19th May 2012

Tinos Filmradar # 12 – „Begegnung – Brief Encounter“

Posted by Tino Socaly on September-6-2007 Add Comments

Tinos FIlmradar #12: Begegnung - Brief Encounter
Es gibt Klassiker, die jeder kennt. Andererseits schlummern im Archiv aber auch genügend wegweisende Filme, von denen noch nie ein Mensch etwas gehört hat. Letzteres ist schade, und deshalb macht sich das heutige Filmradar auf, einen von ihnen dem Vergessen zu entreißen.

Das alte Gedicht von den zwei Königskindern steht nach wie vor oft Pate für Liebesfilme, im Sinne von „Zwei füreinander bestimmte Menschen können sich auf Grund widriger Umstände trotzdem nicht kriegen“. Das war schon 1945 so. Und deswegen fungiert „Begegnung“ praktisch als so etwas wie die Mutter aller realistischen Schnulzen. Es verwundert aber auch nicht, dass hier eben kein Happy End die Liebe von Laura und Alec krönt, denn beide sind verheiratet. Heutzutage mag das ja kein großes Problem sein, 1945 dagegen eine Unmöglichkeit. Scheidung? Ausgeschlossen! Man würde schließlich alle bestehenden Konventionen über den Haufen werfen. So begegnen sie sich, die beiden Königskinder, lernen sich lieben, verbringen viel Zeit miteinander, lachen, weinen, teilen das Leben – und kehren abends zu ihren jeweiligen Partnern zurück, zu Haus und Kindern. Was bleibt ihnen auch anderes übrig im Großbritannien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem alle Menschen nach Stabilität ringen, der soziale Halt seinen Wiederaufbau erfährt, man optimistisch in die Zukunft blickt und familiäre Strukturen – sofern noch vorhanden – keinesfalls gelöst werden dürfen. Eine tragische, wunderschöne und subtil erzählte Geschichte.

Interessant jedoch, wie zum damaligen Zeitpunkt auf die reine Möglichkeit reagiert wurde, dass sich zwei gebundene Menschen verlieben konnten. Irlands Sittenwächter waren derart schockiert, dass sie „Begegnung“ Mitte der 1940er einfach verboten. Auch die deutsche Altersfreigabe ab 16 Jahren erscheint reichlich überholt und dürfte der Zeit geschuldet sein. Diese merkt man dem Film an sich dafür nur in den seltensten Fällen an; etwa dann, wenn Lauras mütterlich-nervige Freundin während einer Zugfahrt besorgt spricht: „Falls du einnicken solltest, werde ich dich so frühzeitig wecken, dass du immer noch Zeit hast, dich zu pudern, bevor wir aussteigen.“ Ja, so ging es damals eben zu…

Ansonsten zeigen sich Buch und Regie aber erstaunlich progressiv und nehmen vieles vorweg, was im heutigen Kino sozusagen schon zum Standard gehört, beispielsweise hörbar geäußerte Gedanken oder die Erzählung in Rückblenden. Mit dem Unterschied, dass diese inszenatorischen Kniffe hier maß- und sinnvoll eingesetzt, nicht bis zum Äußersten zelebriert werden, sondern tatsächlich nur der Unterstützung dienen. Ganz große Kunst also auch in dieser Hinsicht. Und was heutige Drehbuchautoren leider praktisch schon verlernt haben, findet man hier in nahezu jedem Satz: subtile, prägnante, oft auch scharfe Dialoge zum Weiterdenken. Unter anderem löst Lauras Gatte einmal ein Kreuzworträtsel und fragt sie nach einem Wort. Laura, noch immer unter dem Eindruck ihrer soeben erfolgten Trennung von Alec stehend, schlägt „Romanze“ vor. Ihr Mann akzeptiert, weil dieser Terminus so hervorragend zu „Delirium“ und „Belutschistan“ passt…

Nun wäre ein Klassiker aber kein Klassiker, wenn er lediglich als Sittenbild seiner Zeit funktionieren würde. Kann „Begegnung“ also ebenso unabhängig von den historischen Gegebenheiten bestehen? Auf jeden Fall – zumindest für all jene Zuschauer, die sich schon mal die Frage nach der wahren Liebe gestellt, vielleicht sogar an ihrer eigenen Beziehung gezweifelt haben. In einer wunderbaren, herzzerreißenden Szene schaut Laura ihren Ehegatten an und denkt: „Das ist mein Zuhause. Du bist mein Mann. Und oben sind unsere Kinder und schlafen. Ja, ich bin glücklich verheiratet. Das heißt: Ich war es bis vor wenigen Wochen. Das hier ist meine Welt, und ich bin zufrieden darin. Das heißt: Ich war es bis vor wenigen Wochen.“ Eine eingerichtete, unspektakuläre Welt ohne Ansprüche, ohne Leid, ohne größere Emotionen. Bis etwas geschah: „Eine ganz gewöhnliche, verheiratete Frau verliebt sich. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist, dass gewöhnlichen, einfachen Menschen so etwas passieren kann.“ Mal ehrlich: Das hat mit 1945, Großbritannien, Laura und Alec gar nichts zu tun, sondern geschieht jeden Tag aufs Neue.

Dieser Realismus, diese Allgemeingültigkeit machen „Begegnung“ ungeachtet aller Schönheit zu einem grausamen, sezierenden, überaus konsequenten Meisterwerk, wie es heute vermutlich nicht mehr möglich oder auch gewollt wäre. Man versteht da vielleicht sogar sämtliche Verbote, zu hohe Freigaben und sonstige Repressalien, denen der Film ausgesetzt war, bis sein Wert endlich erkannt wurde. Ohne zu viel zu verraten: Der allerletzte Satz ist ein absoluter Herzensbrecher, den man erlebt haben sollte…

Im deutschsprachigen Raum hat sich EuroVideo/Epix der Veröffentlichung auf DVD verdient gemacht, mit einem digital bearbeiteten und – gemessen am Filmalter – durchaus gutem Bild in 4:3 (1.33:1). Vom Mono-Ton (Deutsch und Englisch) darf man logischerweise keine Wunder erwarten, doch zumindest stimmt über weite Strecken die Dialogverständlichkeit. Schließlich bietet die Bonus-Sektion erstaunlich reichhaltige (1945!) Informationen: Neben dem Trailer haben es 33 Texttafeln sowie ein extrem interessanter Untertitel-Kommentar auf die Scheibe geschafft. Somit stimmt, neben der schwindelerregenden Qualität des Films, auch die technische Seite und sollte sogar den Blindkauf rechtfertigen, zumal mancher Online-Shop das Meisterstück bereits für acht Euro anbietet.

Bis zur nächsten Begegnung verbleibt

der Tino

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