22nd May 2012

Filmreview: The Devil’s Backbone

Posted by Reviewnator on Juli-13-2007 Add Comments

The Devil's Backbone

„Was ist ein Geist? Ein Unglück, dazu verdammt, sich ständig zu wiederholen? Ein Moment des Schmerzes vielleicht… Etwas Totes, das noch lebendig scheint. Ein Gefühl, gefangen in der Zeit,wie ein verschwommenes Foto, wie ein Insekt in Bernstein eingeschlossen.“

Was derart poetisch beginnt, ist eigentlich eine klassische Geistergeschichte. Eigentlich, wohlgemerkt, denn eine klassische Geistergeschichte zu erzählen, läge wohl etwas unterhalb des üblichen Anspruchs Guillermo del Toros. Diesen Anspruch hat er jüngst mit Pan´s Labyrinth bewiesen, jedoch schon 2001 mit dem komplexen und relativ unbekannten The Devil’s Backbone einen richtungsweisenden Grundstein gelegt.

Ein dunkler Korridor, eine Bombe, die aus dem Flugzeug in eine regnerische Nacht hinabfällt, ein regungsloser Junge mit blutender Nase, eine Stimme aus dem Off, die über Geister philosophiert – schon vor den Opening-Credits sind die Grenzen des Universums Guillermo del Toros abgesteckt. Der zehnjährige Carlos fährt mit zwei Männern durch die spanische Wüste. Sie erreichen ein einsames Gebäude, eine Burg, im Innenhof spielen Kinder. Und dieser Ort strahlt etwas Unheimliches aus, eine ständige Bedrohung, die unter der scheinbar intakten Oberfläche schlummert. Wenig später sind die beiden Männer fort, haben Carlos zurückgelassen ohne ein Wort – er ist auf sich allein gestellt. Der Ort ist ein Waisenhaus, die Zeit 1939. Der Bürgerkrieg hat viele Opfer gefordert – wie auch Carlos Vater. Francos Truppen zerschlagen nach und nach den letzten, linksgerichteten Widerstand und gehen dabei äußerst brutal vor. Streng aber fürsorglich wird das Waisenhaus von Carmen und Professor Casares geführt. Aber auch unter den Kindern gibt es eine strenge Machtordnung. Sowohl tags auf dem Pausenhof, als auch nachts in dem unheimlichen, kargen Schlafraum, muss sich Carlos den Übergriffen eines Rädelsführers erwehren und um seine Stellung kämpfen.

Hinzu kommt, dass der zwielichtige Hausmeister Jacinto das Treiben der Jungen und vor allem die Neugier des Neuankömmlings mit Argwohn beäugt und geradezu mit Argusaugen einen Lagerraum bewacht, der ein Geheimversteck und einen tiefen Brunnen beherbergt. Diese Konstellation aber, die ohnehin dramatisch genug und Stoff für einen ganzen Film wäre, genügt del Toro nicht. In diese, aufgrund ihrer Trost- und Aussichtslosigkeit beinahe surreale und geisterhafte Welt, führt er einen „richtigen“ Geist ein. Denn schon kurz nach Carlos Ankunft erscheint ihm immer wieder der kleine Santi, der – wie es Geistern eigen ist – Unheilvolles verkünden möchte. Und über allem schwebt bedrohlich und allgegenwärtig die Bombe, die im Innenhof des Waisenhauses steckt und noch immer ihre ganze Sprengkraft schlummernd in sich trägt…

Mit The Devil´s Backbone meldete sich del Toro nach seinem Hollywooddebüt „Mimic“ und vierjähriger Schaffenspause mit einer spanischen Produktion zurück. Und nachdem „Mimic“ zwar handwerklich und atmosphärisch perfekt, inhaltlich aber kaum innovativ war, erreichte er mit The Devil´s Backbone eine neue Dimension.

Der Film verwebt genial, ebenso wie später Hellboy und Pan’s Labyrinth, die Ebenen des Horrors und der Fantasy mit denen des realen Horrors der politischen Erwachsenenwelt. Immer wieder berühren sich die beiden Welten, bis sie schließlich in einer finalen Entladung direkt miteinander in Konflikt geraten. Dabei baut del Toro die Spannung langsam auf und lässt sich den ganzen Film über Zeit, einen Grusel zu entfalten, der zwar oberflächlich den Konventionen des Genres folgt, jedoch immer eine Stufe weiter geht.

Die gediegenen Bilder sind atmosphärisch aufgeladen und schwanken stets zwischen den beeindruckenden Totalen eines Italo-Westerns und einer klaustrophobischen Enge. Die Bombe dient dabei als magnetischer Anziehungspunkt, tödlich und faszinierend zugleich. Und die eingangs erwähnten Umschreibungen des Geisterphänomens sind stimmige Bilder für menschliche Grausamkeiten und Gräuel des Krieges. Bleibt nur zu hoffen, dass der Film wie ein Geist immer wieder die Programmkinos heimsuchen wird und dort im Original mit Untertiteln für Gänsehaut sorgt.

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