „gleich eine Matratze auf den Rücken binden lassen“. Das prägt. Und so zeichnet sich ein Trend ab: Michelle wählt in der Folge ausschließlich Parts, mit denen sie zum öffentlichen Liebling avanciert, beispielsweise als tragisch endender Filmstar „Natica Jackson“, an ihrer verbotenen Liebe dahinsiechender Inbegriff der Tugend in „Gefährliche Liebschaften“ oder vom Leben enttäuschte Kellnerin („Frankie & Johnny“). Der absolute Karrierehöhepunkt folgt, als sie in „Die fabelhaften Baker Boys“ eine schauspielerische Tour de Force abliefert, nebenbei gar singt. Michelle bekommt so ziemlich jeden denkbaren Preis, nur der sicher geglaubte Oscar geht – aus Altersgründen – an Jessica Tandy.

Seitdem ist Pfeiffer DER Star überhaupt. Mit „Love Field“ erobert sie, die blonde Amerikanerin, sogar die konservativen Berliner Filmfestspiele im Sturm und erhält den Silbernen Bären als Beste Darstellerin. Ein beachtlicher Erfolg, wenn man an die Schwierigkeiten denkt, mit denen dieser Streifen zu kämpfen hatte; fast wäre er nie in die Kinos gekommen, lag ewig auf Eis. Noch triumphaler ihr Auftritt in „Batmans Rückkehr“ – als Catwoman stiehlt sie allen anderen glatt die Show. Doch es zeigen sich erste Risse im Pfeifferschen Universum. So wird sie zwar von Martin Scorsese persönlich als Protagonistin für sein Sittenbild „Zeit der Unschuld“ erwählt; doch sie sieht alt aus, verbraucht, irgendwie elend. Was ist passiert? Nach dem Ende ihrer ersten Ehe munkelt man schon lange von Affären mit unter anderem John Malkovich und Michael Keaton, doch Michelle schweigt eisig. Selbst ihre beste Freundin Cher, sonst nicht gerade wenig redselig, weiß von nichts. Sollen einzelne Passagen in Michelle-Interviews á la „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass schöne Menschen nicht verletzt und nie verlassen werden“ den Schleier etwas lüften, steckt hinter der attraktiven Fassade gar ein zutiefst einsamer Star? Sieht man ihr einfach nur den Schmerz an?

1993 wird sich einiges ändern: Pfeiffer adoptiert ein Baby, um es allein zu erziehen (O-Ton: „Kinder kann man sich auch zulegen, ohne sich an die übliche Vater-Mutter-Kind-Konstellation zu halten“). Ein Entschluss, welcher die Presse in wahre Ekstase versetzt, hinzu kommt die schwarze Hautfarbe des Säuglings.Über Nacht gilt Michelle als so etwas wie eine emanzipierte Heldin. Deswegen liegt es mir natürlich auch fern, dem nachvollziehbaren Wunsch nach Familie Kalkül zu unterstellen… Wichtiger jedoch: Die Neu-Mama tut nun so ziemlich alles, um ihren Charakterdarstellerinnen-Status zu zerstören, versinkt immer mehr im Morast finanziell zwar erfolgreicher (so ein Kind will ja auch essen, gell!), künstlerisch jedoch erschreckend banaler Belanglosigkeit. Politisch fast unerträglich korrekte, steril-kalkulierte Gruselwerke wie „Aus nächster Nähe“ oder „Dangerous Minds“ jagen einander. Ist es billige Koketterie oder herbe Vorahnung, sie da sagen zu hören: „Ich wette, in ein paar Jahren will mich niemand mehr sehen“? Wir wissen es nicht. Leider spricht sie damit jedoch die Wahrheit; der Name Pfeiffer garantiert spätestens seit Ende der 90er weder volle Kassen noch gelungene Filme. 1998 versucht Michelle, das Ruder herumzureißen, spielt mit den ebenbürtigen Aktricen Jessica Lange und Jennifer Jason Leigh in „Tausend Morgen“, gibt alles, stirbt herzzerreißend. Es hilft nichts – ein Flop.

Die Jahrtausendwende findet dann eine ganz neue Michelle vor: zum zweiten Mal verheiratet, mit einem Sohn gesegnet. Und als Darstellerin im Psychohorror „Schatten der Wahrheit“. Da kann man sich nur wundern, schließlich ist Pfeiffer als Gewaltgegnerin bekannt, die aus eben diesem Grund einst die Hauptrolle in „Das Schweigen der Lämmer“ ausschlug. Immerhin beschert ihr der Grusler neben einem Achtungserfolg eine weitere sterile Heuler-Rolle in „Ich bin Sam“. Schließlich zückt sie aber einen echten Trumpf und spielt in einem kleinen Part ganz groß auf: Ihre geniale „Weißer Oleander“-Performance als psychopathisches Muttertier lässt aufhorchen! Und stellt die Frage, wer Pfeiffer eigentlich ist: eine kalte Pragmatikerin? Eine Darstellerin, die man respektieren sollte, weil sie immer tat, was sie gerade als richtig erachtete? Ein zweiflerisches kleines Mädel, welches nun endlich genug Kraft fand, sich davon zu lösen, Everybody’s Darling sein zu müssen? Oder doch eine völlig chaotische Seele, die nirgends ihren Platz findet? Michelle sagt selbst: „Ich denke, letztlich dreht sich alles um das innere Gleichgewicht, und ich glaube, man kann daran arbeiten, dieses Gleichgewicht zu finden.“ Hmmmm… Klingt gut, doch so richtig nimmt man ihr das nicht ab. Nach einer erneut brillanten Leistung als Stimme der bösen Meeresgöttin Eris im Animations-Abenteuer „Sindbad“ wird es still um Pfeiffer. Das war 2003. Sie zieht sich zurück (um besagtes inneres Gleichgewicht zu suchen?), schlägt Rollen aus, so zum Beispiel die Weiße Hexe in „Die Chroniken von Narnia“. Keine öffentlichen Auftritte, Michelle mutiert zum vergessenen Star. Doch 2007 dreht sie wieder voll auf, startet ihr Comeback! Allein – mit welchen Filmen…

Zunächst wäre da „I could never be your Woman“, eine Schnulze unter der Regie von Amy Heckerling. Bedeutet: ein Liebesfilmchen wie tausend andere. Als nächstes hätten wir „Hairspray“, das Remake des Klassikers von John Waters. Während das Original ein echter Trash-Knüller war, muss man hier das Schlimmste befürchten. Zum einen kann das ach so saubere Hollywood den subversiven Ätz-Witz eines Waters niemals übertragen, das Ganze droht also zur weichgespülten Nullnummer zu verkommen. Und zum anderen passt dieser Film ganz einfach nicht mehr in die heutige Zeit. Schade eigentlich. Zuletzt wäre da noch „Stardust“, ein Romantik-Action-Fantasy-Dingens, welches sich selbst wie folgt beschreibt: „In a countryside town bordering on a magical land, a young man makes a promise to his beloved that he’ll retrieve a fallen star by venturing into the magical realm.” Ähm… Ohne Worte. Hinzu kommt, dass erste Bilder aus den genannten Werken eine Michelle zeigen, die zwar immer noch schön ist, aber ihr Feuer verloren hat. Das Leuchten in den Augen fehlt, das Lächeln wirkt verkrampft. Nein, Michelle, Du hast Deinen Zenit ganz offensichtlich überschritten und hättest aufhören sollen, als noch Zeit dazu war. Ich werde mir jedenfalls freiwillig keinen dieser drei neuen Streifen anschauen und nehme schweren Herzens Abschied von meinem Jugendidol. Lebe wohl, Michelle.

Es trauert

Tino

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