7th February 2012

Tinos Filmradar # 13 – „ Princesas“

Posted by Tino Socaly on September-13-2007 Add Comments

Tinos Filmradar #13: Princesas
Ganz kleines Quiz zu Beginn: Welcher Film fällt Euch als erstes ein, wenn es um Prostituierte gehen soll? In 90% aller Fälle wird die spontane Assoziation „Pretty Woman“ lauten. Okay, ich gebe zu, irgendwie mag ich das Ding ja auch. Aber heute soll es um ein weit weniger rosarotes, dafür viel näher an der Realität stehendes Werk gehen.

Fernando León de Aranoa hat es nämlich schon wieder getan. Wer „Montags in der Sonne“ kennt, der ahnt, was ich meine. Richtig – der Regisseur mit dem ganz, ganz großen Herzen für kleine Leute erhebt auch hier Menschen zu Protagonisten, für die sich im Kino eben fernab plüschigen Kitsches oder billiger Klischees kaum jemand interessiert. In diesem Fall Prostituierte, Huren, Nutten. Keine Julia-Roberts-Schönheiten mit dem breiten Lachen, sondern gefallene Engel mit vernarbten Seelen. Wie Caye, eine Madrider Prostituierte, die nicht im Rotlicht verrauchter Bars auf zahlungskräftige Kundschaft wartet und ihre Dienste teuer an den Mann bringt, sondern jeden Sonntag bei Mutti am Mittagstisch sitzt, in der Küche per Handy einem Freier klar macht, dass sie sich nicht in den Arsch ficken lässt. Sie verlangt vom Leben nicht mehr viel, eigentlich nur noch eines: bloß nicht so einsam zu enden wie ihre Mutter, die sich scheinbar selbst Geschenke schickt und vor der Familie stets behauptet, es sei ein heimlicher Verehrer.

Ein verständlicher Wunsch und gleichzeitig Selbstbetrug pur, denn tief in ihrem Herzen weiß Caye, dass sie eben nicht „nur vorübergehend“ als Hure jobbt, es kaum darum geht, sich vom Verdienten die besten Brüste der Stadt zu kaufen und dann noch mal neu anzufangen. Ihre Leidensgenossin Zulema, soeben eingereist, macht sich dagegen weniger Illusionen: Sie möchte mit dem angeschafften Geld ihre Familie unterstützen, dem geliebten kleinen Sohn auch mal den Spielzeugbagger kaufen, welcher im Schaufenster um die Ecke so einladend wartet. Entgegen alle Regeln und Unterschiede werden sich die beiden ungleichen Frauen anfreunden, Fassaden bröckeln, längst verdrängte Sehnsüchte ans Licht treten. Zwei käufliche Prinzessinnen der Straße, die jedes Konkurrenzdenken aufgeben, sich verbünden und nach ihrem verlorenen Königreich suchen…

Das erzählt León de Aranoa weniger als stringente Story denn als Abfolge winziger Freuden inmitten großer Tragödien, als das Wissen um „Traurigkeit auf Kaution“, das Streben nach diesem einen Tag, an dem alles gelingt, der eine Art Umleitung ist, hin zum ganz neuen Leben. Man muss aufmerksam sein, denn wer ihn, diesen speziellen Tag, nicht nutzt, hat verloren, bleibt auf ewig im Mikrokosmos des Straßenstrichs gefangen. So wie „Miss Methadon“, einst der wunderschöne Star des Viertels, nunmehr ein ausgemergeltes, krankes Wrack, dessen Tagesinhalt mehrheitlich darin besteht, eine funktionierende Toilette zu finden – und die überall abgewiesen wird. Irgendwann, quasi ganz nebenbei, schließlich diese Sätze: „Man sagt, Prinzessinnen haben kein Gleichgewicht. Man sagt, daß sie sogar sterben können vor Traurigkeit.“

Es ist dem Regisseur gar nicht hoch genug anzurechnen, dass seine Antiheldinnen dennoch immer ihre Würde bewahren, sogar im Angesicht brutaler Freier, drohender Abschiebungsgefahr oder auch positiver HIV-Tests ihre Stärke bewahren, sich selbst nie verleugnen. Weil es eben nur so weitergehen kann, wenn der Schmerz doch die Überhand zu gewinnen droht. Ungeachtet der Brillanz solcher Drehbuchzeilen bleibt es ein stummer Moment, welcher am tiefsten anrührt: Cayes finaler Blick, gleichzeitig Studie in darstellerischer Brillanz und das zersetzende Abbild einer geschundenen Seele, brennt sich schier unvergesslich in die Leinwand ein. Da hat man als Zuschauer (oder besser: integrierter Teil des Geschehens, denn Beobachter wird man schon nach wenigen Minuten nicht mehr sein) schon fast ein schlechtes Gewissen, zwischendurch häufig zu schmunzeln, manchmal gar zu lachen. Zum Beispiel sorgt die bereits angesprochene „Miss Methadon“ gegen Ende für einen grandiosen Gag – man lacht und möchte sich im nächsten Augenblick selbst dafür ohrfeigen. Doch so zu denken, wäre falsche Scham, denn León de Aranoa weiß, dass man auch auf diesem Wege der Misere nicht nur die Zähne zeigen kann, sondern sogar muss. Sein Humor ebenso still wie menschlich, oft auch genau beobachtet. Etwa dann, wenn Cayes Verehrer, ein Programmierer, ihr beim Candlelight Dinner das neueste Office-Update schenkt, dabei aber derart stolz aus der Wäsche schaut, als hätte er gerade zwölf Dutzend rote Rosen aus dem Ärmel gezaubert…

Es verwundert daher kaum, dass schon vor Kinostart, auf diversen Festivals, schon früh Stimmen laut wurden, welche Princesas gern im künstlerischen Dunstkreis von Pedro Almodóvar oder Ken Loach platzieren wollten. Bei allem Respekt gegenüber den genannten Meistern des vielschichtigen Films: Das ist Quatsch. León de Aranoa findet mit dieser wahrhaft herzblutigen, zutiefst menschlichen Bild nämlich erneut zu seinem ganz eigenen Stil und hat Vergleiche wie die obigen ganz einfach nicht nötig!

Die deutsche DVD-Auswertung hat das kleine Label Indigo in die Hand genommen. Bezüglich ihrer technischen Qualität kann ich an dieser Stelle leider nichts sagen, da sie erst am 14.09.2007 erscheinen wird. Angekündigt sind auf jeden Fall ein anamorpher Bildtransfer in 16:9 sowie deutsche und spanische Tonspuren jeweils in Dolby Digital 5.1/2.0. Als Extras sollen das Making Of, unveröffentlichte Szenen, ein Videoclip, eine Fotogalerie, das Storyboard sowie ein Booklet enthalten sein. Insgesamt also ein durchaus ansprechendes Bonuspaket (obwohl in Spanien eine 2-Disc-Special-Edition veröffentlicht wurde), ein weiteres Kaufargument. In meine Sammlung kommt die DVD am 14.09. auf jeden Fall.

Bis zum nächsten Mal verbleibt wie immer

der Tino

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