
Wie der aufmerksame Leser weiß, schlägt mein kleines Herz durchaus für den Horrorfilm. Darüber hinaus darf das Blutgesudel, die jeweilige Eingeweide-Orgie neben dem Magen gern auch etwas den Verstand ansprechen. Ein entsprechendes Beispiel wäre „Saw“. Nichtsdestotrotz kann man alles im Leben übertreiben, was mich zum Thema der heutigen Kolumne bringt. Vorher muss aber wieder mal aus rechtlichen Gründen folgender Hinweis stehen: Nachfolgend nenne ich die Titel einiger Horrorfilme, welche in Deutschland teilweise indiziert oder sogar beschlagnahmt sind. Dies ist unter keinen Umständen als Werbung für die betreffenden Werke zu verstehen, sondern dient ausschließlich journalistischen Zwecken! So. Los geht es.
Vielleicht kam ja alles mit George A. Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ so richtig ins Rollen: Nach der Uraufführung 1968 leerte die Kritik unisono sämtliche verfügbaren Schmutzkübel über dem „primitiven Machwerk“, nur um einige Jahre später in jähe Lobpreisungen zu verfallen. Der Umstand, dass ein Farbiger als Einziger die nächtliche Zombie-Attacke überlebt, dann jedoch von weißen „Säuberungstruppen“ erschossen wird, welche ihn ebenfalls für einen Untoten halten, führte nun zu der Annahme, Romero hätte damit ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollen. Wie groß war wohl die Enttäuschung, als der Meister selbst verlauten ließ, dies sei niemals beabsichtigt gewesen, die Hautfarbe des Schauspielers purer Zufall…
Es steht ganz klar außer Frage: Das Kino wird immer Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeiten sein. Ebenso muss sich jeder Mensch mit seinen vielfältigen Ängsten herumschlagen, was per se am besten funktioniert, indem man sie zumindest ansatzweise begründet. Und natürlich ruft allein die bloße Existenz des Horrorfilms profundes Unbehagen hervor – wie kann nur jemand Freude daran haben, Mord und Blut in zumeist sehr graphischer Weise zu zeigen, mit der größten aller Urängste zu spielen, nämlich der vor dem Tod? Da bedarf es einer Argumentation, sei sie plausibel oder nicht: „Halloween“-Killer Michael Myers trug immer seine fesche Maske, weil er das gesichtslose Böse repräsentiert, somit für jeden Zuschauer sozusagen „offen“ bleibt und den persönlichen oder auch politischen Feind verkörpern, als mentale Projektionsfläche individuellen Schreckens fungieren kann. Jason Voorhees meuchelte in so manchem „Freitag der 13.“-Auswuchs Teenies und gab auf diesem Weg der No-Future-Haltung Jugendlicher ein brutales Gesicht. Alle Gruselschinken, in denen irgendwelches Getier Amok läuft, mahnen zur bewussteren Wahrnehmung der Umwelt et cetera. Schön und gut, aber ist es nötig, deshalb gleich in rasende Interpretationswut zu verfallen? Sollte man sich eventuell „Wrong Turn“ als hintergründige Lobpreisung von Familie und Häuslichkeit vorstellen, um die ganze Dimension zu ergründen? Schließlich wären die Opfer ja noch am Leben, wenn sie nur auf ihren Camping-Trip verzichtet hätten, brav daheim geblieben wären!
Als geradezu leuchtendes Beispiel erweist sich ebenfalls „Jeepers Creepers 2“; beileibe keine Genre-Revolution, trotzdem clever gemacht und von intensiver Wirkung. Umgehend meldeten sich Stimmen zu Wort, der Creeper sei eine Metapher für destruktive Homosexualität. Ach so? Damit wir das richtig verstehen: Weil also Päderast Victor Salva wegen seiner Neigung psychischen und juristischen Repressalien unterlag, erdenkt er diese Bestie, welche in periodischen Abständen Erdenbürger mampft, um das eigene Überleben zu sichern?! Auch eine Form von Aufarbeitung… Selbst falls solche Theorie stimmt, lief die potenziell ausbaufähige Figur des Creepers mit ihrem zweiten Auftritt Gefahr, an übermäßiger Deutung frühzeitig künstlerisch zu sterben. Was dann ja auch geschah, ein weiteres Sequel ist nicht in Sicht, obwohl der zumindest ganz nette finanzielle Erfolg (35 Millionen Dollar Einspiel allein in den USA, Budget lag bei 25 Millionen, nicht berücksichtigt die Einnahmen aus dem DVD-Geschäft) dafür sprach.
Unsere Gegenwart mag mit großer Unsicherheit behaftet sein; dennoch gehört die Kirche ins Dorf. Sonst kommt möglicherweise ein pfiffiger Verleih auf die tolle Idee, angesichts der immer mal wieder aufkommenden und bestimmt auch in Zukunft nicht sonderlich lange auf sich warten lassenden Diskussion zur Nullrunde den betagten Direct-To-Video-Trash „Rabid Grannies“ jetzt verspätet in die (Programm-)Kinos zu werfen. Plötzlich könnte dann nämlich die hoffnungslos dämliche Handlung (zwei alte Schachteln mutieren unter dämonischem Einfluß zu finsteren Teufelsweibern und schlachten die zwecks Familienfeier gerade vollzählig anwesende Sippschaft dahin) im grellen sozialkritischen Scheinwerferlicht stehen (zwei Bilderbuch-Omis verfallen dem Wahnsinn, weil sie aufgrund ihrer kargen, nicht erhöhten Rente ins finanzielle Nirgendwo abzurutschen drohen, was im schockierenden Blutbad mündet). Entsetzlich, fürwahr.
Tatsächlich stellt unsere Fähigkeit des Denkens und Fühlens gleichermaßen den größten Segen wie Fluch dar. Es gibt genügend cineastische Meisterstücke, in denen sie gut aufgehoben, weil sinnstiftend, ist; der Horrorfilm verliert indes durch derartig zerklärende Analyse der Furcht seine Daseinsberechtigung und wir ein wichtiges existenzielles Triebwerk, was schon Mark Twain wusste: „Mut bedeutet, der Angst zu widerstehen, sie zu bewältigen – nicht aber, keine Angst zu haben.“
Gänsehäute ohne zu viele Interpretationsflächen wünscht
Tino









