22nd May 2012

Filmreview: Black Snake Moan

Posted by Reviewnator on Juli-18-2007 Add Comments

Black Snake Moan

Selten hat man ein so irreführendes Filmplakat gesehen: „Everything is Hotter Down South“ verkündet es in reißerischer Schrift. In der Mitte des Bildes sieht man einen grimmigen Samuel L. Jackson im Unterhemd, an einer schweren Kette vor ihm auf den Knien ein blondes, wohlproportioniertes Weib wie ein lüsterner Schoßhund. Man denkt, das Plakat für einen weiteren Teil der Grindhouse -Reihe vor sich zu haben oder tief in die Blaxploitation-Zeit zurückgeworfen worden zu sein. Aber weit gefehlt – denn statt stumpfem Sexismus und derber Gewalt bekommt man mit „Black Snake Moan“ ein durchaus feinfühliges und atmosphärisches Drama,  das bis in die kleinste Pore vom Blues durchtränkt ist.

Der ehemalige Bluesmusiker und jetzige Bauer Lazarus (Samuel L. Jackson) hat es nicht leicht. Seine Frau, für die er damals die Musik aufgab, hat ihn verlassen. Ausgerechnet für seinen Bruder. Also betrinkt er sich und fährt mit dem Traktor das Rosenbeet vor seinem Haus platt, wird zynisch und gammelt in seinem Unterhemd vor sich hin. Rae (Christina Ricci) hat es auch nicht leicht. Als ihr Freund Ronnie (Justin Timberlake) sie verlässt, um zur Armee zu gehen, verliert sie den Boden unter den Füßen und schießt sich wieder auf ihren alten Kurs ein. Selbstverstümmelung. Will heißen, sie lässt sich von allem besteigen, was männlich ist und zwei Beine hat.

Und eigentlich spielt es im Endeffekt keine Rolle, wer nun alles ihre Situation schamlos ausnutzt. Jedenfalls fühlt ausgerechnet Ronnies bester Freund seinen Stolz durch Rae verletzt und wirft sie brutal zusammengeschlagen auf nächtlicher Straße aus dem Auto. Zufällig landet sie in der Hofeinfahrt eines abgelegenen Farmhauses, das einem gewissen Lazarus gehört.

Lazarus, dessen Namenspatron in der Bibel von den Toten auferweckt wurde, fasst neuen Mut in der Rolle des Bekehrers – oder zunächst besser in der Rolle des Exorzisten, denn das blonde, fast nackte Stück Fleisch, das sich da vor ihm auf dem Boden in ekstatischen Zuckungen hin und herwirft, erinnert stark an die kleine Regan aus dem Exorzisten. Unbeholfen legt Lazarus die Gefallene kurzerhand an die Kette und nimmt schützend eine Bibel zur Hand. Langsam gewöhnen sich beide an die Situation und es beginnt ein Heilungsprozess, in dem bald nicht mehr ganz klar ist, wer eigentlich wen heilt. Und dann taucht plötzlich Ronnie wieder auf…

Christina Ricci in Black Snake Moan

Samuel L. Jackson glänzt in einer Rolle, die ihn ungewohnt alt aussehen lässt – mit Vollbart und Halbglatze erinnert er ein wenig an den gutmütigen Dany Glover. Unvergessene Momente setzt er dem Film, wenn er seinen Ehering abnimmt, sich den Slidebar an den Finger steckt und zu spielen und singen anfängt. Wenn er zwischen den Akkorden von der verkorksten Beziehung mit seiner Frau erzählt. Oder schließlich in der verrauchten und durchgeschwitzten Blueskneipe sein Comeback gibt. Das sind wohl seine coolsten Auftritte seit Pulp Fiction.

Christina Ricci zeigt erneut ihren Hang zu den schweren, unangenehmen Rollen – und zu deren Meisterung. Ihr Porzellangesicht mit den Puppenaugen bewahrt selbst im widerwärtigsten Moment der Selbstverleugnung eine tragische Zerbrechlichkeit. Sie ist der Inbegriff des Südstaaten-White-Trashs. Und selbst der blasse Justin Timberlake spielt seine Rolle – einen blassen Jungen vom Dorf – sehr passabel, es dürfte wohl keine Schande sein, gegen obiges Ensemble zu verblassen.

Der talentierte Craig Brewer (Hustle & Flow) schafft es vor allem durch die entspannte Erzählweise und die gelungene Einbettung des ganzen Themas in den Blues, dass der Film nicht in die Lächerlichkeit abdriftet, die das Plakat suggeriert. Nicht nur für Bluesfans ist der Soundtrack eine unbedingte Kaufempfehlung. Und der frische Humor, hauptsächlich getragen vom grandiosen Samuel L. Jackson, erhellt immer wieder das eigentlich trostlose Szenario. Lediglich in den Szenen der dramatischen Zähmung Rae´s lässt Brewer das Blaxploitation Schema mitsamt seiner Optik durchscheinen und die Akteure aus ihrer sonst glaubhaften Rolle herausbrechen. Daran kann man sich stören, man kann das Ganze aber auch augenzwinkernd als geschicktes Spiel mit den Genres hinnehmen.

Auch mag man sich stören an einem Happy End, das auf den ersten Blick vielleicht ein wenig zu sehr den unrealistischen Beigeschmack Hollywoods hat – schaut man genauer hin, so ist dieser Blick trügerisch – und außerdem braucht doch mancher Film ein Happy End, eine naive Auflösung und Fügung der Dinge. Wer, wenn nicht das Kino also, sollte an seinen Illusionen festhalten.

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