23rd May 2012

Trash The Dress!

Posted by Jeannine Thiele on Januar-4-2010 5 Commented

Trash The Dress

Es war einmal eine gerührt lächelnde Frau, die bewundernde Blicke auf sich zog und überhäuft mit Glückwünschen begeistert in eine Zukunft zu zweit blickte. Einige Jahre später war es eine müde lächelnde Frau, die mitleidige Blicke auf sich zog und überhäuft von Besserungswünschen, sorgvoll in eine Zukunft allein schaute.

Ob nun Seitensprung, neue Liebe oder ständige Streitereien – in der heutigen Zeit schnellt die Scheidungsrate mit unglaublicher Stärke in die Höhe. Nahezu 50 % aller Ehen wurden im Jahre 2008 geschieden. Und während sich die Anwälte dieser Welt alle zehn Finger nach diesen oftmals lukrativen Fällen lecken, stehen die betroffenen Personen meist vor einem Scherbenhaufen an Erinnerungen. Sie blicken enttäuscht und voller Wehmut auf die Fotos, welche den schönsten Moment ihres Lebens darstellen sollten. Denken zurück an die Verliebtheit, die Träume und die Ziele, die man einmal gemeinsam hatte.

Trash The Dress

In ganz emotionalen Momenten geht man auch an den Schrank. Zur letzten Ecke. Berührt noch einmal das teure und nur für wenige Stunden getragene Kleid, welches man mit viel Mühe versucht hatte im Modemarkt zu finden. Und man fragt sich, was man damit jetzt nur machen soll. Hält man an dieser meist schmerzhaften Erinnerung noch fest? Versteigert man sie auf ebay? Schneidert man es zum Sommerkleid um? Schmeißt man es weg? Oder folgt man dem neuesten Trend: “Trash the Dress” – Die Zerstörung des Kleides.

Trash The Dress

Die Hamburger Fotografin Monika Faßmer (34) und der Brandenburgische Friseurmeister Mario Marquitan (38) haben sich genau diesem Thema angenommen. Ursprünglich vom Hochzeitsfotograf John Michael Cooper 2001 in Las Vegas ins Leben gerufen, beinhaltet diese Art von Glamour Fotografie im herkömmlichen Sinne den Kontrast von eleganter Kleidung an total unüblichen Plätzen. Auch unter “Fearless Bridal” oder “Rock the Frock” bekannt, liegen somit hinreißende Bräute in ihren wunderschönen Kleidern auf dreckigen Müllhalden oder in verdreckten Gebäuden. Doch während die meisten Fotografen sich an glücklich Vermählte halten, die einfach nur eine Alternative zum Aufbewahren des Kleides suchen, dachten Marquitan und Faßmer eher an all die geschiedenen Frauen und witterten eine Marktlücke.


PASSTHESTYLE.COM führte ein Interview mit Monika Faßmer und Mario Marquitan:


Wie seid ihr beide auf die Idee gekommen? Seit wann führt ihr “Trash the Dress” durch?

Monika: Als ich mein Studio vor fünf Jahren eröffnete, kontaktierten mich sehr viele Frauen, die sich Aktaufnahmen wünschten. Ich war fasziniert davon, die Schönheit und Stärke des weiblichen Körpers auf Bildern zum Ausdruck zu bringen und lernte, dass es zugleich auch immer eine Barriere aus Scham, Unsicherheit und Komplexen meiner Kundinnen zu überwinden gab. Sich vor der Kamera zu erleben, ist für viele Frauen eine Erfahrung, die befreiend wirkt und ihnen einen positiven Schub für das Selbstbewusstsein gibt. Die Freude meiner Kundinnen über die Bilder hat mir immer wieder bestätigt, dass ein Shooting mehr kann, als nur schöne Bilder liefern. Es kann eine Barriere aus Scheu und mangelndem Selbstbewusstsein überwinden und zeigen, was in jeder Frau steckt: Kraft, Liebe und Lebensfreude. Vor zwei Jahren war ich dann zur Schulung an der ICP (International Center of Photography) in N.Y. und habe dort das erste Mal von „Trash The Dress“-Aufnahmen gehört. Ich sah Coopers Aufnahmen einer Braut im brennenden Kleid, die mittlerweile sehr bekannt sind. Seither war ich von der Idee fasziniert, Brautkleider zu trashen, wollte aber nicht einfach kopieren, sondern eine eigene Philosophie entwickeln. Und so habe ich eines mit dem anderen verbunden.

Warum gerade Getrennte oder Geschiedene? Warum nicht das übliche „Trash the Dress“ mit strahlenden Bräuten?

Mario: Zum einen, weil es das in Deutschland in dieser Form noch nicht gibt und zum anderen, weil ich es auch wesentlich spannender finde. Das ganze Jahr über begleite ich durch meinen Beruf als Friseur zirka 10 bis 15 Hochzeiten. Angefangen von der Frisur bis zum Make-up, ist es im großen und ganzen immer der selbe Ablauf. Bei diesem Projekt ist aber allein schon die Atmosphäre jedes Mal eine andere. Die Geschichten sind anders. Die Hintergründe. Das macht es unglaublich spannend.

Monika: Eine Scheidung ist mit eines der schlimmsten Erlebnisse überhaupt. In dem Moment der Erkenntnis, dass alles aus und vorbei ist, bricht eine Welt zusammen. Viele Frauen fühlen sich nach einer Scheidung als Versagerin. Ihr Selbstwertgefühl ist gesunken, sie fühlen sich unsicher, ungeliebt und hilflos. Meine Arbeit soll Frauen unterstützen ihre Trennung nicht als Katastrophe, sondern als Chance zu sehen. Sie sollten mit ihrem alten Leben abschließen und positiv in die Zukunft schauen, ohne Angst oder Schuldgefühle. Die Idee, das Brautkleid zu trashen fordert auf, sich bewusst von ihrer Vergangenheit zu lösen und diesen Moment vor der Kamera zu zelebrieren. Beim Trashen verspüren viele eine ungeahnte Lust nach Freiraum, nach Freisein von alten Konzepten über Ehe und Bindung. Das Shooting bringt zum Ausdruck, was das Leben ausmacht: Es so zu nehmen, wie es kommt. Zu akzeptieren, dass manchmal nicht alles nach Plan läuft und es dennoch weiter gehen kann. Die Fähigkeit sich zu öffnen und loszulassen ist essentiell für ein glückliches Leben nach der Trennung. Wenn ich diesen Moment in Bildern festhalte, können sie die Geschiedenen noch lange Zeit nach dem Shooting ermutigen an ihrer Selbstachtung festzuhalten.

Wer sind eure Kunden?

Monika: Hauptsächlich sind es natürlich Frauen. Aber wir halten uns wirklich nur an getrennte oder bereits geschiedene Kunden.

Mario: Es ist schon fantastisch irgendwie. Frauen, im Gegensatz zu Männern, sind ja sowieso meist emotionaler. Sie wollen einen Lebensabschnitt einfach abschließen. Full circle gehen. Es ist fast wie ein Ritual. Mit dem Zerstören des Kleides haben sie das Gefühl neu durchstarten zu können. Ohne Ex-Mann. Ohne Bindung. Sie befreien sich sozusagen von Altlasten und wenn die Scheidung durch ist, ist das Kleid wohl einfach das letzte was sie noch erinnert.

Was bietet ihr an? Wie läuft die ganze Sache ab?

Monika: Also wenn Kunden zu uns kommen, dann unterhalten wir uns erstmal mit ihnen. Sie erzählen uns ihre Geschichte und wir überlegen dann gemeinsam was man machen kann. Was zu ihnen passt. Ich kümmere mich dann um die Location, die Props, eventuelle Mitarbeiter… alles was für ein Shooting eben notwendig ist, so dass der Kunde wirklich nur noch erscheinen muss.

Mario: Und ich bin dann für das professionelle Styling von Kopf bis Fuß zuständig. Manchmal haben die Frauen konkrete Vorstellungen und manchmal bringe ich mich mit meinen Ideen ein.

Monika: Je nach Vereinbarung erhalten die Kunden dann Prints in dem besprochenen Format als High Quality Photo Print und zusätzlich auch hochaufgelöst auf einer CD.

Was kostet das? Wie lange dauert ein Shooting?

Mario: Für Haare und Make-up muss man ca. 2 Stunden einplanen und für das Shooting selbst dann noch einmal 3 bis 4 Stunden. Je nach Aufwand.

Monika: Am Tag der Aufnahmen muss man also mit einem Zeitaufwand von bis zu 6 Stunden rechnen. Die Kosten für ein Shooting belaufen sich derzeit zwischen 450 € und 800 €.

Wieviel Zeit vergeht durchschnittlich vom ersten Gespräch bis zum eigentlichen Fotoshooting?

Monika: Das ist abhängig von der Art des Shootings. Außenaufnahmen können mitunter wetterabhängig sein. Gewöhnlich muss eine Vorbereitungs-zeit von 3 bis 8 Tagen einkalkuliert werden. Neue Termine sind wieder ab Februar frei. Wer Wartezeiten verkürzen will, sollte sich schon im Januar zu einem Vorgespräch anmelden.

Melden sich auch Männer?

Mario: Ja, das hatten wir auch schon. Allerdings ist das mit dem Anzug tragenden Mann auch ein wenig anders als bei einer Frau im Kleid. Die Möglichkeiten sind geringer.

Was sind die häufigsten Fotowünsche?

Monika: „Trash the Dress“ erlaubt, was gefällt und umsetzbar ist. Was die Idee und deren Umsetzung anbelangt, verlassen sich meine Kunden überwiegend auf meine Beratung und Erfahrung. Es geht mir nicht darum einfach ein aufregendes Shooting zu arrangieren. Ich möchte meine Kundin so gut es geht kennen lernen, bevor ich sie fotografiere, denn von der ersten bis zur letzten Aufnahme spielt das Vertrauen zum Fotografen eine sehr große Rolle. Die Kunst liegt darin, eine Einheit zu schaffen. Location, Make-up, die Frisur, das Kleid, alles muss stimmig sein. Alles muss zu der Person, ihrer Geschichte und Persönlichkeit passen. Wenn mir das gelingt, entwickeln die Frauen vor der Kamera eine großartige Ausstrahlung und ich sehe, wie alles ihre Persönlichkeit unterstreicht und sie wunderschön aussehen lässt.

Was war das erste Shooting und was das letzte? Welche Location?

Monika: Das erste Shooting war ein Schokoladen-Trash im Studio. Ich war schrecklich aufgeregt und hatte mich sehr intensiv auf das Shooting vorbereitet. Mir war bewusst, dass man während des Trashens nichts wiederholen oder rückgängig machen kann. Ist das Kleid erst einmal beschmutzt, ist es zu spät etwas zu korrigieren. Es musste also alles perfekt geplant und vorbereitet sein. Als die ersten Schokoladentropfen dann auf das blütenweiße Kleid der Kundin fielen, war ich mindestens genauso aufgeregt und ergriffen wie sie. Das letzte Shooting wurde noch kurz vor Weihnachten für eine Reportage über meine Arbeit von Pro7 aufgenommen. Wir haben drei Shootings an einem Tag im Studio gedreht. Ein Kleid wurde mit Schokolade getrasht, eines mit Gold, und ein Brautkleid wurde von fünf Sibirien Huskies zerrissen.

Was war der interessanteste oder verrückteste Wunsch einer Kundin?

Mario: Also ich fand das Shooting mit den Hunden am besten. Da hat eine Kundin sich ihr Kleid von 5 Huskies zerreißen lassen. Und ich muss sagen, sie zeigte viel Mut. Schließlich kannte sie die Tiere ja gar nicht. Und es war ungemein lustig mit ihr.

Monika: Unvergesslich für mich ist ein Shooting, bei dem eine Kundin nicht nur ihr Kleid, sondern auch gleich ein Auto zerstörte. Die Aufnahmen entstanden zusammen mit ihrem Ex-Mann. Das Paar hatte sich einvernehmlich getrennt und buchte das Shooting, um einen originellen Abschluss ihrer Ehe zu zelebrieren. Ausgestattet mit Smoking, Brautkleid, Schutzbrille und Vorschlaghammer zerlegten die frisch Geschiedenen das Auto in tausend Stücke und hatten ihre pure Freude daran. Selbst bei einer einvernehmlichen Trennung sind Enttäuschung und Trauer vorhanden und können beim Car Crashen wunderbar abreagiert werden.

Gibt es besonders emotionale Momente beim Fotoshooting?

Mario: Wenn sich die Kundin noch einmal als Braut im Spiegel sieht, fließen schon ab und zu Tränen. Das ist dann meist sehr emotional. Doch dann freuen sie sich auch gleich wieder aufs Shooting und sind neugierig ganz im Sinne von ‘los geht’s’.

Monika: Es gibt viele ergreifende Momente während des Shootings. Aber der bewegendste ist meistens der, wenn die Frau ihr Brautkleid anzieht und sich darin noch einmal im Spiegel betrachtet.

Was war der bisher traurigste Moment den ihr erlebt habt?

Mario: Für mich war es die Kundin, deren Hochzeit zwei Tage zuvor abgesagt wurde. Das Paar hatte wohl Differenzen und sie entschied sich letztendlich dazu ihn nicht zu heiraten und kam dann zu uns. Die Geschichte an sich fand ich sehr traurig.

Monika: Wirklich traurige Momente gab es für mich bisher nicht. Auch hat keine Frau bereut, ihr Kleid getrasht zu haben. Einige hinterlassen mir ihre getrashten Kleider, um sie im Studio auszustellen und anderen Frauen Mut zu machen. Ich denke, dass sie alle wirklich stolz auf sich und ihre Bilder sind. Sie haben geschafft, sich ein Stück von der Vergangenheit zu lösen und den neuen Lebensabschnitt zu begrüßen. Mein Respekt gebührt allen, die diesen Schritt schaffen und mein Dank denen, die mir auf ihrem Weg dorthin das Vertrauen schenken.

Hat eine Kundin jemals einen Rückzieher vom Trashen gemacht?

Monika: Nein, bisher hat keine Frau ihren Entschluss, das Kleid zu trashen, geändert. Viele können das Fotoshooting eher gar nicht abwarten und sind schon Tage vorher enorm aufgeregt.

Seid ihr beide selbst verheiratet? Und würdet ihr auch eure Garderobe trashen wenn’s schief geht?

Monika: Nein, ich bin nicht verheiratet. Eine Hochzeit war aber schon mal geplant gewesen, nur leider hatte mein damaliger Partner mitten in der Hochzeitsplanung einen Rückzieher gemacht, und alles musste abgesagt werden. Das war sehr verletzend und die Trennung folgte kurz darauf. Ich bin sehr romantisch und die Tatsache, dass ich Scheidungsfotografin bin, ändert nichts an meinem Glauben an die Ehe. Ich will mit meiner Arbeit Scheidungen weder verherrlichen, noch vereinfachen. Ganz im Gegenteil. Meine Arbeit soll Geschiedenen Mut machen, wieder an die Liebe und die Ehe zu glauben. Aber um das zu erreichen, muss das Selbstvertrauen wieder hergestellt werden. Ich bin weder Psychologin, noch Therapeutin, lediglich Fotografin mit Fantasie und Zuversicht. Und wäre ich geschieden, würde ich mein Brautkleid mit Sicherheit trashen. Ich befreie mein Leben gern von Altlasten. Damit meine ich Dinge, die mein Herz nicht erfreuen. Nach einer Scheidung würde mich das Brautkleid immer wieder traurig stimmen, ganz gleich wie wunderschön und teuer es gewesen sein mag. Statt das Kleid in einem Plastikbeutel im Kleiderschrank zu verstecken, würde ich es noch mal anziehen, trashen und die Bilder dann stolz allen Freunden zeigen. Das Kleid wäre jetzt nicht mehr ein trauriges Andenken an meine Vergangenheit, sondern ein Symbol für eine Zukunft mit Optimismus.

Mario: Ich bin glücklich mit meinem Mann verheiratet und will an Scheidung gar nicht denken!

Vielen Dank für das Interview.


“Trash The Dress” Bildergalerie:


Wer sich für “Trash the Dress” interessiert, melde sich bitte bei

BILDERREICH
Atelier für Photodesign
Holländische Reihe 29
22765 Hamburg – Ottensen
Tel: 040/180 336 55
www.bilderreich.eu

Mario Marquitan & Crew
Koppel 29
20099 Hamburg
Tel: 040/4192 4440
www.mario-marquitan.de

Das Interview führte Jeannine Thiele.


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  • Abgefahrene Marke, bin beeindruckt! Mal sehen was man noch so von denen hört, aber der Style ist echt cool und abgedreht. Grüßle, eure Alex

  • Ich bin selbst geschieden und habe mein Kleid damals über ebay verkauft. Heute bereue ich es, weil man ihm doch irgendwie nachtrauert. Damals gab es aber auch noch nicht so viele Möglichkeiten, etwas anderes damit zu machen. Trash the dress finde ich daher echt interessant. Hätte ich das Kleid doch bloß noch…

  • Posted by Madelaine On 4. Januar 2010

    So ganz neu ist die Idee ja wohl nicht. Es gibt schon einige Stylisten bzw. Fotografen in Deutschland, die diese Art von Trashing betreiben. Das einzig “Neue” ist wirklich, dass nur Geschiedene angenommen werden. Kenne einen guten Trasher in Dresden, eine Freundin von mir hat das direkt einen Tag nach ihrer Hochzeit zusammen mit ihrem Mann gemacht. Die Beiden meinten, das wäre besser als die Hochzeit selbst gewesen…

  • Posted by Nobodyisperfect On 4. Januar 2010

    Ich bin selbst geschieden und habe mein Kleid damals über ebay verkauft. Heute bereue ich es, weil man ihm doch irgendwie nachtrauert. Damals gab es aber auch noch nicht so viele Möglichkeiten, etwas anderes damit zu machen. Trash the dress finde ich daher echt interessant. Hätte ich das Kleid doch bloß noch…

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