
Heute, liebe Leser, steht ein ganz besonderer Schatz auf dem Programm. Ich bin mir nämlich absolut sicher, dass so ziemlich keiner von Euch jemals die Gelegenheit hatte, diesen Film zu sehen. Es sei denn, der oder die Betreffende arbeitet als Filmjournalist. Aber dazu später mehr.
Und um gleich mal eine gewisse Erwartungshaltung aufzubauen: Es handelt sich um eine Künstlerbiographie. Nun höre ich bereits das Stöhnen oder gemurmelte Worte wie „dröge“, „langweilig“, „uninteressant“. Nun, wenn „Modigliani“ etwas NICHT ist, dann all das. Sondern herzzerreißend, spannend, sensibel und höchst mitreißend, sogar für Menschen, die vorher noch nie etwas vom Maler gleichen Namens gehört haben. Ich muss gestehen, auch mir war sein Werk kein sonderlich großer Begriff. Deshalb ganz kurz zur allgemeinen Einordnung ein paar Worte, mehr Informationen bietet das Internet.
Amedeo Modigliani war ein italienischer Maler und Bildhauer des 19. Jahrhunderts, dessen Gemälde meist Frauen, häufig als Akte, zeigten. Sein Stil betonte eine klare Linienführung und flächige Farbgebung, später zeigte er sich deutlich vom Kubismus beeinflusst. Auffällig an seinen Porträts war zudem, dass er Hälse extrem lang sowie Augen ohne Pupillen malte. Privat zeigte sich sein Leben von Armut, Alkohol und Krankheit bestimmt, zumal Modigliani stets im Schatten Pablo Picassos stand – beide verband eine leidenschaftliche Hassliebe. Angeblich hat Picasso auf dem Sterbebett sogar Modiglianis Namen geflüstert. Eine Biographie machte sich anno 2004 auf, um zu ergründen, wieso.
Sie legt den Fokus vor allem auf große Gefühle, ohne dabei allerdings je ins Rührselige abzugleiten. In der allerersten Szene blickt eine traurige junge Frau direkt in die Kamera und möchte erfahren: „Do you know what Love is?“ Während nun mancher unsicher hüstelt oder Pärchen auf der Couch noch näher zusammenrücken, erzählt die Fragestellerin namens Jeanne ihre Geschichte. Sie entführt uns nach Paris anno 1919. Noch leidet das gemeine Volk unter den Nachwehen des Ersten Weltkrieges, doch die Reichen und Schönen schwelgen bereits erneut in ihren luxuriösen Leidenschaften. Amedeo Modigliani gehört nur scheinbar zu ihnen, bloß äußerlich gibt er den Lebemann, zum Beispiel immer dann, wenn er sich öffentlich mit Picasso streitet. In Wahrheit haust der Maler zusammen mit seiner Geliebten Jeanne sowie dem gemeinsamen Baby in ärmlichsten Verhältnissen.
Modigliani hat aber auch ein Talent dafür, sich das Leben selbst schwer zu machen: Potenzielle Auftraggeber stößt er regelmäßig vor den Kopf, noch dazu wird eine Ausstellung wegen „Unsittlichkeit“ geschlossen. Zu allem Überfluss leidet das verkannte Genie an Tuberkulose, kann sich keinen Arzt leisten – und weicht trotzdem keinen Zentimeter von seinem steinigen Weg ab. Folgerichtig entlädt sich eines Tages mal wieder die eingangs erwähnte Hassliebe auf Picasso, weshalb beiden Künstlern der Einfall eines Wettbewerbs kommt, welcher endlich zeigen soll, wer den Pinsel geschickter führt. Modigliani wird bis an alle Grenzen gehen – und weit darüber hinaus…
In seinen schwächsten Momenten ist dieses Werk einfach „nur“ eine hochgradig fesselnde Filmbiographie, bessere Sequenzen geraten dagegen zum messerscharf sezierenden Sittenbild einer Gesellschaft irgendwo zwischen morbider Lust, Selbstbetrug und Dekadenz. Den Rahmen dessen bildet eine Liebe, wie sie verzweifelter und gleichzeitig hingebungsvoller nicht sein könnte. Hauptdarsteller Andy Garcia spricht gar vom persönlichen „Herzensprojekt“ und erweckt es mit einer schauspielerischen Glanzleistung tatsächlich zum Leben. Alle anderen Darsteller – wer genau hinsieht, kann in kleinen Rollen legendäre Urgesteine wie Miriam Margolyes entdecken – tun es ihm gleich; allein Eva Herzigova als Picassos Gattin wirkt hoffnungslos fehlbesetzt. Was letztlich allerdings nichts daran ändert, daß man „Modigliani“ ob der ihm innewohnenden Intensität und Emotionen leicht mögen kann, es jedoch aufgrund oftmals ruppiger Verweigerung der Annäherung beileibe nicht muss. Für die brutale Ehrlichkeit, sowohl Protagonisten als auch Zuschauern Augenblicke der Schönheit und Erlösung nur zu gönnen, um diese sofort wieder zu zerstören (konsequent lautet der von Jeanne erneut direkt ins Publikum gesprochene letzte Satz: „Try to forgive me, please…“), mag man ihn vielleicht sogar hassen. Allerdings mit mehr als nur einer Träne im Auge.
Ja, ich hatte das Wasser im Auge stehen, und das ist gut so! Leider muss der nunmehr am Film Interessierte jedoch einige Mühe auf sich nehmen. Zunächst zog der Verleih NFP den annoncierten deutschen Kinostart komplett zurück, „Modigliani“ flimmerte – abgesehen von Pressevorführungen – also niemals über die hiesigen Leinwände. Eine Nachfrage bei NFP brachte zudem die Antwort, dass eine DVD-Veröffentlichung ebenfalls nicht geplant sei. Es gilt also, sich in den USA umzuschauen. Dort erschien 2005 eine immer noch bei Amazon.com & Co. erhältliche DVD, über deren Qualität ich allerdings (noch) nichts sagen kann. Aber selbst wenn sie auf VHS-Niveau rangieren sollte: Der Film wäre den Kauf dennoch wert.
Bis nächste Woche,
der Tino









