19th May 2012

Filmreview: Paranormal Activity

Posted by Erina Wissing on November-23-2009 4 Commented

Paranormal Activity

Der klassische Horrorfilm lebt von der simplen Frage nach der Angst der Menschen. Was bringt Leute dazu, im Kinosaal panisch die Finger in den Arm des Nachbarn zu krallen, obwohl sie wissen, dass sie in Sicherheit sind? Wie lässt man Realität und Film auf eine Weise miteinander verschwimmen, dass die Furcht der Hauptdarsteller gleichsam die Furcht des Zuschauers ist?

Die Antwort auf diese Frage ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr so einfach, die Menschen sind anspruchsvoll geworden, abgestumpft durch die Realität. Der Horrorfilm scheint seinen Weg verloren zu haben, anstatt ein angenehmes Gruseln zu verursachen stillt er einen stumm akzeptierten Blutdurst. Das Verlangen nach Angst ist schon lange nicht mehr der Grund, warum die Leute sich Horrorfilme ansehen. Doch was ist, wenn man auf die grundsätzliche Frage zurückkommt? Wenn man einen Abstecher in die Psyche des Menschen macht und dort nach etwas sucht, dass uns alle bereits als Kinder verängstigt hat und das wir niemals gänzlich ablegen konnten?

Paranormal Activity

Die Macher von „Paranormal Activity“ haben es gewagt und sind dabei auf eine Angst gestoßen, die uns alle vereint: Die Furcht vor der totalen Machtlosigkeit, der wir uns gezwungenermaßen jeden Abend hingeben müssen, um unseren Körper im Schlaf zu regenerieren. Die Sinne fahren herunter, der Körper verfällt in eine Starre, man wird taub und blind für seine Umwelt. Und wenn man grundlos nachts erwacht, hat man manchmal das irrationale Gefühl, dass eine bösartige Anwesenheit einen von der Türschwelle her beobachtet. Unser Verstand sagt uns, dass es sich bloß um eine Einbildung handelt, doch was das kindliche Herz spürt, ist in der Dunkelheit der Nacht die einzige Wahrheit für uns. Also ergeben wir uns diesem Instinkt und vergraben uns schutzsuchend in unserer Bettdecke, bis die Müdigkeit wieder die Herrschaft über die Sinne erlangt.

Genau mit dieser in jedem von uns verankerten Angst spielt „Paranormal Activity“. Mit einem Budget von lediglich 15.000 US-Dollar, einer einzigen Kamera, zwei Schauspielern und einem Haus mit einer immer offenen Schlafzimmertür gelingt es Regisseur Oren Peli, die ureigensten Ängste im Herzen eines Menschen zu erwecken.

Paranormal Activity

Micah und Katie sind ein scheinbar normales, junges Pärchen, das vor kurzem ein neues Haus bezogen hat. Sie wirken glücklich, wenn sie mit ihrer Kamera amateurhaft ihren Alltag filmen und kleine Späßchen machen. Doch das tun sie aus einem bestimmten Grund, der sowohl vom Zuschauer, als auch von Micah zu Beginn noch wohlwollend belächelt wird. Seit kürzester Zeit geschehen seltsame Dinge in dem Haus. Fremde Geräusche in der Nacht, die scheinbare Anwesenheit einer bösen Präsenz, das Gefühl eines übernatürlichen Atems auf dem eigenen, schlafenden Gesicht. All diese Dinge sind für Katie nicht ungewohnt, die Geschehnisse verfolgen sie seit ihrem achten Lebensjahr. Doch Micah, der ihren Worten zunächst scherzend gegenüber steht, besorgt sich kurzerhand eine Kamera, ein Stativ und diverse Mikrophone, um die vermeintlichen paranormalen Aktivitäten auf Band zu bekommen.

Paranormal Activity

Die wacklige Kameraführung macht es teilweise anstrengend, den Film zu schauen, aber dafür gibt sie einem das Gefühl von Echtheit. Man wird ein Teil der Welt, die Micah und Katie sich in ihrem Haus geschaffen haben und ebenso ein Teil des Horrors, der sich dort bei Nacht abspielt. Die Kamera wird Zeuge, wenn sich die beiden dem Schlaf hingeben. Sie steht auf einem Stativ direkt gegenüber des großen Doppelbettes und der sperrangelweit geöffneten Zimmertür, durch welche die Kamera und auch der Kinozuschauer problemlos das dunkle Treppenhaus überblicken können. Wir sind plötzlich ebenso machtlos wie die schlafenden Protagonisten, wir hören, was sie hören, es gibt keine pompöse Filmmusik die uns vorbereitet und warnt. Es gibt nur die eindringliche Stille, die einen dazu verleitet, die Ohren zu spitzen. Und dann geschehen Dinge, die in einem das altbekannte, unerträgliche Gefühl des Unwohlseins wecken das wir selber während der Nachtzeit häufig erlebt haben. Die Tür bewegt sich leicht vor und zurück, das Licht im Flur geht plötzlich an und aus, Schritte hallen durch den dunklen Flur. Und direkt daneben liegen die beiden Protagonisten und schlafen friedlich, bis zu dem Moment, wo ein lautes Geräusch sie schreiend erwachen lässt, damit sie den Dingen auf den Grund gehen.

Die paranormalen Aktivitäten steigern sich mit jeder weiteren Nachtszene, die Uhr am unteren rechten Rand des Bildes läuft solange im Zeitraffer, bis etwas geschieht, oder bis etwas aufhört zu geschehen. Die Anspannung wird unerträglich, die Nachtszenen zerren an den Nerven und man wird sich der Tatsache schmerzlich bewusst, dass man nur in wenigen Stunden in exakt derselben Situation sein wird.

Paranormal Activity

Die Schlussszene des Filmes stellt den Höhepunkt der eigenen, körperlichen Angst dar. Es passieren Dinge, von denen man nicht mit Sicherheit weiß, ob sie nicht auch im eigenen Schlafzimmer geschehen, während man sich dem Schlaf hingegeben hat. Die Atmosphäre eines normalen, nächtlichen Zimmers gibt dem Ganzen erst die Würze des Grausamen, da es ein Ort ist, an dem niemand in unserer Gesellschaft vorbeikommt. Später, wenn man selbst schutzlos der Dunkelheit und Stille des eigenen Schlafzimmers ausgeliefert ist, mit Elektrogeräten, die einen aus Standby- Augen anstarren und den leisen Geräuschen eines nächtlichen Hauses, wünscht man sich, man hätte auf „Paranormal Activity“ verzichtet und stattdessen einen schönen, blutigen Horrorfilm geschaut, der einen in der Gewissheit lässt, dass diese Situationen einem selbst niemals wiederfahren werden.


Bewertung:

Bewertung 3 von 5


Filminformationen:

Regie: Oren Peli

Drehbuch: Oren Peli

Schauspieler: Katie Featherston, Micah Sloat, Mark Friedrichs, Ashley Palmer

Kinostart: 19.11.2009

Offizielle Website: http://www.paranormalactivity-movie.com/

Trailer: Jetzt anschauen!

IMDB-Seite: http://www.imdb.com/title/tt1179904/


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