
Diese Woche ist Remake-Zeit bei Tinos Filmradar. Alternativ könnte die heutige Kolumne auch unter der Überschrift stehen: „Wenn Regisseure sich selbst verraten“.
Bekanntlich fällt Hollywood ja nur selten etwas Neues ein, also wird neu aufgelegt, was das Zeug hält. Nicht weiter wild. Wirklich bedauerliche Züge nimmt diese Praxis aber immer dann an, wenn ein Filmemacher aus irgendeinem Land außerhalb der USA etwas ganz Herausragendes dreht, von den Studiobossen innerhalb Amerikas zum Neudreh seiner Vision bewegt wird, sich darob arg geehrt fühlt – und am Ende ein minderwertiges Produkt abliefert. Man denke an das „Nightwatch“- oder „ Ring 2 “-Remake . Der Gedanke, dass Michael Haneke gerade sein Meisterwerk „Funny Games“ für den amerikanischen Markt noch mal verfilmt, jagt mir kalte Schauer über den Rücken. Und auch George Sluizer gehörte zu den Opfern der Selbstverliebtheit.
Wer seinen Thriller „Spurlos“ kennt, hat sicherlich die darstellerischen Leistungen von Jeff Bridges und Kiefer Sutherland zu würdigen gewusst. Bestimmt gefiel zudem die Grundperfidität der Handlung. Ebenso sicher hat der geneigte Fan aber auch angesichts des völlig unpassenden, jede Atmosphäre zerstörenden Happy Ends Tränen der Verzweiflung geweint. So weit, so schlecht. Aber jetzt die gute Nachricht: Wir hatten es wieder mal mit einem Remake zu tun! Das Original nennt sich im deutschen Raum „The Vanishing“ und ist erwartungsgemäß um Längen besser, daher die heutige Empfehlung wert.
Handlungstechnisch gibt es natürlich keine großartigen Unterschiede: Ein verliebtes Pärchen, hier Saskia und Rex, fährt in den Urlaub, lacht, turtelt, hat Spaß. Doch die düstere musikalische Untermalung lässt bereits jetzt am Glück zweifeln, Unheil scheint sich zusammenzubrauen. Ein Streit des Pärchens folgt – weiterer Vorbote folgender schrecklicher Ereignisse. Als Saskia dann an einer Tankstelle kurz etwas besorgen will, verschwindet sie. Spurlos. Wie vom Erdboden verschluckt. Rex bleibt zurück, steigert sich in eine Obsession aus Schuld und Wahn hinein. Bis drei Jahre später ein unauffälliger Mann auftaucht, verdächtig harmlos, ein Familienvater. Er weiß alles über Saskias Verschwinden und bietet Rex an, ihn einzuweihen. Allerdings nur bruchstückhaft – und um den Preis der bedingungslosen Hingabe ohne Fragen…
Wo Sluizer im Remake die bekannte Hochglanzoptik auffährt, arbeitet er hier mit irritierend „normalen“ Bildern, hinter deren Fassade es allerdings ebenso brodelt wie hinter der Stirn des großen Unbekannten. Spärliche musikalische Untermalung, scheinbar unwichtige Szenen ohne Aussage, die zurückhaltend agierenden Darsteller, keinerlei physische Action – Sluizer entwirft das bis ins Mark kriechende Bild eines durchschnittlichen Lebens, in das sukzessive, mit jeder weiteren Enthüllung, das blanke Grauen einbricht. Er lässt seine Protagonisten am Abgrund wild tanzen, versieht jeden Satz mit mindestens einem doppelten Boden und bereitet akribisch das Finale vor, welches in seiner Schockwirkung wohl unerreicht bleiben wird. Und den amerikanischen Studios definitiv zu hart war, deswegen auch die Änderung hin zum Friede-Freude-Eierkuchen-Schluss. Was letzten Endes einen Albtraum-Thriller, der in nie gekannter Weise menschliche Urängste kitzelte und wohl für einige schlaflose Nächte gesorgt haben dürfte, zum durchschnittlichen Unterhaltungsprodukt degenerieren ließ.
Glücklicherweise hat sich Polyband berufen gefühlt, das brillante Original dann doch auf einer deutschen DVD zu veröffentlichen. Bild (1.78:1 anamorph) und Ton (nur Deutsch in Mono 2.0) könnten definitiv besser sein, auch der Verzicht auf sämtliche Extras stellt den DVD-Fan nun nicht gerade zufrieden. Trotzdem sei die Scheibe hiermit auf Grund des enthaltenen Meisterwerkes wärmstens empfohlen – zumindest all jenen, deren Nerven nicht unbedingt leicht zum Flattern zu bringen sind.
Spannende Tauchgänge in die Abgründe der menschlichen Seele wünscht
Tino









