
Neue Woche, neues Glück. Und weil mir gerade so danach ist, lade ich die verehrte Leserschaft gemäß „Kurz, aber deftig“-Prinzip heute mal zu einem Quickie ein. Aber keine Angst: Euer Tino plant keine verbale sexuelle Belästigung, sondern hat einfach bloß einen lauflängentechnisch kleinen, doch umso dreckigeren Film ausgewählt.
Es waren einmal zwei namhafte Regisseure, die sich zufällig in einer Bar trafen. Der Alkohol floss reichlich, irgendwann kam man auf die Idee, einander im kreativen Wettstreit zu begegnen. Mit einfachen Regeln: Jeder sollte seine ganz eigene Vision des tödlichen Kampfes zweier Protagonisten an nur einem Schauplatz im Laufe einer einzigen Nacht drehen. Diese Geschichte hat sich anno 2001 tatsächlich ereignet und führte zunächst mal zu Ryuhei Kitamuras „Aragami“, dessen Qualität ich allerdings doch eher bestreiten will. Viel interessanter dagegen „2LDK“ von Yukihiko Tsutsumi. Und deshalb soll hier auch genau dieses Werk im Mittelpunkt stehen.
„2LDK“ bedeutet eigentlich nichts anderes als „2 Zimmer, Küche, Bad“, vereint in einem recht luxuriösen Appartement. Selbiges teilen sich zwei Mädels, und wie man vielleicht aus eigener Erfahrung weiß, sind Wohngemeinschaften so ihre eigene Sache. Erschwerend hinzu gesellt sich die prinzipielle Unterschiedlichkeit der beiden Damen: Nozomi kam soeben aus der tiefsten Provinz in die glitzernde Großstadt, schiebt darum extreme Panik und bastelt erst mal ungefähr zwölf Schlösser an die Tür. Dagegen schwebt Schnalle Lana wie eine läufige Göttin durch die Räumlichkeiten, duftet gut, trägt teure Kleider und hat gefärbtes Haar. Eine vorgeblich starke Persönlichkeit, die allerdings verzweifelt versucht, ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin zu verdrängen. Helfen soll eine Rolle im neuesten Yakuza-Drama. Blöd, dass Nozomi auf eben diesen Part auch scharf ist…
Was nun folgt? Ein in solch ungestümer Freude nie zuvor gesehener, schreikomischer Zickenterror. Nozomi und Lana lächeln einander freundlich an, geben sich Tipps, könnten kaum netter zueinander sein. Doch mancher scheele Blick und für den Zuschauer hörbare Gedankengänge verdeutlichen schnell: Man hasst sich wie die Pest. Ganz langsam werden dann schließlich Grenzen abgesteckt, zuletzt gar die Eier im Kühlschrank mit dem Namen ihrer Besitzerin versehen. Es wäre ja auch noch schöner, sollte die Konkurrentin das teure Hühnerprodukt verzehren! Irgendwann verhärten sich die Fronten, Zoffs um unberechtigt geborgtes Shampoo oder einen Mann folgen. Ganz schleichend wandelt sich die Zickenkomödie zum spannenden Ernst, seelische Fassaden bröckeln, der Wahnsinn klopft an die geistige Tür und wird von beiden Ladys freundlich herein gebeten. Bis Lana mit der Situation nicht mehr umgehen kann und völlig ausflippt.
Die anschließende Wende hat die Filmgeschichte erneut noch nie gesehen. Eben noch zwei scheinbar normale junge Frauen, mutieren Nozomi und Lana aus dem Stand zu reißenden Bestien. Der ehemals gut geführte Haushalt weicht einem offenen Schlachtfeld, man bekämpft sich mit allem, was greifbar ist. Von A wie Abflussreiniger über M wie Motorsäge bis hin zu Z wie Ziergegenstände – was den Damen in die Hände fällt, wird benutzt, um es der Gegnerin in den Körper zu stechen, über den Schädel zu schlagen, ins Gesicht zu sprühen oder sonstwas damit anzustellen. Es scheint, als hätte die während des Drehs grassierende Grippewelle nützliche Synergie-Effekte hervorgebracht – die zwei Darstellerinnen hauen, rupfen, reißen und foltern einander mit anbetungswürdiger Lust. Erstaunlicherweise verliert Tsutsumi zwar selbst jetzt niemals den satirischen Anstrich des Geschehens aus den Augen und inszeniert grandios überzogen, lässt aber ungeachtet dessen immer Platz für melancholische Intermezzi oder wirklich unangenehme Szenen, welche – teils buchstäblich – unter die Haut gehen. Stichwort „Kratzige Matte“… Und obwohl im Grunde genommen kein Blut fließt, tat die FSK Recht daran, dem Ganzen „Keine Jugendfreigabe“ zu verpassen. Die ungeachtet aller kaum ernst zu nehmenden Rohheit der Schlacht geradezu unglaubliche Brutalität spricht zweifellos dafür.
Eine gewisse Unerschrockenheit ist also notwendig, um den Wechsel von der grandiosen Komödie hin zum blanken Terror zu überstehen. Aber es lohnt ohne Zweifel, diese aufzubringen, da „2LDK“ weitaus vielschichtiger ist, als es auf den ersten Blick scheint, es nicht nur um billige Folter geht. Und natürlich macht das Gezeigte – auch wegen der Beschränkung auf gerade einmal 67 Minuten, Zeit zum Trödeln bleibt also nie – unglaublichen Spaß, falls man eine entsprechende Ader besitzt. Da stört nicht einmal die schon weit vor Ende um die Ecke lugende Pointe, welche ziemlich unoriginell, dafür jedoch erfrischend konsequent daherkommt.
In Deutschland wurde diese cineastische Perle von Rapid Eye Movies veröffentlicht, zusammen mit „Aragami“ als Double Feature im schnieken Digipak. Wer, wie ich, auf Kitamuras Beitrag weniger Wert legt, sollte sich alternativ nach der Leihversion von „2LDK“ in Form einer Einzeldisk umschauen. Zur Technik: Das Bild (1.78:1 anamorph) kann zwar aus objektiver Sicht kaum überzeugen, verstärkt aber mit seinem schmuddeligen Video-Look die gegebene Grundkonstellation und Atmosphäre. So gesehen also eine Meisterleistung. Beim Ton sei vermeldet, dass das japanische Original (Dolby Digital 2.0 Stereo) kraftlos, undifferenziert und steril deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Da überzeugt die Synchronisation in Dolby Digital 5.1 trotz rätselhaften Rauschens wesentlich mehr, und die deutsche DTS-Spur legt sogar noch einen qualitativen Zacken drauf. Die Extras sind schließlich nicht sehr zahlreich, aber durchweg sehenswert. Neben diversen Trailern haben es zwei Interviews, das geniale Making Of, eine Videobotschaft sowie zwei Hidden Features auf die Scheibe geschafft.
Viel Spaß beim Metzel-Marathon wünscht
Tino









