8th February 2012

Tinos Filmradar # 10 – „Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes“

Posted by Tino Socaly on August-16-2007 one Commented

Tinos Filmradar #10: Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes
In den letzten Monaten und Jahren schwappt eine wahre Horrorwelle durch Kino und DVD-Markt. Immer blutiger, immer grausamer, immer expliziter müssen Verstümmelungen, Folter und Mord auf die Leinwand gebannt werden. Dass es auch anders und viel charmanter geht, zeigt ein Ausflug ins Archiv. Dort ruht nämlich heute eine kleine Perle aus dem Jahr 1971, also lange vor Geburt der meisten Leser.

Bereits der Anfang lässt den genreaffinen Zuschauer ahnen, dass hier alles ein wenig anders laufen wird. Eine schwarz gewandete Gestalt, wir lernen sie später als den titelgebenden Doktor Phibes kennen, spielt im ausgedehnten Vorspann mit geradezu erschreckender Inbrunst Orgel. Und spielt und spielt. Doch zum Glück ist auch der längste Prolog einmal vorbei, weswegen wir dann endlich in die Handlung einsteigen: Besagter Phibes hat seine wunderschöne Gattin bei einer Notoperation verloren und gibt – natürlich – dem Ärzteteam die Schuld. Weil es sich um einen tatsächlich ziemlich aufwändigen Eingriff gehandelt haben muss, sind insgesamt geschlagene neun (!) Leute inklusive OP-Schwester betroffen. Und da Phibes so etwas wie ein sympathischer Psychopath ist, sollen alle dafür büßen, ergo sterben.

Als kreativer Killer denkte man sich aber was ganz Besonderes aus, folgerichtig wählt unser geistig derangierter Doktor die Plagen des Altertums, beispielsweise Fledermäuse, Ratten, den Tod des Erstgeborenen, Hagel oder Heuschrecken, passt sie seinen Möglichkeiten entsprechend an und lässt sie über die Mediziner hereinbrechen. Tatkräftige Hilfe leistet dabei die seiner Frau in Sachen Schönheit ebenbürtige, stets schweigende Assistentin Vulnavia. Und die Polizei schaut hilflos zu…

Das hätte man vielleicht auch schon 1971 als knallharten Schocker inszenieren können, doch Regisseur Robert Fuest legt Wert auf humoristische Auflockerung der gewollten ebenso wie der unfreiwilligen Art. Auf der sicher beabsichtigten Seite hätten wir den englischen Ermittler, welcher mit seinen trockenen Sprüchen hervorragend unterhält, selbst wenn manche Szene dann doch zu holzhammermäßig wirkt. Deutlich größer die Ausbeute allerdings auf der unfreiwillig komischen Ebene: Virginia North als Vulnavia zum Beispiel. Mit welchem verbissenen Ernst sie ihre Kostüme zur Schau trägt, schweigt, auf einer Geige fiedelt und, obwohl sie nun schon keinerlei Text hat, dennoch darstellerisch versagt, muss man gesehen haben. Und wenn Miss North sich am Ende gar eine Axt schnappt, um höchst unbeholfen auf das Interieur einzudreschen, kann man sich vor Lachen schier nicht mehr einkriegen. Schön auch, mit welcher Gottergebenheit die Opfer teilweise abwarten, bis Phibes seine komplizierten Gerätschaften installiert hat, bis er schließlich zu ihrer Ermordung schreitet. Gegenwehr? Null. Wie es anno 1971 um die technischen Effekte stand, muss man wohl kaum explizit erwähnen. Ein echter Knaller: die Fledermaus, welche deutlichst sichtbar per Angelsehne durch den Raum geflattert kommt.

Nichtsdestotrotz darf man nicht den Fehler machen, „Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes“ als Trash zu bezeichnen! Denn mit seinen so prächtigen wie plüschigen Kulissen, Vincent Prices umwerfender Darstellung des Titelhelden, der gelungenen musikalischen Untermalung und vor allem dem Herzblut, welches alle Beteiligten hier vergossen haben, versprüht Phibes’ Mord-Marathon unglaublichen, wenn auch naiven, Charme und unterhält vom Feinsten. Auf altmodische, anheimelnde Art, weit fernab heutiger Hochglanz-Horrorstreifen oder Gewaltexzesse. Allerdings, da wir gerade beim Thema sind: Die Altersfreigabe ab 12 Jahren wage ich dann doch dezent anzuzweifeln. Klar kommen die Morde niemals deutlich graphisch rüber, aber an ziemlich krassen Details – Stichwort „Froschmaske“ – fehlt es trotzdem nicht. Und wenn ein Arzt seinem Sohn unter massivem Zeitdruck einen lebensrettenden Schlüssel aus dem Brustkorb schneiden soll, fühlt man sich fast schon beim Sichten des Urvaters aller „Saw“-Teile und Ableger…

Mit Originalität, Witz, meist tollen Darstellern sowie dem bereits erwähnten Charme lässt „Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes“ nicht nur viele der modernen Brutalo-Schinken weit hinter sich, sondern avancierte auch zum Überraschungserfolg. Ganz logisch, dass mit „Die Rückkehr des Dr. Phibes“ eine Fortsetzung folgen musste, die allerdings deutlich schwächer ausfiel, wie ein Schnellschuss wirkte. Mehr Gewalt, krassere Morde, weniger Originalität. Man wähle das Original!

Was kein Problem ist, da MGM in deutschen Landen für eine DVD-Veröffentlichung sorgte. Gemessen am Filmalter, muss das Bild als geradezu hervorragend gelobt werden, besonders die kraftvollen Farben und eine verblüffend gute Schärfe erfreuen das Auge. Vom Ton (fünfsprachig, darunter Deutsch und Englisch, jeweils in Mono) sollte man dagegen natürlich keine Wunder erwarten, doch die Nachbearbeitung hat ihm ebenfalls das Maximale entlockt. Super Sprachverständlichkeit, nahezu keine Verzerrungen oder ähnliche Fehler. In Sachen Extras reichte es zwar bloß für den – extrem langen – Trailer, aber dafür bewegt sich die Scheibe schon seit langem im Nice Price-Segment. Das technisch ähnlich gelungene Sequel wird fast schon verschenkt.

Guten Grusel mit dem fiesen Doc wünscht

Tino

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