19th May 2012

Tinos Filmradar # 6 – „Untold Scandal“

Posted by Tino Socaly on Juli-28-2007 Add Comments

Tinos Filmradar #6: Untold Scandal
Ich begrüße alle Leser und entschuldige mich für den Ausfall vorige Woche – Euer Tino wurde ein Opfer des Telekom-Streiks. Kein Techniker war zu erreichen, um meinen zusammengebrochenen DSL-Anschluss wieder zu richten. Zum Ausgleich gibt es diesmal ein Stück Weltliteratur!

Den wenigsten Menschen dürfte der Name „Choderlos de Laclos“ etwas sagen, was nicht verwundert, weil der Mann literarisch bloß unbedeutendes Zeug geschrieben hat. Mit einer Ausnahme, nämlich „Gefährliche Liebschaften“ (1782 anonym veröffentlicht). Wer auch damit nichts anfangen kann: Dabei handelt es sich um einen Briefroman, in dem eine Vielzahl Personen schriftlich miteinander kommuniziert. Hauptsächlich geht es darum, dass die Marquise de Merteuil (eine hoch angesehene Adlige, nach außen das Sinnbild der perfekten Frau, innerlich aber eine verdorbene Seele, die andere Menschen nur zum Spaß zerstört) sich an einem ehemaligen Liebhaber rächen will, welcher Cecile de Volanges (eine völlig naive 15jährige Klosterschülerin aus gutem Hause) zu heiraten gedenkt. Zu diesem Zweck soll der Vicomte de Valmont (seines Zeichens verrufener Frauenheld) Cecile verführen und möglichst schwängern – was für ein Skandal! Doch dem Vicomte erscheint dies zu leicht. Er will Herausforderungen und glaubt, selbige in Madame de Tourvel (ein lichter Engel, tugendhaft bis unter den Haarschopf und glücklich verheiratet) zu finden. Sie möchte er verführen, ihre Wertvorstellungen ad absurdum führen, ihre Moral zerstören. Nun beginnt ein zynisches Spiel um Begierde, Lüge, Betrug, Liebe und Verstellung, welches im Finale – natürlich – ausschließlich Verlierer kennt.

Das Ganze wird, wie gesagt, in Briefform präsentiert, was dem Leser die Möglichkeit gibt, sowohl das äußere Gehabe als auch die inneren Beweggründe und Wahrheiten zu kennen. Während beispielsweise der Vicomte die Tugend der Madame ausnutzt, um sich ihr zu nähern, spricht er im Briefwechsel mit der Marquise ganz andere Worte. Insgesamt ein geniales, zynisch-entlarvendes Abbild des französischen Adels kurz vor der Revolution, eine messerscharfe Analyse menschlicher Befindlichkeiten und nicht zuletzt ein literarisch unglaublich wertvolles Buch, da jede einzelne Person ihren ganz eigenen Stil schreibt. Nicht zuletzt aber ebenso eine cineastische Unmöglichkeit. Wie soll man der Vorlage gerecht werden, ohne die (Brief-)Form völlig aufzubrechen?

Vielleicht gehört „Gefährliche Liebschaften“ gerade deshalb zu den oft adaptierten Werken der Weltliteratur. Die erste Verfilmung anno 1959 geriet wegen der vorgeblichen Freizügigkeit (dabei waren alle Liebesszenen stark verdunkelt!) noch zum Skandal. 1988 schuf Stephen Frears mit seiner Version ein zeitloses Meisterwerk, welches sich eng an den Roman hielt, teils gar Passagen übernahm, aber trotzdem zum eigenen Stil fand. Und mit Glenn Close, John Malkovich, Michelle Pfeiffer, Uma Thurman sowie Keanu Reeves punktete. Ehrlich – einer der besten Filme aller Zeiten! Dagegen blamierte sich kurze Zeit später Milos Forman mit „Valmont“, trotz Annette Bening als Marquise de Merteuil. 1994 gab es dann noch eine kaum beachtete und ebenso wenig nennenswerte US-Verfilmung, bis fünf Jahre später das klassische Werk als „Eiskalte Engel“ eine neuerliche Reinkarnation erlebte. Diesmal erfrischt im Teenie-Gewand, aber trotzdem erstaunlich gut gelungen. Schließlich entstand 2003 noch eine TV-Mini-Serie, mit Catherine Deneuve, Rupert Everett, Nastassja Kinski, Leelee Sobieski und Danielle Darrieux prominent besetzt, aber eben auf Fernsehniveau. Schließlich reduzierte Heiner Müller mit seinem Theaterstück „Quartett“ (1981) den Roman auf das Allernotwendigste, den Kern – wer die Gelegenheit bekommt, eine Inszenierung dessen zu erleben, sollte nicht zögern.

Nun könnte man meinen, der Stoff sei am Ende angekommen, es gäbe keinerlei neue Facetten mehr. Doch weit gefehlt! Denn ebenfalls 2003 drückte ein südkoreanischer Regisseur der Vorlage seinen ganz eigenen Stempel auf, weitgehend unbekannt als „Untold Scandal“. Handlungstechnisch entspricht das Geschehen dem Original, und auch sonst bleibt das Skript erstaunlich dicht an de Laclos’ Text. Selbst der Prolog wurde – mit leichten Änderungen, sinngemäß jedoch treffend – übernommen. Natürlich spielt sich aber alles in Korea ab, was zu interessanten Anpassungen führt. Wo in Frears’ Beitrag beispielsweise gelangweilt Bridge gespielt wird, frönen hier die Protagonisten einer ausufernden Teezeremonie. Der Effekt ist gleich, die Atmosphäre passt sich hingegen ihrer Umgebung an. Interessant zudem, dass gerade diese asiatische Variante stärker als alle anderen Verfilmungen vor ihr den erotischen Aspekt der Geschichte betont und kaum mit nackter, aber höchst ästhetisch präsentierter Haut geizt. Zwei wichtige Gründe, wieso „Untold Scandal“ es immer noch schafft, sich als anders, neu und frisch zu präsentieren, selbst wenn man alle bisherigen Adaptionen schon kennt. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass hier zudem ein wahrer Bilderrausch auf die Leinwand gebannt wurde, ein pompöses, superb gefilmtes Mekka für die Sinne, woran auch der großartige Soundtrack Anteil trägt.

Da verzeiht man locker, dass „Untold Scandal“ mit 124 Minuten insgesamt etwas zu lang geriet, manche Passage schon mehr Biss vertragen hätte – leider wurden die Zynismen der Vorlage teils arg zensiert – oder einige Szenen dann doch in unfreiwillige Komik abdriften, beispielsweise das Martial-Arts-Segment. So gut es passt, so holprig ist es nämlich inszeniert. Aber egal, denn insgesamt schafft es dieser sehr sehenswerte Film tatsächlich, sich von allen Vorgängern abzuheben, dem Stoff neues Leben einzuhauchen. Gerade deshalb, weil er sich häufig von de Laclos’ Roman entfernt und eben eigene Wege geht, aber dennoch die gleiche Richtung einschlägt. Speziell Lady Sooks (entspricht Madame de Tourvel) Schicksal beziehungsweise dessen Erfüllung wurde niemals schockierender und anrührender inszeniert – Stichwort „Eis“…

Und jetzt die beste Nachricht: Heimlich, still und leise hat das Label e-m-s im Februar diesen Jahres eine deutsche DVD von „Untold Scandal“ veröffentlicht! Das anamorphe 1.85:1-Bild ist absolut gelungen und toppt den Transfer der Südkorea-Scheibe um Längen – großes Kompliment an e-m-s. Auch die beiden Tonspuren in Dolby Digital 5.1 (Deutsch und Koreanisch) gehen in Ordnung, wenn man sich mit der professionellen, aber etwas gewöhnungsbedürftigen Synchronisation (so verfügt gerade Lady Sook über eine zu „alte“, reife Stimme) angefreundet hat. Extras sucht man, abgesehen vom Trailer, zwar vergebens, doch als Ausgleich steckt die Amarayhülle in einem netten Schuber und wird die DVD ungeachtet ihrer Jugend vielerorts bereits für weniger als zehn Euro angeboten. Zugreifen!

Erotisch-entlarvende Stunden wünscht

Tino

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