
Ja, liebe Leser, es ist wieder so weit: Tinos Filmradar wurde aktiviert, hat ein echtes Schätzchen entdeckt und den Fokus drauf gerichtet. Die Reise geht nach Frankreich, hin zu einem wilden Genre-Mix, der sich jeder Einordnung entzieht. Lernen wir also nun zwei “Intime Fremde” kennen.
Das kann durchaus passieren: Weil sich Anna in der Tür irrt, landet sie nicht beim Psychologen, sondern dem Steuerberater William. Die junge Frau, irgendwie etwas geheimnisumwittert, vertraut dem verknöcherten Bürokraten auf Grund besagten Irrtums ihre Eheprobleme an. William ist fasziniert, schließlich findet derartige zwischenmenschliche Aufregung in seinem öden Leben niemals statt. Oder schafft er es einfach nicht, Anna die Wahrheit zu sagen, sie zu brüskieren? Wie auch immer – ein neuer Termin wird gemacht, man sieht sich wieder, dringt tiefer hinter humane Fassaden vor. Bestens gehütete Geheimnisse schnuppern das Licht des Tages, zwischen Anna und William entsteht eine seltsame, vielleicht kranke Beziehung. Doch wer benutzt hier eigentlich wen?
Das ist die grundsätzliche Frage, welche sich hintergründig brodelnd durch den gesamten Film zieht. Durchschaut Anna tatsächlich nicht, dass William kein Psychiater ist? Warum kommt sie selbst nach Aufklärung des Irrtums wieder?! Gefällt es hier möglicherweise einem manipulativen Miststück, mit ihrem armen Opfer zu spielen, findet sie psychologische Befriedigung darin, den steifen Steuerfritzen von einem emotionalen Wechselbad ins nächste zu werfen? Oder benutzt sie als mentale Voyeurin Williams dankbar jede neue Information aufsaugende ausgedörrte humane Projektionsfläche zur geistigen Masturbation? Sollte es sich vielleicht doch um einen simplen Irrtum handeln, der zwei Menschen zusammenführt? Man wird es bis zum Ende – und eigentlich darüber hinaus – nicht wissen. Das daraus im Kopf des Betrachters entstehende unterschwellige Unheil war den US-Jugendschützern ein R-Rating wert, in Spanien hagelte es die Freigabe ab 18. Obwohl kein einziger Tropfen Blut fließt, kein Busen blitzt, kein wirklich obszönes Wort fällt, nichts. Allein der feuchten Hände wegen.
Und diese wird man tatsächlich bekommen, wenn man beobachtet, wie es hinter Sandrine Bonnaires schöner Stirn arbeitet, wie sie süffisant lächelt, das verletzte Mädchen gibt, sich dabei aber niemals in die Karten schauen lässt. Ihre Anna bleibt ein Schemen, nicht greifbar, abstoßend und anziehend zugleich, eine Hure im Gewand der Heiligen (was durchaus wörtlich zu verstehen ist, da die unauffälligen bis hässlichen Kostüme ihre potenzielle Unschuld und Naivität wunderbar unterstützen). Fabrice Luchini als William bleibt Bonnaire jedoch stets auf Augenhöhe und gibt einen wunderbaren emotional toten Spießer, der sich selbst erstaunt beim Erwachen sämtlicher Lebensgeister zusieht.
Aber das ist immer noch nicht alles, denn wie schon der Titel “Intime Fremde” andeutet, geht es im gesamten Werk um Gegensätzliches, Paradoxes, Zweideutigkeit, nicht Passendes. Weswegen man das grandiose Katz-und-Maus-oder-eben-doch-nicht-Spiel denn auch entschlossen als schweigsamen Dialogfilm titulieren muss. Klar, geredet wird jede Menge. Doch viel wichtiger ist, was zwischen den Zeilen liegt, den Andeutungen, Zurückhaltungen und –weisungen, dem Umschmeicheln, den Relativierungen. Stückchen für Stückchen fügen sich winzige Teile zu echten Figuren zusammen, schichtweise werden Charaktere gebildet, unter anderem durch doppelbödige Drehbuchzeilen vom Schlage: “Jeder Mensch, jeder von uns hätte gern eine Nummer”. Sogar nach der letzten Einstellung bleiben Lücken, weiß man nicht genau, wer Anna und William eigentlich sind. Hinzu kommt, dass unsere beiden Protagonisten mit ihrem mysteriösen Ritual nicht bloß einander in Mitleidenschaft ziehen, sondern auch ihr jeweiliges Umfeld. Der völlig logische Fall eines offenen Kammerspiels.
Wundert sich da noch jemand darüber, gleichzeitig ein prüdes Erotikum zu sichten? Einerseits hätten wir nämlich Anna, wie sie im Sessel sitzt, laszive Rauchringe bläst, über das Sexuelle ihrer Ehe plaudert (oder, besser gesagt, es permanent andeutet), die Beine einen Tick zu verführerisch übereinander schlägt, vielsagend blickt. Und sich andererseits in die Kleider ihrer Großmutter hüllt, keinerlei weibliche Formen erahnen lässt, unablässig signalisiert, ein zartes Blümchen-rühr-mich-nicht-an zu sein. Für die todernste Komödie spricht darüber hinaus, dass der häufig aufblitzende Humor immer ungemütlich bleibt, teils gar verletzend wirkt. All das fängt die Kamera in eleganten, unaufgeregten Bildern ein, denen man allerdings das Brodeln im Stillen ansieht. Sie wabert träge durch die Kanzlei, streift hier Annas maskenhaftes Gesicht, kriecht durch den völligen menschlichen Stillstand von Williams Existenz, fängt kurz sein schiefes Lächeln ein, steigt an der hoffnungslos spießigen Inneneinrichtung hoch. Und sucht dabei stets nach der Finsternis, unterstützt durch einen Score, dessen wohliger Klang unvermutet von hinterhältigen Spitzen attackiert wird. So ruhig “Intime Fremde” scheinen mag, so viele Stromschnellen und Untiefen zeigen sich auf dem Weg zum Finale. Merke: “Es ist zu Ende, wenn es zu Ende ist. Diese halb geöffnete Tür zum weiblichen Geheimnis ist schwer wieder zu verschließen.” Dem kann man nichts hinzufügen – außer dem Fazit, dass die vorliegende Gratwanderung zwischen “maléfique” und “magnifique”, zwischen den Genres, zwischen surrealer Traumwandlung und schnöder Realität schon jetzt zu den modernen Klassikern des französischen Films zählt und hoffentlich auf DVD mehr Aufmerksamkeit findet als seinerzeit im Kino.
Apropos: Die deutsche Scheibe ist von Universum erschienen und bietet so einiges, primär ein überdurchschnittlich gutes Bild (2.35:1 anamorph). Auch der Sound – Deutsch und Französisch jeweils in Dolby Digital 5.1 – weiß ob seiner Lebendigkeit zu gefallen, wobei man angesichts der Dialoglastigkeit aber natürlich keine Klanggewitter erwarten sollte. In Sachen Extras steht schließlich Qualität vor Quantität: eine Trailershow, ein kurzer Abriss zum Produktionsdesign sowie ein Audiokommentar des Regisseurs zu ausgewählten Szenen sind nicht gerade umwerfend viel. Dafür erweist sich erwähnter Kommentar aber als überaus interessant und detailliert.
Allen neugierig Gewordenen erneut viel Spaß beim Film wünscht
Tino









