10th September 2010

Tinos Filmradar # 14 – “Mein letzter Film”

Posted by Tino Socaly on September-20-2007 Add Comments

Tinos Filmradar #14: Mein letzter Film
Es gibt sie mehrheitlich in Amerika, die zickigen Filmdiven, die abgehoben über den berühmten roten Teppich schwebenden Schickeria-Schicksen. Dass „Diva“ nun allerdings nicht immer gleichbedeutend sein muss mit „arrogante Schnepfe“, beweist ausgerechnet Deutschland.

Darstellerinnen wie Corinna Harfouch, Nina Hoss oder auch Nachwuchshoffnung Julia Jentsch stehen den amerikanischen Kolleginnen kaum nach, haben derartiges Gehabe allerdings einfach nicht nötig. Und natürlich wäre da noch SIE. Die Frau mit der Gänsehaut-Stimme. Die Diva schlechthin. Die Grande Dame des deutschen Films. Gestatten: Elsner, Hannelore Elsner.

Man kann sich ihr kaum entziehen. Sie lebt schon seit Jahren diese spezielle Grazie, begegnet den immer noch niederprasselnden Filmpreisen mit genau dem richtigen Gleichgewicht aus Glamour und Bescheidenheit, wählt ihre Rollen klug. Was auch bedeutet, dass man Elsners Namen eben nicht mehr so oft liest, dafür aber sicher sein darf: Wo sie auftaucht, steckt Qualität drin. Selbst wenn das auch mal bedeutet, praktisch über die eigene Leiche zu gehen, so geschehen in „Zur Hölle, Schwester!“, dem deutschen TV-Remake von Robert Aldrichs Klassiker „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“. An sich nicht viel mehr als eine Trash-Rakete, aber Elsner als vulgäre, hässliche, psychopathische Spät-Hippie-Schlampe zu erleben, grenzte an Genialität.

Doch genug gelobt, schließlich soll es hier ja um einen Film gehen, und zwar nicht irgendeinen, sondern Maries letzten. Marie, die alternde Schauspielerin, ist nämlich müde, hat die Schnauze gestrichen voll vom Business, auch von weichlichen Versagern, Männern allgemein, nicht zuletzt von sich selbst. Sie schnappt sich einen Kameramann und arbeitet in einem endlosen Monolog ihr Leben auf, redet sich den ganzen Dreck von der Seele, geht hart mit sich und allen anderen ins Gericht. Sie wird sprechen, lachen, schreien, weinen – und wieder sprechen. Anderthalb Stunden lang. Aber sie warnt ihr Publikum vor: „Ich packe hier und rede, keiner sollte mehr erwarten.“ In der Tat. Wer sich darauf nicht einlassen kann, sitzt nicht im letzten, aber falschen Film.

Allerdings würde er so einiges verpassen, primär knallharte Monologzeilen à la „Natürlich hoffte Paul auf mehr, wie die meisten verheirateten Männer auf mehr hoffen – und wenn sie nur vor dem Fernseher sitzen und hoffen, dass ‘ne zweite Person auftaucht.“ Marie muss es wissen, denn sie hat zu viele von ihnen gehabt, den Pauls dieser Welt. Sie will nicht mehr die Geliebte sein, oder das Schmuckstück an der Seite eines Losers. Sie will keine Fehler mehr machen. In einem Akt der naiven Selbstkritik wirft Marie einen brennenden BH zum Fenster hinaus – zu spät, solche feministischen Spielchen sind längst überholt. Und Marie weiß das, rechnet mit sich selbst ab, wenn sie Schmerz, Lügen, Konsumgier und die Schnelligkeit des Lebens anprangert. „Männer stellen sich gern tot, wenn es ernst wird“, sagt sie. Aber Marie weiß auch, dass sie das zugelassen hat.

Ein letzter Film soll es werden, bestimmt für einen kleinen Personenkreis. Geschichten kommen zu Tage, die vielleicht niemals hätten geweckt werden dürfen. Marie ist es egal. Sie hat nichts mehr zu verlieren außer ihrer Würde, die trotz allem aus jeder Zeile, jedem Fältchen und jedem Lachen spricht. Diese Würde gilt es zu bewahren; sei es, indem sie in höchster Erregung den Kameramann anschreit, jetzt eine Pause zu brauchen, oder eben in ihrem Entschluss, einen Schlussstrich zu ziehen. Weg vom Business, weg vom Glamour, weg, einfach weg. „Nur ein einziger Koffer diesmal… Ich nehm’ nicht viel mit.“ Warum auch – eine Rückkehr ist keine Option, wo Marie hingehen wird, braucht sie überflüssigen Tand ebenso wenig wie hinderliche Menschen oder Hundedreck am Schuh.

Das Interessanteste an „Mein letzter Film“ ist letztlich die Frage, inwiefern hier die Kunst das Leben imitiert (oder umgekehrt), wo Marie als fiktive Person aufhört und Hannelore Elsner anfängt. Spricht sie gar aus Erfahrung? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Fakt ist jedoch, dass Marie in ihrer Hülle zur echten, lebendigen Frau erwächst, der man jedes Wort glaubt, die lebt und atmet, nicht bloß den Bildschirm füllt. Da ist der teils dann doch artifizielle Grundtenor des Skriptes ebenso zu verzeihen wie die manchmal arg quälende Statik des Geschehens. Bitte, liebe Frau Elsner – lassen Sie das unter keinen Umständen ihren letzten Film gewesen sein!

Für die DVD-Auswertung zeichnet sich diesmal Highlight Video verantwortlich und hat Erstaunliches vollbracht. Gemessen an den schwierigen Produktionsbedingungen können Bild (1.78:1 anamorph) und Ton (Deutsch Stereo) nämlich wirklich überzeugen, obwohl man natürlich keine hollywoodreife Technik erwarten darf. Schade ist allerdings, dass es praktisch keinerlei Extras auf die Scheibe geschafft haben, was Unverständnis hervorruft. Trotzdem: genial!

Es verbleibt

der Tino

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