22nd May 2012

Filmreview: Adams Äpfel

Posted by Reviewnator on Juli-3-2007 Add Comments

Adams Äpfel

Wer genug hat von dem Einheitsbrei, der es nicht mal in die Kinos geschafft hat und jetzt die Videotheken überflutet, dem sei wärmstens der Griff zu „Adams Äpfel“ von Anders Thomas Jensen („Dänische Delikatessen“, „In China essen sie Hunde“) empfohlen. Ist auch der Hype des Dogma-Kinos abgeebbt, so liefern dänische Komödien seit einigen Jahren immer wieder filmische Überraschungen. Und wer deren schwarzen, bitterbösen Humor kennt und mag, der ahnt, was ihn bei „Adams Äpfel“ erwartet.

Die Ausgangskonstellation ist einfach und irreführend: Adam (Ulrich Thomsen), ein bulliger Skinhead und Ex-Knacki, wird zwecks Bewährung dazu verdonnert, das Personal einer einsamen Landkirche aufzuwerten. Deren Pfarrer Ivan (Mads Mikkalsen) hat sich der edlen Aufgabe verschrieben, hoffnungslose Fälle mit Engelsgeduld auf den rechten Weg zu bringen. Besagtes Personal besteht deshalb aus einem Tankstellenräuber und einem bärigen Triebtäter. Allesamt machen sie aber – sehr zu Adams Erstaunen – einen friedfertigen, ja beinahe narkotisierten Eindruck.

Pfarrer Ivan pflegt in seinem Kleinod des Strafvollzugs nämlich ein ganz eigenes Netz aus Regeln und Methoden, das keinen Widerspruch duldet. Seelsorgerische Dienste ähneln mehr Erpressungen als ermutigenden Gesprächen, und wer während einer Predigt auf die Toilette muss, hat ein ernsthaftes Problem.

Immer kritischer beäugt Adam, der trotz seiner Nazi-Vergangenheit zu analytischem Denken fähig ist, die Situation. Und da Adam nur bis zu einem gewissen Maße ein Mann der Worte ist, kommt es zu der einen oder anderen Tracht Prügel für alle Beteiligten. Machtlos gegen Ivans hartnäckige Duldsamkeit reiht sich Adam ein in das skurrile Gefüge und geht der Aufgabe nach, die Ivan für ihn auserkoren hat. Adam soll einen Apfelkuchen backen und sich vor allem um die Titel gebenden Äpfel kümmern. Doch der einzige Apfelbaum direkt vor der Kirche wird plötzlich von Raben heimgesucht.

Adams Äpfel

Weitere Details zu verraten, wäre, um in der religiösen Symbolik zu bleiben, schlichtweg Sünde. Nur soviel sei gesagt: wer ein gleichwertiges Duell zwischen Gut und Böse erwartet, also den eingangs erwähnten Einheitsbrei, wird bitter enttäuscht. Vielmehr werden mit fast jeder Szene die Karten neu gemischt. Dadurch wird der Film fesselnd und zugleich unberechenbar. Das alles wäre aber nichts ohne den tabulosen schwarzen Humor, der weit unter der Gürtellinie angesiedelt ist und bei mancher Szene das Lachen gefrieren lässt. Man glaubt manchmal, sich schämen zu müssen, dafür, dass man gelacht hat – aber herzhaft gelacht hat man trotzdem.

Mads Mikkelsen, aus Casino Royale als Gegenspieler Bonds dem breiten Publikum ein Begriff, füllt mit seinem kantigen, traurigen Gesicht, perfekt die Rolle des doppelbödigen Ivan. So verkörpert er in ein und derselben Person zunächst den opferwilligen Gutmenschen, der in kurzer Hose Fahrrad fährt und Take That hört, wenn er sich nicht gerade wehrlos zusammenschlagen lässt. Später, in einer genialen Einstellung mit Licht und Schatten und strengem Scheitel, geht man der Kamera auf den Leim und glaubt eine Hitlerfigur vor sich zu haben.

Ulrich Thomsen als Adam ist mit Glatze und Tattoos kaum aus Dogma-Zeiten wieder zu erkennen und gibt den ratlosen Brutalo, der immer dann zuschlägt, wenn man glaubt, er sei endlich bekehrt. Auch die anderen Schauspieler gehen in ihren Rollen auf und spielen hervorragend zusammen als herrlich schräges Ensemble von Freaks.

Zu erwähnen bleibt die meist religiöse Symbolik, die den ganzen Film durchzieht, und die durch hervorragende Bilder immer wieder neu in Szene gesetzt wird. So fällt ironischerweise jedes Mal, wenn morgens die Glocken geläutet werden (vom arabischstämmigen Räuber), das Führerbild in Adams Zimmer von der Wand. Oder schafft es die Bibel von Adams Kommode immer wieder herunterzufallen und ausgerechnet mit dem Buch Hiob aufgeschlagen zu landen. Der Film tobt sich in unzähligen dieser ironischen Anspielungen aus, manchmal – und das dürfte eines der wenigen Mankos des Films sein – verliert er sich darin.

Und gegen Ende hat man ein wenig das Gefühl vor lauter Deutungen und Wendungen von Gut und Böse, den Überblick zu verlieren. Doch damit kann man sich getrost abfinden, hat man zuvor doch eine regelrechte Achterbahnfahrt durch menschliche Untiefen absolviert und eine wunderbar erfrischende, deftige dänische Delikatesse genossen.

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