23rd May 2012

Liebe Filmjournalisten, muss das denn sein?

Posted by Tino Socaly on Dezember-21-2009 one Commented

Liebe Filmjournalisten, muss das denn sein?

Schönheit ist bekanntlich relativ: Manch einer pappt sich Scarlett Johansson in Lebensgröße an die Schlafzimmerwand und gibt sich jede Nacht feuchten Träumen hin, ein anderer hat einen Meryl-Streep-Schrein zu Hause stehen, welcher täglich mit frischen Kerzen versorgt wird, und wie man hört, preisen einige Männer die Attraktivität einer Judi Dench. Das ist in Ordnung und gut so. Natürlich mag man andererseits auch bestimmte Damen des schauspielerischen Gewerbes eher mäßig anziehend finden. Aber, liebe Kollegen der schreibenden Zunft, hat so etwas in ernsthaften Rezensionen etwas verloren?

Linsay Lohan

Klar gibt es – und da spricht der alte Tino aus persönlicher Erfahrung – nichts Schöneres und zudem Einfacheres, als einen Verriss zu verfassen. Das macht immer dann ganz klar Sinn, wenn Nulltalente völlig auf die gelifteten Näschen fallen. Sprich: Lindsay Lohan mimt mal wieder, als hätte sie vor dem Take schnell noch eine Buddel Champagner geleert? Bitte, man erwähne es. Jessica Alba scheitert sogar an den eher begrenzten Anforderungen ihrer Rolle als „Invisible Girl“? Schön, das sollte Erwähnung finden. Miley Cyrus alias Hannah Montana setzt neue Maßstäbe in Sachen hysterischer Darstellung? Das findet bestimmt Platz in der Kritik, weil es eben den Beruf betrifft, welchen die Damen erwählt haben, und zur Ausübung dessen sie sich zwangsweise dem wachsamen Auge der hassgeliebten Kritik stellen müssen. Aber persönlich darf man deswegen noch lange nicht werden.

Anjelica Houston

Als Beispiel sei hier mal Anjelica Huston genannt. Wir sind uns einig: Miss Huston zählt nicht gerade zu dem Menschenschlag, welchen man als „hinreißend schön“ bezeichnen würde – dafür ist sie eine kompetente Schauspielerin mit Herz und Seele. Anno 1969 trat Huston erstmals in einer größeren Rolle vor die Kamera, der Film hieß „A Walk With Love And Death“, Regie führte ihr Vater John Huston. Vielleicht kein bahnbrechendes Werk, aber Huston, damals noch ein Teenager, gab alles. Was einen wichtigen Kritiker, welcher wohl gerade wieder mit dem Holzhammer unterwegs war, trotzdem bloß zu der Bemerkung veranlasste, sie sähe in diesem Film aus „wie ein erschöpftes Gnu“. Mal abgesehen von der Frage, woher dieser Mann seine zoologischen Erfahrungswerte bezog: Selbst wenn Huston ausgesehen hätte wie ein toter Elefant oder ein Alligator auf Speed, wäre so etwas in einer Rezension fehl am Platz gewesen. Man muss auch nicht schreiben (ein anderer Fall), dass Jennifer Lopez in „Schwiegermonster“ gegen die durchtrainierte Jane Fonda wirke wie ein „Schlachtschiff“. Was bildet sich jemand ein, der derartiges anmerkt?

Anjelica Huston

Im Falle Hustons führte der Affront übrigens zur kompletten Zerstörung des Selbstbildes, sie sagte später: „Es ist ja nicht so, dass ich mir jemals wie ein besonders schönes Wesen vorgekommen wäre. Von einem wildfremden Menschen auf diese Art kritisiert zu werden, warf mich damals um. Zudem war meine Mutter gerade bei einem Autounfall ums Leben gekommen. [...] Wir sehen halt so aus, wie wir geboren wurden. [...] Vielleicht wirken solche Erfahrungen charakterstärkend. Aber so ganz sicher bin ich mir da nicht. Nach der Gnu-Episode habe ich jedenfalls vier Jahre lang keine Rolle mehr angenommen.“

Also, liebe Leute und Kollegen, schön auf dem Teppich bleiben, Schauspieler sind auch nur Menschen und haben sogar – man glaubt es kaum – Selbstzweifel oder gar Rangeleien mit ihrem Persönlichkeitsbild auszufechten. Und außerdem sind wir doch selbst alle nicht George Clooney, Halle Berry und wie die ganzen in unglaublicher Schönheit erstrahlenden Leinwandschnuckelchen auch immer heißen mögen. Oder?

Der Tino


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