19th May 2012

Ausländische Restaurants in Deutschland: kulturelle Irreführung

Posted by Jeannine Thiele on Dezember-14-2009 2 Commented

Ausländisches Essen in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Der bekannte französische Genießer und Gastronom Jean Anthelme Brillat-Savarin sagte einmal: “Tell me what you eat, I’ll tell you who you are.” Ein interessanter Spruch, wenn man mal in sich geht und seine eigenen Essgewohnheiten analysiert. Vor allem wenn man denkt etwas zu essen, das es so gar nicht gibt…

Wenn man so durch die Straßen der jeweiligen Stadt läuft, kommt man häufig an den verschiedensten Etablissements vorbei, welche unseren Gaumen mit allen Raffinessen der Kochkunst erfreuen sollen. Restaurants. Ob nun italienisch, chinesisch, thailändisch, griechisch… je nach Laune und Geschmack findet man schnell wonach der Magen schreit. Und meist sieht es auch ziemlich einladend aus. Beim Italiener stehen Kerzen auf der rot-weiß karierten Decke. Beim Griechen gibt’s weiße Keramik Statuen mit prächtigen Mannsbildern. Beim Chinesen stößt man sich den Kopf an den rot-goldenen Deckenlampions und beim Thailänder liegen überall massive Buddhas rum. Genau die Symbole, die Otto Normalverbraucher mit dem jeweiligen Land assoziiert. Symbole, die sich auf irgendeine Art und Weise in seinen Schädel eingebrannt haben, manchmal sogar eher ein Vorurteil sind und doch durch allerlei oberflächliche Reportagen und Erzählungen der durchschnittlichen Urlauber mit weißen Socken in den Latschen und Bauchtasche immer wieder bestätigt werden. Die Frage ist nur: wie viel Authentizität steckt in diesen Restaurants, die wir vielleicht einmal die Woche besuchen?

Ausländische Restaurants in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Laut Wikipedia umfasst die Esskultur das gesamte kulturelle Umfeld der Ernährung. Angefangen von Dekorationen und Tischsitte, bis hin zu Ritualen und Zeremonien. Eine eindeutige Art der kulturellen Identifikation sozusagen, welche uns demnach beim Besuch eines jeden Restaurants präsentiert werden müsste. Und da bin ich schon beim Hauptproblem. Wenn ich heutzutage z. B. bei 8 von 10 Italienern einkehre, werde ich zwar zuerst provisorisch mit “Buona Sera” begrüßt, meine Bestellung aber dann vom gleichen Herren auf türkisch in die Küche gebrüllt. Da frage ich mich natürlich wie viel Italienisch ich wirklich esse, zumal ich nicht nur einmal mit Sauce aus dem Glas Vorliebe nehmen musste. Und das bei weitem nicht zum Einkaufspreis. Gleiches gilt übrigens auch für den Thailänder, der von Vietnamesen geführt wird; beim Chinesen steht der Koreaner in der Küche etc. Und wenn man nicht ein wenig in der Weltgeschichte unterwegs ist, würde man diese Vermischung der Kochkunst – und ich habe oftmals einen Mischmasch gegessen – wahrscheinlich auch gar nicht bemerken. Ihn demnach als authentisch ansehen. Meiner Meinung nach auch oftmals gar nicht mögen. Ich jedenfalls habe in Thailand noch nie Tom Kha Gai inklusive Kartoffeln, Knoblauch und Mohrrüben gegessen…

Ausländische Restaurants in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Doch von der leicht kulturell verdrehten Inhaber-Köche-Welt mal abgesehen, lassen wir uns darüber hinaus auch noch regelrecht offensichtlich an der Nase herumführen. Vor nicht allzu langer Zeit dinierte ich in einem sogenannten Singapore-Restaurant. Und auch das war, soweit man von außen erkennen konnte, sehr nett aufgemacht. Die Farben zogen sich in rot und gold durch den ganzen Laden, hier und da gab es Buddha Statuen und Schirme in groß und klein und der Geruch von Räucherstäbchen erfüllte die Luft mit dezentem Qualm. Für den ungeübten Besucher auf der Suche nach dem deutlich ausgewiesenen Singapore Genuss, ein einladendes Bild. Für mich, die 9 Jahre dort lebte, ein kunterbunter Mix aller fernöstlicher Nationalitäten auf 100 qm. Sowohl in Ambiente als auch auf der Speisekarte.

Ausländische Restaurants in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Won Tan, knusprige Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse und asiatischen Kräutern, sollte den meisten etwas sagen. Genau wie Chicken Tikka Masala und Tandoori. Oder etwa doch nicht? Nicht eines davon ist Singapurisch. Eigentlich gibt es ehrlich gesagt gar nichts Singapurisches, was heißt, dass der Restaurantname eine absolute Irreführung ist. Singapur hat nämlich keine eigene Küche sondern basiert hauptsächlich auf chinesischer, malaysischer und indischer Herkunft. Demnach ist dieses Singapore Restaurant, wobei ich sagen muss, dass die meisten indischen Gerichte trotzdem sehr lecker waren, vom Prinzip her auch nicht authentisch. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne denn der wäre nämlich Hainanese Chicken, Mee Pok, Sambal Stingray, Nasi Lemak und Chili Crab. Und diese werden übrigens typischerweise nicht im Restaurant sondern im Hawker verköstigt. Getrennt voneinander. Doch eine solche kulturelle Identifikation wäre für europäische Verhältnisse natürlich nicht präsentierfreudig. Da würde man ja mehr oder weniger mit den Fingern essen und auch noch mit allen anderen am Tisch teilen müssen. Viel zu schmutzig. Nein, das geht ja nicht. Und somit verdeutscht man einfach mal die ganze Angelegenheit und passt sich sozusagen den Einheimischen an. Legt nette saubere Tischdenken hin, ein paar Teelichter, Gabel und Messer und dekoriert noch mit Blumenvasen. Dinge, die natürlich überall in Singapur zu finden sind. Ja, die in ganz Asien Gang und Gäbe sind!

Ausländische Restaurants in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Nichtsdestotrotz wird jetzt der ein oder andere damit argumentieren, dass Singapur ja aus diesen drei genannten Nationalitäten besteht und die gemischte Küche demnach auch gerechtfertigt ist. Gut und schön, doch was hat dann ‘Reis Phuket’, ‘Reis Bangkok’ und ‘Reis Peking’ auf der Karte zu suchen? Oder ‘Ente Kambodscha’, welche angeblich mit (übrigens nicht existierenden) Singapurgewürzen eingelegt ist. Da steckt doch schon der Teufel im Namen? Chicken Bali, Chicken Brunei – kleine drollige Täuschungen für Gäste, die der Geographie nicht Herr sind? Sind solche Dinge für die Allgemeinheit einfach nebensächlich? Denkt man wir scheren sowieso alle über einen Kamm; wissen es nicht besser? Wenn ja, würden wir dann auch im Ausland im Deutschen Restaurant “Eisbein Prag” akzeptieren? Oder “Sauerbraten Warschau”?

Ausländische Restaurants in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Nun ja, mag sein, dass ich selbst gerade Asien gegenüber immer ein wenig “genervt” reagiere, weil ich dort lebte und mir einfach denke das andere, die dort dann Urlaub machen, enttäuscht sind. Dass sie statt in die Kultur einzutauchen, negativ reagieren weil sie nicht das bekommen, was ihnen in Deutschland als typisch chinesisch oder thailändisch etc. (falsch) präsentiert wurde. Genauso wie ich enttäuscht war, als ich einmal Venedig besuchte und mich wunderte wo die Kerzen und der Geigenspieler sind. Kleinigkeiten, die scheinbar extra für uns Deutsche arrangiert werden um uns das Essen so angenehm wie möglich zu gestalten. Wobei ich dazu sagen muss, dass dieses Anpassen an die Umgebung sich wohl durch jedes Land zieht. In Detroit war der Thailänder ganz den amerikanischen Verhältnissen angepasst und offenbarte sich mir als McDonalds ähnliches Etablissement. Man gibt scheinbar den Leuten was sie brauchen. Man will zwar ausländisches Essen auf dem Tisch, aber sich nicht der Kultur unterwerfen.

Ausländische Restaurants in Deutschland: Kulturelle Irreführung

Letztendlich ist es den meisten unter uns wahrscheinlich auch ganz egal wie die Spagetti in Rom und das Curry in Bangkok gegessen und serviert werden. Auch wenn ich glaube, dass genau diese Authentizität vielleicht sogar eine Marktlücke in Großstädten wäre. Warum auch nicht? Schließlich gibt es ja auch das Essen im stockdunklen Raum, serviert von blinden Kellnern. Trotzdem habe ich bisher in Deutschland keine echte kulturelle Deko, Sitten oder Rituale und Zeremonien ausländischer Küche entdecken können. Und schon gar nicht in irgendwelchen asiatischen Restaurants. Die sind nämlich meist viel zu kitschig eingerichtet und entsprechen nicht im geringsten, weder vom Ambiente, noch von der Speisekarte, echtem fernöstlichen Flair. Für mich natürlich schade. Aber wozu gibt’s Urlaub nicht wahr…


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