10th September 2010

Tinos Filmradar # 16 – “Agata und der Sturm”

Posted by Tino Socaly on Oktober-4-2007 Add Comments

Tinos Filmradar #16: Agata und der Sturm
Mit Liebeskomödien ist es ja immer so eine Sache. Entweder sind sie zu kitschig, nicht richtig lustig, vielleicht auch nervtötend lebensfremd. Deshalb soll allen zwischenmenschlich Interessierten und eventuell sogar Geplagten ein ganz besonderes Stück Kino ans wild pochende Herz gelegt sein.

Möglicherweise kennt der eine oder andere das herzblutige Werk ” Brot und Tulpen ” von Regisseur Silvio Soldini – ein subtil witziges, manchmal trauriges, aber immer mitreißendes Erlebnis. Man erinnere sich bloß an diese eine, diese bestimmte Szene, in der Bruno Ganz am Tisch sitzt, während vor ihm eine Tulpe verwelkt. Kino in seiner reinsten, schönsten Form, und ja, man muss es sagen: Obwohl “Agata und der Sturm” ebenfalls von Soldini stammt, fehlen hier solche Sequenzen. Alles geht turbulenter, lockerer, mancher mag sogar sagen oberflächlicher zu. Aber nichtsdestotrotz gelingt es Soldini nach wie vor, in verblüffender, unaufdringlicher Weise in der Tragik die Komik zu entdecken (und umgekehrt), während er die titelgebende Protagonistin durch ein Leben scheucht, wie es stressiger kaum sein könnte.

Agata bemerkt davon allerdings nicht viel, sie ist eine echte Frohnatur, einer der Menschen, welche selbst mit Kaugummi am Schuh noch große Sprünge machen. Sie liebt das Leben, sie lacht, sie liebt – und sie liest. Deswegen hat Agata auch einen kleinen Buchladen aufgemacht, in den jedem Kunden passend zur momentanen Stimmung die geeignete Lektüre empfohlen wird. Ja, Agata hat sich eingerichtet und genießt, was der Tag ihr bringt. Was nicht so leicht ist, da ihr Freund nicht nur verheiratet ist, sondern Gattin und Geliebte noch mit einer feschen Blondine betrügt. Parallel dazu behauptet ein junger Mann mit dem überaus passenden Namen Romeo, er sei Agatas Bruder, lange verschollen, unbekannterweise. Und als wäre das alles noch nicht genug, tummeln sich auch noch ganz nebenbei allerlei durchgeknallte Nebenfiguren um unsere Protagonistin herum, die dem frühen Almodóvar alle Ehre machen würden.

Wen wundert es da, dass Agata irgendwann der Kragen platzt, was in diesem Fall auch sichtbare Auswirkungen hat: Glühlampen in ihrer Nähe zerspringen einfach, Computer stürzen ab, Ampeln fangen an zu spinnen, sobald Agata in ihre Nähe kommt. Kurz gesagt: Das Chaos bricht aus, es gilt dringend, Ordnung zu schaffen. Also macht sich Agata auf den Weg, sucht nach echter Verwandtschaft, wahrer Liebe, reinen Gefühlen – und ungleich mehr wird sie finden…

Wie bereits angemerkt, entfernt sich Silvio Soldini etwas vom subtilen Witz und der herzblutigen elegischen Qualität seines Vorgängers. Manchmal unternimmt er sogar Ausflüge in Slapstick-Gefilde und entsprechende verbale Schlagabtausche. Allerdings muss man natürlich nie befürchten, hier mit brachialem Schenkelklopf-Humor konfrontiert zu werden; diesbezüglich bleibt Soldini glücklicherweise ganz er selbst. Und neuerdings bereichert er das Geschehen sogar mit jeder Menge skurrilen Details – man denke an das Huhn im Bett der sterbenden Mutter, die Rollenspiele zur Belebung einer Ehe oder auch Agatas imaginäre Ausflüge in ihre geliebten Bücherwelten. Das ist oft schräg, teils wirklich zum Schreien komisch, aber immer auch melancholisch, hintersinnig und eben ganz Soldini. Einfach wunderbar!

Dennoch würde dieser Film weniger gut funktionieren, gäbe es da nicht Licia “Agata” Maglietta. Eine unglaublich attraktive Frau, deren Busen voller Stolz wogt, der fast nie das mädchenhafte Lächeln vergeht, die um ihre Sinnlichkeit weiß und das verborgen brodelnde Temperament mühsam zügeln muss. Schönheit gepaart mit atemberaubender Ausstrahlung und darstellerischem Talent – Italien hat einen neuen alten Star. Maglietta erhebt diesen großen kleinen Film endgültig auf “Ansehen!”-Niveau; zumindest für Menschen, die es auch mal etwas stiller mögen.

Die deutsche DVD, für deren Veröffentlichung Universum verantwortlich zeichnet, kann indes nicht ganz so viel Lob einfahren. Das Bild (1.85:1 anamorph) leidet unter recht deutlichen Schwächen – Rotstich, Rauschmuster, Kompressionsfehler, Schärfe -, zudem weiß die deutsche Synchronisation in Dolby Digital 5.1 in ihrer teilweisen Dumpfheit nicht wirklich zu gefallen. Wer also das ganze Erlebnis möchte, wähle das italienische Original, Untertitel können zugeschaltet werden. Zum guten Schluss enttäuscht die Ausstattung ebenso wie die Technik. Das einzige interessante Feature ist ein Making Of mit 22 Minuten Länge. Schade eigentlich. Aber kein Grund, dem hervorragenden Film nicht doch zumindest eine Chance zu geben…

Von Agata ganz hingerissen verbleibt

der Tino

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