
Zugegeben: Tanzfilme sind für mich so was wie ein rotes Tuch. Von „Dirty Dancing“ über „Save the Last Dance“ hin zu „Stomp the Yard“ – aus geheimnisvollen Gründen musste ich sie alle sehen und habe später der vergeudeten Lebenszeit nachgeweint. Doch dann kam ES, dieses kleine Kinowunder, und änderte alles.
Was vielleicht daran liegt, dass hier eben keine Modelgesichter durch hochglanzpolierte Kulissen walzen, sondern – man höre und staune – kleine Kinder. Ja, dies ist eine Dokumentation! Unsere Protagonisten besuchen alle die fünfte Klasse, sind also um die elf Jahre alt, wohnen sämtlich in New York und entstammen den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Wir haben Arme, Reiche, Mittelstand. Latinos, Weiße, Farbige. Grundsätzlich trennen sie also Welten, eine Gemeinsamkeit besteht lediglich darin, dass alle an Tanzprojekten ihrer Schulen teilnehmen. Dies primär deshalb, weil sich positive Effekte herausgestellt haben: Rüpel werden plötzlich viel friedlicher, die Lernbereitschaft steigt ganz allgemein, die Kids sind von der Straße weg. Aus dem Pilotprojekt wurde eine feste Institution inklusive Wettbewerb. Zehn Wochen lang üben die Kurzen nach Unterrichtsschluss Rumba, Tango, Swing und Merengue, wir begleiten sie dabei.
Zu Beginn treten noch gewisse Schwierigkeiten in der physischen Koordination auf, man tritt sich permanent gegenseitig auf die Füße. Reiche Sprösslinge, deren Nanny Zeit genug zum Üben hat, verfügen da über strategische Vorteile, ärmere Kinder müssen verbissener und entschlossener üben. So mancher steht kurz davor, alles hinzuwerfen, doch die Lehrer wissen zu motivieren. Und ganz nebenbei schälen sich auch andere Probleme heraus: Mädchen machen sich Gedanken um Gewalt und Missbrauch, einige von ihnen haben derartiges schon selbst erlebt. Die Jungen dagegen plagen dezentere Sorgen; unter anderem fragt sich die zukünftige Männerschaft, wie ein Deodorant richtig anzuwenden sei. Interessant wiederum, dass aus manchen Halbwüchsigen ganz offensichtlich die Eltern sprechen, welche ihr mal hartes, mal wonniges Leben auf den Nachwuchs übertragen, die Kinder zusätzlich belasten oder eben kleine Schnösel heranziehen. Andererseits gibt es aber natürlich ebenso unverwüstliche Klassiker unter Pubertierenden jeder Schicht zu hören, beispielsweise die im Brustton der Überzeugung geäußerte These: „Mädchen sind doof!“
Wie unschwer zu erkennen ist, hätten wir so mit einfachen Mitteln den gesellschaftlichen Rahmen gebaut, das Grundgerüst einer jeden guten Dokumentation. Und nun macht sich „Mad Hot Ballroom“ auf, ihn durch Intelligenz und nicht zuletzt umwerfenden Witz zu füllen. Da gibt es praktisch im Minutentakt bezaubernde, magische oder einfach brüllkomische Details zu sichten – etwa die absolute Ratlosigkeit eines pummeligen Knaben, welcher plötzlich ohne Tanzpartnerin im Raum steht und dessen Gesicht Bände spricht. Oder eine junge Lehrerin, die so stolz auf ihre Schüler ist, dass sie aus lauter Rührung gar nicht mehr sprechen kann. Aber auch kritische Betrachtungen finden Platz, unter anderem der erfolgsgeile Siegeswille einer anderen Lehrkraft, welcher mit den ursprünglichen Intentionen nun gar nichts mehr zu tun hat. Stellenweise möchte man sich dann gar den Bauch halten vor Lachen, so zum Beispiel angesichts eines vorwitzigen Burschen (zur Erinnerung: fünfte Klasse!), der wortreich die innere Schönheit der Mädchen preist, oder mit Blick auf einen kleinen Tänzer, welcher seinen Missmut mimisch überdeutlich zum Ausdruck bringt, als ihn eine nicht genehme kleine Lady per Damenwahl zum Partner erkoren hat. Auf Grund dieser Fülle an Einzelheiten und Eindrücken bemerkt man eigentlich überhaupt nicht, wie die ehemaligen Querfüßler zu echten Profis heranwachsen – über ihren Status als wahrhaftige Persönlichkeiten, von denen so mancher Erwachsene noch etwas lernen könnte, hinaus.
Okay, natürlich ist es keine Überraschung, welches Team am Ende den begehrten Pokal nach Hause trägt, aber darum geht es letztlich ja auch nicht. Und meinetwegen mag der Ansatz, Probleme einfach ins Nirgendwo zu tanzen und sich so den eigenen Lebensweg zu ebnen, grundsätzlich ein völlig naiver sein. Aber man sollte nun mal nicht vergessen, dass er offensichtlich funktioniert. Zyniker mögen also besser ihre Klappe halten und sich von diesem herzblutigen, klugen, rührenden, unglaublich witzigen und intelligent montierten Film verzaubern lassen.
Was möglich ist, da Paramount Home Entertainment die DVD-Veröffentlichung in Deutschland übernommen hat. Bild (1.78:1 anamorph) und Ton (ausschließlich Englisch in Dolby Digital 2.0, deutsche Untertitel können aber zugeschaltet werden) entsprechen den an eine Dokumentation gestellten Anforderungen: nichts Berauschendes, aber insgesamt okay. Schade bloß, dass es praktisch keinerlei Extras auf die Scheibe geschafft haben – hier könnte mittels Neuauflage dringend nachgebessert werden!
Bis nächste Woche verbleibt
der Tino









