8th September 2010

Tinos Filmradar # 5 – „Freaks“

Posted by Tino Socaly on Juni-14-2007 Add Comments

Tinos FIlmradar #5: Freaks
Willkommen, liebe Leser. Nachdem in der letzten Woche Strange Circus auf dem Programm stand, begeben wir uns diesmal erneut in die Manege. Allerdings gilt es, dafür die Zeit entschlossen zurück zu drehen. Und zwar ein ganzes Stück, hin zum Jahr 1932.

Regisseur Tod Browning hatte gerade Dracula mit Bela Lugosi in der Hauptrolle abgedreht, die erste von unzähligen Verfilmungen und nach wie vor die beste. Ein echter Meilenstein des Horrorkinos, bis heute unerreicht. Doch Browning ruhte sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern fasste ein für damalige Verhältnisse ganz heißes Eisen an, nämlich „Freaks“. Der Film rankt sich um eine der damals sehr beliebten „Monstrositäten-Shows“, welche von Stadt zu Stadt tingelten und dem sensationshungrigen Publikum gegen ein kleines Entgelt bedauernswerte, entstellte Menschen zeigten. „Den Mann ohne Unterleib“ etwa (ein Torso ohne Gliedmaßen), vielleicht auch „die bärtige Dame“, siamesische Zwillinge, missgebildete „Nadelköpfe“ oder „das lebende Skelett“ (ein extrem dürrer Mann). Ausgestoßene, Verachtete, am Rand der Gesellschaft Stehende, die nur der Belustigung oder dem wohligen Schauer dienten, nicht als menschliche Individuen wahrgenommen, sondern als „Freaks“ bezeichnet wurden. Einige von ihnen engagierte Browning, einst selbst als Schlangenmensch tätig, für sein Werk. Und spann um sie eine Geschichte, die 1932 zum Skandal geriet.

Neben den erwähnten von Mutter Natur benachteiligten Zirkusleuten spielen zwei „normale“ Menschen die Hauptrolle, zunächst mal Cleopatra, die schöne Trapezartistin. Sie wird von Liliputaner Hans verehrt, was seiner ebenfalls kleinwüchsigen Freundin Frieda nicht nur Kummer macht, sondern auch in die Katastrophe führt. Cleopatra findet Hans nämlich abstoßend, aber stachelt ihn trotzdem immer weiter an, ihr den Hof zu machen, weil sie so allerlei Geschenke bekommt und dazu noch Frieda leiden sehen kann. Eines Tages erbt Hans eine größere Summe – und Cleopatra schmiedet einen Plan, welcher über die anfängliche kaltherzige Gier hinausgeht. Sie will Hans heiraten, ihn dann gemeinsam mit Hercules, dem Kraftmenschen, aus dem Weg räumen und als seine Witwe das Erbe einstreichen. Nun endlich verbünden sich die anderen „Freaks“ und nehmen grausame Rache…

So weit, so krass. Man stelle sich jetzt gedanklich vor, wie diese Geschichte 1932 gewirkt haben muss: Entstellte, Abnormale, Missgeburten, die nicht nur Gefühle haben, sondern sie auch offen zeigen? Die zusammenhalten, sich als humane Wesen entpuppen? Noch dazu zwei ganz normale Menschen, welche sich in ihren abstoßenden Charakteren als die wahren Monstren entpuppen? Sympathieebenen, völlig verdreht? Und dann auch noch das wirklich unter die Haut kriechende, wenn auch nur gerechte Finale? Nein, das ging – natürlich – absolut nicht! Folgerichtig musste Browning eine schier endlose Odyssee hinnehmen, ständig kürzen, entfernen, rauswerfen. Es hagelte Verbote und Schnittauflagen, am Ende blieb von der ursprünglichen Version kaum mehr als ein Rumpf von gerade mal 60 Minuten Länge übrig.

Selbst der Verleih wusste damals nichts mit dem skandalösen Werk anzufangen und erdachte kontraproduktive (weil der öffentlichen Meinung folgende und somit der eigentlichen Intention gar nicht entsprechende) Werbezeilen wie „Can a fully grown Man truly love a MIDGET?“, „The Love Story of a SIREN, a GIANT and a DWARF!“ oder „The strangest… the most startling human Story ever screened… Are you afraid to believe what your Eyes see?” Kein Wunder, dass “Freaks” nach und nach dem Vergessen zum Opfer fiel. Immerhin haben sich seitdem die Zeiten zumindest so weit geändert, dass Brownings Meisterwerk endlich auch als solches angesehen wird. Anno 1994 nahm das Amerikanische Filmarchiv „Freaks“ in die Liste der schützenswerten Filmschätze auf, um den Klassiker der Nachwelt zu erhalten – ein weiser Entschluss, selbst wenn man vermutlich niemals die absolut ungekürzte Originalfassung sehen darf.

Mittlerweile ist sogar eine deutsche DVD erschienen, wofür Warner Home Video Dank gebührt. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Zunächst einmal kann das (4:3-Voll-)Bild bei objektiver Betrachtung sicher nicht vom Hocker reißen. Bedenkt man jedoch das Alter des Materials und dessen Reise durch unzählige staubige Archive, darf man mit dem Gebotenen tatsächlich sehr zufrieden sein. Ähnliches gilt für den Ton. Dieser liegt in Englisch Mono 1.0 vor (optionale Untertitel sind in diversen Sprachen vorhanden), rauscht hörbar und neigt teils zu Verzerrungen, bildet Dialoge jedoch stets klar ab. Beim Bonusmaterial übertrifft sich die DVD schließlich selbst – zur Erinerung: Wir haben es mit einem Film des Jahres 1932 zu tun! Die Extras starten mit einem Prolog, welcher „Freaks“ damals im Kino vorangestellt wurde und der theoretisch für Toleranz und Verständnis wirbt. Praktisch bewirken ein extrem betroffener Grundtenor sowie fragwürdige Aussagen wie (sinngemäß) „Da die moderne Medizin Missbildungen ausrottet, gibt es nie mehr solch einen Film“ fast schon das Gegenteil. Trotzdem filmhistorisch sehr interessant. Ein weiteres Feature widmet sich ausschließlich dem originalen Ende in allen seinen Entwicklungsstufen – genial. Eine Art Making Of bekommt man dann mit „The Sideshow Cinema“, und zwar erstaunliche 63 Minuten lang. Und zum guten Schluss spricht Filmhistoriker David Skal noch einen extrem spannenden, filmlangen Audiokommentar, der allerdings nicht untertitelt wurde. Dennoch: Diese Ausstattung lässt praktisch keine Wünsche offen und sollte als zusätzliches Argument dafür verstanden sein, sich „Freaks“ unbedingt anzuschauen.

Aufrüttelnde, nachdenkliche, unter die Haut fahrende Blicke über den Tellerrand wünscht

Tino

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