Alles neu macht der Mai, heißt es. Deswegen hat Euer Tino auch mal die grauen Zellen mobilisiert und sich was ausgedacht. Zukünftig gibt es 2x im Monat keine „normale“ Kolumne, sondern einen tiefen Griff in die cineastische Schatzkiste.
Und da krame ich dann meine persönlichen Geheimtipps heraus: Filme, die eher unbekannt sind, vielleicht nie im Kino liefen, eventuell schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, was allerdings ihrer Qualität keinen Abbruch tut. Quer Beet durch alle Genres soll die Reise gehen, vom Horror über die Komödie hin zum Drama. Selbst die Dokumentation wird nicht sicher sein. Gratis dazu gibt es für neugierig Gewordene noch Informationen bezüglich der Veröffentlichung auf DVD. Vertraut mir und stürmt die Videotheken! Aber genug der Vorrede. Beginnen wir nun also mit dem allerersten Schätzchen, einem Werk, welches vom Regisseur ganz simpel „Okay“ genannt wurde, weil er fand, dies sei so ein „herrlich nichtssagendes Wort“. Zum Glück trifft das auf seinen Film überhaupt nicht zu.
Irgendwo in Dänemark. Nete, eine Frau von etwa Mitte 30, lenkt ihre chaotische Familie mit eiserner Hand. Was auch nötig ist, wenn die Tochter im pubertären Wahn rebelliert und der Göttergatte sich in seiner Freizeit als Schriftsteller versucht, die fertigen Manuskripte aber nie jemandem zeigt. Der ganz normale Alltagstrott also. Zumindest, bis Netes Vater die Diagnose bekommt, nur noch drei Wochen zu leben. Obwohl die Bande zwischen den beiden nicht besonders eng sind, hört Nete die Pflicht rufen und nimmt den Sterbenden zu sich nach Hause. Mit fatalen Folgen: Der Alte qualmt die Bude voll, verteilt überall seine Grünpflanzen, meckert den ganzen Tag – und ist auch Monate später noch am Leben. Netes Welt bricht völlig aus den Fugen; ein Lesbenpärchen mit Kinderwunsch, offene Versöhnungen und verführerische Studentinnen machen alles bloß noch schlimmer…
So weit, so kurz der grobe Inhalt. Mehr darf ganz einfach über die Handlung nicht verraten werden, denn „Okay“ lebt gerade von unzähligen Details, welche es zu entdecken gilt. Da reißt es dem geneigten Zuschauer schon mal das Herz in Fetzen, obwohl man eben noch zumindest breit gegrinst hat. Skandinavische Filme balancieren bekanntlich des Öfteren auf dem schmalen Grad zwischen Komik und Tragik; wer „Elling“ oder „Italienisch für Anfänger“ kennt, weiß das. Trotzdem schafft es „Okay“, in dieser Hinsicht neue Maßstäbe zu setzen. Ist das im Augenwinkel eine Träne vom Lachen oder Weinen? Keine Ahnung, letztlich aber auch nicht wichtig.
Doch selbst das großartige Skript und die makellose Regie haben keine Chance gegen Dänemarks absoluten Superstar Paprika Steen als Nete – eine Leinwand-Urgewalt, die vom ersten Augenblick gefangen nimmt. Wie Steen ständig und ohne jede sichtbare Anstrengung, eben vollkommen natürlich zwischen ramponierter Seele mit dem Wunsch nach zwischenmenschlicher Nähe, liebendem Muttertier, rabiater Bitch mit ausgefahrenen Klauen, abstoßender Zynikerin, Mutter Teresa wider Willen, ausgenutzter Gattin am Ende ihrer Kraft und bedauernswert gegängelter Tochter wechselt, beweist ganz großes schauspielerisches Talent und verzaubert selbst den skeptischsten Zuschauer. Alle anderen Darsteller, so professionell sie auch sein mögen, verblassen angesichts dieser Leistung zu puren Statisten, was fast schon wieder schade ist, da „Okay“ genug kauzige Figuren für eine ganze Reihe „normaler“ Filme auffährt.
Und noch etwas unterscheidet dieses stille, kleine, unspektakuläre Meisterwerk deutlich von seinen allseits bekannten Brüdern – nämlich das Finale. Irgendwie kann man zwar schon von einem Happy End sprechen, weil es gewissermaßen Hoffnung birgt. Aber es lässt seine Protagonisten auch klüger, verletzter, reifer zurück, mit Narben und Blessuren, negativen Erfahrungen. Kein Ende aus der zuckersüßen Schmalzbäckerei Hollywoods, sondern einfach echt. Und schön. Mehr als „Okay“.
Die deutsche DVD ist bei Alamode Film/Al!ve erschienen und bietet einen immerhin ganz ordentlichen 1.85:1-Bildtransfer (anamorph), welcher aber primär unter seiner mangelnden Schärfe leidet. Dafür kann man dem Ton (Deutsch und Dänisch jeweils in Dolby Digital 2.0 Stereo) nicht viel anlasten, sollte allerdings vor allem in Sachen Raumklang natürlich keine Wunder erwarten. Als Extras finden sich ein paar Trailer sowie das Musikvideo zum Titelsong, in dem sich Paprika Steen gleich noch als tolle Sängerin entpuppt. Die ebenfalls enthaltenen Deleted Scenes machen dagegen leider keinen Sinn, weil ihnen Untertitel fehlen. Wer also nicht Dänisch spricht, schaut komplett in die Röhre – ein unverständlicher Schnitzer. Dennoch: Da die DVD mittlerweile vielerorts im 8-Euro-Segment angekommen ist und es sich beim Film um ein wahres Meisterwerk handelt, muss man einfach zugreifen!
Allen Interessierten viel Spaß wünscht
Tino










